Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

Autor: Matthias (Seite 4 von 18)

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Neu im Fuhrpark: Singlespeed

Mein Zweirad-Fuhrpark ist noch ein kleines biss­chen gewach­sen: Seit kurzem bin ich jet­zt auch noch im Besitz eines schick­en Sin­gle­speed-Rades. Das ein­fache und gün­stige Mod­ell, ein Leader FF1 von Tretwerk, kon­nte ich qua­si neu aus zweit­er Hand erwer­ben (und dabei noch ein paar Euro sparen): unge­fahren, aber aufge­baut (allerd­ings hat­te der Vorbe­sitzer die Vorder­rad­bremse falsch mon­tiert). Und nach nach den ersten Test kann ich sagen: So ein Räd­chen macht eine Menge Spaß. Man muss beim Fahren noch weniger “denken”, son­dern tritt ein­fach in die Ped­ale. In der Stadt funk­tion­iert das her­vor­ra­gend. Am Woch­enende habe ich es sog­ar für zwei, drei kurze Streck­en im Oden­wald getestet und dabei fest­gestellt, dass sog­ar das geht — wenn man kleine Umwege zur Ver­mei­dung der steil­sten Anstiege in Kauf nimmt ;-). Aber in erster Lin­ie habe ich das natür­lich für die (fast) flache Innen­stadt von Mainz erwor­ben. Und da flutscht es mit dem Ding ein­fach. Und schick ist es noch dazu (vor allem, nach­dem ich alle — und das waren wirk­lich viele! — Aufk­le­ber ent­fer­nt habe …)

Von Wölfen, Hunden und den Gründen des Laufens

rowlands-läuferDer Läufer und der Wolf — das ist schon ein­mal eine Ansage, die Mark Row­lands da im Titel seines Buch­es macht. Und lei­der ist sie etwas irreführend. Das ist aber auch schon fast der größte Makel, den ich an seinem Werk beim Lesen ent­deck­en kon­nte.

Mark Row­lands entwick­elt hier jeden­falls so etwas wie eine Philoso­phie des Laufens beim Laufen oder durch das Laufen. Laufen, darauf legt er immer wieder Wert, hat in der mod­er­nen Welt für den mod­er­nen Men­schen eine beson­dere Stel­lung. Denn das Laufen ist Zweck­frei­heit in Rein­form. Hier, beim oder im Laufen, find­et Row­land einen echt­en intrin­sis­chen Wert, der in ein­er Zeit, die sich als instru­mentelle Peri­ode beschreiben lässt, eine große Aus­nahme ist. Und — das ist ein wenig para­dox — darin liegt ger­ade der Wert oder die Fasz­i­na­tion des Laufens: Dadurch, dass es intrin­sisch motiviert ist — also nicht durch Über­legun­gen wie längeres/gesünderes Leben, besseres Ausse­hen, schnellere Zeit­en — zeigt uns das Laufen, dass es auch in ein­er (fast) durchge­hend instru­mentell organ­isierten und ver­fassten Welt intrin­sis­che Werte geben kann und auch gibt:

Laufen ist das verkör­perte Erfassen von intrin­sis­chem Wert im Leben. Das ist der Sinn des Laufens. Das ist es, was Laufen wirk­lich ist. (227)
Laufen ist ein­er der Momente im Leben, wo die Zwecke und Ziele ent­fall­en. (216)

Und das führt wiederum zu ein­er weit­eren, emi­nent wichti­gen Beobach­tung über den Sta­tus des Laufens:

Laufen […] ist ein Weg, um zu ver­ste­hen, was wichtig oder wertvoll im Leben ist. (15)

Das entwick­elt Row­lands in ein­er Art Free-Flow-Philoso­phieren, einem Freis­til-Denken: Ereignisse, Abschnitte sein­er Biogra­phie, das Tun des eige­nen Lebens dienen ihm als Anlass und Impuls, über größere Zusam­men­hänge nachzusin­nen (und die Leserin­nen daran teil­haben zu lassen). Manch­mal ein­fach so, manch­mal mit Sys­tem, manch­mal mit Rück­bezug (aber eher all­ge­mein, nicht speziell oder aus­ge­sprochenn detail­liert) auf die Philoso­phiegeschichte. Als wesentlich zeigt sich in Der Läufer und der Wolf, das neben anderem auch ein Läufer­buch ist (mit dem typ­is­chen Abschre­it­en der eige­nen Läufer­kar­riere — dem Laufen in der Kind­heit, dem Train­ing, dem ersten Marathon, den Hun­den (“Wölfe”!) als Moti­va­toren fürs Laufen), die Beobach­tung der Prozesshaftigkeit der Zeit, also: des Alterns. Zu den typ­is­chen Eigen­heit­en eines Lauf­buchs gehört auch die wieder­holte Beschwörung eines “Herz­schlag des Laufes”, die Row­land immer wieder erzählt: Jed­er Lauf hat für sich seinen eige­nen Herz­schlag, sein eigenes Leben, das es zu ent­deck­en, zu spüren und zu erfahren gilt — ein Moment übri­gens, an dem der Intellekt seine Gren­zen aufgezeigt bekommt.

Außer­dem beobacht­en Row­lands noch eine Verän­derung in Stufen beim und durch das Laufen auf der Langstrecke: Er beschreibt das als spin­ozis­tis­che, carte­sian­is­che, humesche und sartresche Phasen des Laufens, die während dem Laufen zu ein­er zunehmenden “Ich-Auflö­sung” führen und den Läufer, das ist natür­lich der entschei­dende Punkt, Frei­heit schenken, ihn (von sich und der Welt) befreien.

Wenn ich denke, erfahre ich mich selb­st nor­maler­weise dabei. Beim Langstreck­en­lauf erfahre ich mich nicht beim Denken, weil die Kon­trolle, die ich über mich selb­st habe, weniger wird. An die Stelle des Denkens treten Gedanken, anscheinend ganz und gar nicht meine eige­nen, die aus dem Nir­gend­wor kom­men, völ­lig uner­wartet, und gle­ich wieder im Dunkel ver­schwinden. (77)

Durch dieses ganze Bün­del an dem Laufen spez­i­fisch eige­nen Erfahrun­gen (Zweck­frei­heit, Herz­schlag, Be-Freiung) bekommt das Laufen seinen spez­i­fis­chen Wert für den mod­er­nen Men­schen und seine Stel­lung im Leben: Das Laufen kann (nicht muss!) uns den “inneren Wert des Lebens” nicht unbe­d­ingt zeigen, aber zumin­d­est aufzeigen oder vor­führen:

Das Laufen, so meine These, hat einen inneren Wert. Und deshalb kommt man, wenn man läuft und es aus dem richti­gen Grund tut, mit dem inneren Wert des Lebens in Berührung. (14f.)

Und damit kann das Laufen ja unge­heuer viel — näm­lich nicht weniger, als den Sinn des Lebens zu erschließen:

Aber Laufen ist ein Weg, und als solch­er ermöglicht das Laufen es uns, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beant­worten (15)

Mark Row­lands: Der Läufer und der Wolf. 2. Auflage. Berlin: Rogn­er & Bern­hard 2014. 240 Seit­en. ISBN 9783954030484.

Langstreck­en­laufen ist eine zielo­ri­en­tierte Leis­tung, die zeigt, wie bankrott das Konzept der zielo­ri­en­tierten Leis­tung ist. (39)

100 Meilen im Westen

Trail­läufer und ‑läuferin­nen sind bei Film­macherin­nen ger­ade sehr beliebt. Kein Wun­der, gibt es doch schöne Bilder fast garantiert, und dazu gerne noch eine Heldengeschichte mit oder ohne Scheit­ern, mit oder ohne Opfer — das kann man immer schön (in Bildern) erzählen … (und nicht zulet­zt so Wer­bung machen für den Spon­sor der Läuferin — hier ist es mal nicht Salomon, son­dern Nike). So hat’s auch Bil­ly Yang gemacht, der Sal­ly McRae bei den West­ern States begleit­ete und daraus mit viel Pathos seinen Film “West­ern Time” gemacht hat:


Beim Klick­en auf das und beim Abspie­len des von YouTube einge­bet­teten Videos wer­den (u. U. per­so­n­en­be­zo­gene) Dat­en wie die IP-Adresse an YouTube über­tra­gen.

Trail Running is a Journey

ein schön­er kurz­er Film über die Schön­heit­en des Laufens:

ich bin ja überzeugt, dass man das “Trail” dabei dur­chaus stre­ichen kann, das ganze — die Idee der “jour­ney” und die Schön­heit — gilt fürs Laufen über­haupt. Aber schönere Bilder gibt’s wahrschein­lich beim Trailen. Vor allem natür­lich im Hochge­birge — aber wer ist da schon?

Ein “Tanz mit den Hindernissen” — Kilian Jornets “Lauf oder stirb”

Beina­he hätte ich das Buch noch auf der ersten Seite zugeklappt und in den Papierko­rb geschmis­sen. Da ste­ht näm­lich so hirn­ver­bran­nter Unsinn wie:

„Hol dir den Siegerkranz, oder stirb bei dem Ver­such, ihn zu erlan­gen. Ver­lieren heißt ster­ben, gewin­nen heißt leben. […] Sport ist ego­is­tisch, weil man ego­is­tisch sein muss, um kämpfen und lei­den zu kön­nen, um die Ein­samkeit und die Hölle zu lieben. […] Denn ver­lieren heißt ster­ben. Und du kannst nicht ster­ben, ohne alles gegeben zu haben, ohne dass Schmerzen und Wun­den dich zum Weinen gebracht hät­ten. Du darf­st nicht aufgeben. Du musst kämpfen bis zulet­zt. Denn Ruhm ist das Aller­größte, und dein einziges Ziel muss sein, ihn zu erlan­gen oder auf der Strecke zu bleiben, nach­dem du alles gegeben hast. […] Es ist an der Zeit zu lei­den, es ist an der Zeit zu kämpfen, es ist an der Zeit zu siegen. Lauf oder stirb! (9f.)

Zum Glück — und das ist wirk­lich ein Glück — ist es mit solch markig-mar­tialis­ch­er gewalt- und kriegsver­her­rlichen­der Sprüchek­lopfer­ei dann auch schnell wieder vor­bei. Denn der Rest von Lauf oder stirb (der Titel hätte mich ja war­nen kön­nen) ist ein aus­geze­ich­netes Lauf­buch.

jornet, lauf oder stirbDa geht es näm­lich wirk­lich um das Laufen. Und natür­lich um Kil­ian Jor­net. Das führt dazu, dass “Laufen” hier manch­mal etwas anderes ist als das, was “nor­male” Men­schen darunter ver­ste­hen. Jor­net, in den Bergen geboren (der Hin­weis darf nie fehlen …), schon früh von seinen Eltern in das Wet­tkampfgeschehen der Bergsportarten, ins­beson­dere des Skiberg­steigens, einge­führt, läuft näm­lich vor allem sehr extrem. Fast nur im Gebirge, gerne mal ohne Weg und Steg, gerne mal weit über das hin­aus­ge­hend, was vernün­ftig ist und mit halb­wegs real­is­tis­ch­er Risikoein­schätzung noch zu vertreten ist. Nachah­men sollte man das also nicht unbe­d­ingt. Lauf oder stirb hat aber auch gar nicht Anspruch, ein Anleitungs­buch zu sein: Es gibt keine Train­ingspläne (die wer­den nicht ein­mal erwäh­nt), keine Aus­rüs­tungstipps, es ist keine Ernährungs­bibel und auch kein Weg­weis­er zu beson­ders tollen Trails. Stattdessen erzählt Jor­net wirk­lich vom Laufen und der Fasz­i­na­tion daran: Der Fasz­i­na­tion des Draußen-seins: Dem Erleben der Umwelt, der Berge und Gebirge, der Pflanzen und der Tiere, dem Wet­ter und der Aus­sicht­en, den Naturschaus­pie­len.
Der Fasz­i­na­tion der kör­per­lichen Erfahrung: Das wörtliche erlaufen neuer Hor­i­zonte, neuer Höhen und Gebi­ete.
Der Fasz­i­na­tion der Her­aus­forderung von Gren­zen und dem Über­schre­it­en.
Der Fasz­i­na­tion des Laufens nicht nur als Bewe­gung­form, als Ablauf von Bewe­gun­gen (auch das spielt aber eine Rolle), son­dern auch als eine Art Exis­tenz, ein psy­chis­ch­er Zus­tand, eine Art Sucht.
Und, nicht zu vergessen: die Fasz­i­na­tion des Gewin­nens.
Denn der Jor­net, der sich hier präsen­tiert, läuft um zu siegen, er ist ein (rein­er) Wet­tkampfläufer: Läufe, die der Vor­bere­itung, dem Train­ing dienen oder ein­fach so unter­nom­men wer­den, spie­len hier kaum eine Rolle. Es geht ums gewin­nen. Oder sie dienen dazu, andere zu besiegen. Im direk­ten Ver­gle­ich wie beim UTMB oder im Unter­bi­eten von Bestzeit­en (zum Beispiel beim TRT oder auf dem Kil­i­mand­scharo): Auf das Siegen kommt es an.

Ich genieße den Wet­tkampf. Jeden davon möchte ich gewin­nen und dabei das Gefühl erleben, als Erster durchs Band zu laufen. Es ist wun­der­bar, nach der let­zten Kurve in die Ziel­ger­ade einzu­biegen und das Band am Ende zu erspähen. Mich noch ein­mal umzu­drehen und zu verge- wis­sern, dass nie­mand mir diesen Moment nehmen kann. Nach vorne zu schauen, die Augen zu schließen und noch ein­mal Gas zu geben, um mich vom Pub­likum zum Sieg tra­gen zu lassen. In jen­em Moment vergesse ich den Schmerz, spüre ich meinen Kör­p­er nicht mehr, son­dern bin, von den Emo­tio­nen dieser let­zten Sekun­den erfüllt, ganz bei mir. Und dann füh­le ich, wie mein schweiß­nass­er Kör­p­er das Ziel­band zer­reißt und es zu Boden fällt. (31)

Das macht Jor­net allerd­ings nicht alleine, son­dern aus­ge­sprochen pro­fes­sionell mit großer Mannschaft, die schnell zwei Dutzend und mehr “Mitar­beit­er” umfasst. Das fand ich etwas schade, dass er diesen Umstand gerne etwas abtut: Natür­lich sind die ihm wichtig — die Höflichkeit gebi­etet das, aber beson­ders detail­liert oder inten­siv geht er nicht auf sie ein, wed­er auf die Läufer, die ihm als Tem­po­mach­er dienen (er nen­nt das meis­tens “Train­er”), noch das Ver­sorgung­steam und schon gar nicht der große medi­ale Zirkus. Dass sein Spon­sor Salomon bei der Pyrenäen­querung auch einen Hub­schrauber im Ein­satz hat­te, erfährt man hier nicht — an weni­gen Stellen wer­den Kam­eraleute und Fotografen immer­hin erwäh­nt.

Das soll jet­zt über­haupt nicht seine Leis­tung schmälern, hätte vielle­icht aber ein voll­ständi­geres Bild abgegeben. Denn Jor­net ist, wie vielle­icht kaum ein ander­er Trail-/Ul­tra­läufer über­haupt, eine medi­ale Insze­nierung, die sein Spon­sor maßge­blich vorantreibt. Das mag, um wieder zum eigentlichen zurück­zukom­men, mit seinem Lauf­stil zusam­men­hän­gen: Laufen, das ist für Jor­net ein „Tanz mit den Hin­dernissen“ (66). Dazu gehört auch, sich irrsin­nig irgendwelche Hänge und Rin­nen her­abzustüren, über Grate zu bret­tern — und dabei noch lock­er und genießend auszuse­hen. Davon erfährt man auch in Lauf oder stirb viel. Und von dem, was in einem solchen Aus­nah­meläufer während des Laufens vorge­ht, wie er das Laufen, seine Umge­bung und sich selb­st wahrn­immt — das sind großar­tige Pas­sagen wie diese hier:

Inmit­ten dieser Far­ben­pracht gle­ichen wir Tänz­ern, die sich im Rausch der Kraft fort­be­we­gen. Wir spie­len mit dem bre­it­en, sich wellen­för­mig dahin­schlän­gel­nden Weg, der uns alles gibt, was wir brauchen, um Spaß zu haben. Jede Kurve, jedes noch so kleine Gefälle, jed­er Son­nen­strahl, der uns trifft, belebt unser Tem­po. Jede Ausrede ist recht, um die Schrit­tfre­quenz mein­er Beine zu erhöhen und zu spüren, wie meine Muskeln sich beim Abstoßen vom Boden zusam­men­ziehen und während der Flug­phase vol­lkom­men entspan­nen. Meine Uhr zeigt mir an, dass ich mich mit sechzehn Stun­denkilo­me­tern fort­be­wege. Ich füh­le mich wirk­lich gut, und meine Füße wür­den den Unter­grund am lieb­sten gar nicht berühren. Wir kom­men mit großer Geschwindigkeit zwis­chen den Bäu­men voran, fliegen förm­lich mit leisem Schritt und gle­ich­mäßiger Atmung, sodass uns nichts ent­ge­ht, was um uns herum passiert. (62)

Natür­lich gehört auch der Schmerz dazu, die Über­win­dung, das Lösen von Prob­le­men — sei es der Ver­sorgung, der Ori­en­tierung oder der Musku­latur, die vielle­icht nicht ganz so unternehmungslustig ist.

Die Besessen­heit, mit der sich Jor­net dem Laufen ver­schreibt, ist sich­er nicht ganz üblich. Nicht ganz durch­schnit­tlich sind aber auch seine Voraus­set­zun­gen. Für ihn ist es vor allem die Psy­che, die ihn zum Gewin­ner macht. Das ist natür­lich min­destens Under­state­ment, eigentlich sog­ar etwas geschum­melt. Denn natür­lich geht so etwas — Spitzen­leis­tun­gen wie der mehrfache Sieg beim UTMB oder ähn­lich­es — nicht ohne entsprechende phys­i­ol­o­gis­che Voraus­set­zun­gen. Aber man sollte bei einem Läufer­buch vielle­icht auch nicht jedes Wort auf die Gold­waage leg­en. Denn unab­hängig von meinen kleinen Ein­wän­den1 ist Lauf oder stirb ein tolles Buch, dass die grandiosen Erfahrun­gen, die man — ob man so schnell, weit und extrem läuft wie Jor­net oder wie ich etwas gemäßigter 😉 — beim Laufen immer wieder machen kann, sehr anschaulich und ger­adezu mitreißend beschreibt.

Kil­ian Jor­net: Lauf oder stirb. Das Leben eines bed­i­n­ungslosen Läufers. München: Malik 2013. 222 Seit­en. ISBN 9783890297644.

  1. Dazu gehört übri­gens auch noch die Kri­tik am etwas schlampi­gen Lek­torat, dass doch tat­säch­lich mehrmals (S. 15 u.ö.) Gal­izien statt Gali­cien ste­hen lässt!

Essen und Laufen

Eat & Run, CoverIst das ein Lauf­buch? Der Autor­name lässt es ver­muten: Scott Jurek ist ein­er der großen Ultra­läufer. Aber Eat & Run — der Titel ver­rät es ja schon — dreht sich nicht nur ums Laufen. Im Gegen­teil: Über weite Streck­en geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund ste­ht das im Titel vorne. Und zwar um das richtige Essen — näm­lich die veg­ane Ernährung. Jurek schildert aus­führlich seinen Weg von der “nor­malen” amerikanis­chen Kost des mit­tleren West­ens zur veg­an­is­chen Ernährung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (schein­bar) gesund­heitlichen Grün­den und weil er meint zu beobacht­en, dass er sich damit bess­er fühlt. Zugle­ich pla­gen ihn aber auch lange und immer wieder die Zweifel, ob er mit veg­a­nen Lebens­mit­teln aus­ge­wogen, gesund und in allen Bere­ichen aus­re­ichend genährt ist, um Ultras zu laufen.

Schade, dass das eigentliche Laufen dann so eine ver­gle­ich­sweise kleine Rolle spielt. Sich­er, die großen Ereignisse sind drin — etwa sein über­raschen­der Sieg beim West­ern State 1999. Sein Kampf mit dem Bad­wa­ter, mit dem der von Steve Fried­man in eine angen­hem les­bare, dur­chaus span­nende und abwech­slungsre­iche Erzäh­lung gebrachte Text ein­set­zt. Was mir aber oft fehlte: Was Jurek beim Laufen eigentlich erlebt, wie er das Laufen erlebt und wahrn­immt. Hier geht es dage­gen oft um “Äußeres” — sein Train­ing, die Wet­tkämpfe, die Streck­en auch mal, das aber schon recht ober­fläch­lich oft.

Typ­isch für ein Lauf­buch, ger­ade von Ultra­läufern, ist aber ein wesentlich­er Aspekt: Die per­ma­nente Über­bi­etungslogik (hier aber gar nicht oder nur wenig reflek­tiert). Das muss immer noch etwas härter, noch etwas weit­er, steil­er, extremer und gefährlich­er sein. Bei Jurek kommt noch hinzu: Mit immer mehr Hand­i­cap gelaufen — zum Beispiel wie den Hardrock 100 mit ver­let­ztem Knöchel -, also immer mehr Schaden an Leib und Seele in Kauf nehmend. Aber für “tough men” ist das natür­lich gar kein Prob­lem, son­dern eine Her­aus­forderung. Viel weit­er reicht der Hor­i­zont Jureks hier nicht — schade eigentlich. Schade auch, dass er sich auf’s Gewin­nen beschränkt. Sein Scheit­ern spielt nur eine sehr kleine Rolle — die Auf­gabe beim UTMB 2008 ist ihm etwas nur einen hal­ben Satz wert und wird mit ein­er Ver­let­zung entschuldigt. Das ist etwas para­dox, weil er ger­ade zuvor seit­en­weise über seine hero­is­che Groß­tat, den Hardrock 100 schon ver­let­zt zu begin­nen, schrieb. Aber es passt in den Ein­druck, der sich bei mir immer mehr ver­stärk­te: Es geht ihm hier nicht ums Laufen, son­dern um das Gewin­nen — also um das Besiegen ander­er Läufer. Das passt nur wenig mit sein­er gerne beschwore­nen Beschei­den­heit zusam­men — ger­ade wenn es in Sätzen gipfelt wie:

No one wants to win more than I do. (154)

Ver­nun­ft und Ver­stand darf man hier aber generell nicht zu viel erwarten.

Bei manchen Din­gen reicht meine Geduld allerd­ings auch nicht: Zum Beispiel schreibt er lange und aus­führlich über die Idee, mit möglichst kleinem “impact” auf der Erde zu leben, also möglichst wenig bis gar keine Ressourcen zu ver­brauchen. Nur um dann wenige Seit­en später sich ganz selb­stver­ständlich ins Flugzeug zu set­zen, um ein paar Stun­den zum näch­sten Lauf zu fliegen, weil seine Moti­va­tion auf den “Haus­run­den” ger­ade im Keller ist. So etwas kapiere ich ein­fach nie …

Das klingt jet­zt alles recht neg­a­tiv — aber so richtig warm gewor­den bin ich mit Eat & Run eben nicht. Obwohl ich die Leis­tun­gen Jureks sehr schätze, blieb mir seine Hal­tung zum Laufen, wie sie sich hier zeigt, ein­fach fremd.

Scott Jurek with Steve Fried­man: Eat & Run. My unlike­ly Jour­ney to Ultra­ma­rathon Great­ness. Lon­don u.a.: Blooms­bury 2012. 260 Seit­en. ISBN 9781408833384

Gerissen

Am 22.1.2014 ist gegen 22 Uhr mein Streak geris­sen — zusam­men mit meinem Waden­bein und dem Band (Syn­desmose) am Sprungge­lenk (Maison­neuve-Frak­tur). Natür­lich war das Ski­fahren schuld 😉 — aber wenig­stens habe ich bei meinem ziem­lich hefti­gen Sturz auf der Piste in Galtür (stil­gerecht direkt ober­halb des Weiber­himmls) nie­man­den umge­fahren …

2041 Tage bin ich bis dahin in Serie gelaufen, mit inge­samt 19903 Kilo­me­tern (schade eigentlich, dass es für die 20000 nicht mehr gere­icht hat ;-)).

Und jet­zt humpel ich erst ein­mal noch etwas herum, sechs Wochen darf ich den Fuß nicht belas­ten, bevor die Schraube wieder her­auskommt. Aber dann geht das ganze wohl wieder von vorne los. Inzwis­chen habe ich doch schon fast wieder Lust auf einen neuen Streak, nach­dem ich mich im let­zten Jahr öfters nur noch durch die Länge mein­er Serie motivieren kon­nte. Aber nach ein­er Woche Zwangspause merke ich: Da fehlt was …

So sah das Waden­bein übri­gens kurz nach dem Sturz aus:

Das gebrochene rechte Wadenbein

Das gebroch­ene rechte Waden­bein

Sonntagsausfahrt

Am Son­nta­gnach­mit­tag war ich noch kurz mit dem Liegerad im Oden­wald unter­wegs. Dass es der Oden­wald war, sieht man sofort am Geschwindigkeits­di­a­gramm:

Tempodiagramm 18.8.2013

Tem­po­di­a­gramm 18.8.2013

Auf­grund des Wet­ters wurde es keine beson­ders lange Aus­fahrt. Dabei hat­te es ganz gut ange­fan­gen: Von Erbach aus über Erbuch nach Bul­lau hin­auf — fast die ganze Zeit hat­te ich zwei Ren­nradler im Blick­feld vor mir, mal etwas näher, dann wieder etwas weit­er weg. Aber die hat­ten es ganz offen­bar nicht beson­ders eilig, son­st hätte sie mich bei den Bergauf­fahrten eigentlich lock­er abhän­gen kön­nen und sollen. Kurz vor Bul­lau haben sie es dann geschafft — da war ich schon etwas aus­ge­pow­ert und fuhr eine Weile in einem sub­op­ti­malen Gang …
Von Bul­lau bin ich dann durch den Wald am Bul­lauer Bild hinüber zum Würzberg­er Jäger­tor — das war eine aben­teuer­liche Sache. Das ist zwar ein offizieller Rad­weg. Aber mit einem Fahrrad kaum vernün­ftig zu befahren, zumin­d­est nicht in einem halb­wegs ordentlichen Tem­po. Drei Voll­brem­sun­gen mit ein­mal bei­de Füße auf den Boden habe ich gebraucht: Wenn dieser Weg nicht total hän­gend nach allen Seit­en ist, dass man kaum einen Pfad zum Fahren find­et, ist er mit Schlaglöch­ern über­set­zt. Und die Schlaglöch­er sind hier richtige Gruben, in denen ich prob­lem­los mein Hin­ter­rad versenken hätte kön­nen — nur wäre ich dann wohl nci­ht mehr hin­aus­gekom­men. Zum Glück hat es aber immer noch ger­ade so geklappt. Nur die bei­den älteren Damen kurz vor Würzberg waren dann total über­rascht, als ich von hin­ten anrauschte — obwohl ich kräftig (soweit das ging …) klin­gelte und mein Rad auf der schlecht­en Schot­ter­piste ganz schön schep­perte …
Kaum war ich wieder auf asphaltierten Wegen, fing es dann an zu reg­nen — und zwar ziem­lich kräftig. Am Abzweig zur Man­gels­bach habe ich dann sozusagen die Not­bremse gezo­gen und mich erst ein­mal eine knappe halbe Stunde in die Bushal­testelle verkrümelt. Denn als näch­stes stand die Abfahr über die B47 nach Michel­stadt hin­unter auf dem Plan — und die ist selb­st bei guten Ver­hält­nis­sen anstren­gend: Schnell, einige enge Kur­ven — und vor allem viel Verkehr. Zum Glück hat es dann irgend­wann deut­lich nachge­lassen, meine Geduld war näm­lich längst am Ende. Also zog ich meine Jacke über und habe es gewagt. Die Abfahrt war dann stel­len­weise heikel — oder kam mir zumin­d­est so vor. Mit knapp 60 km/h auf regen­nass­er Fahrbahn, teil­weise noch von den Autos ein­genebelt: Das war für meine beschei­de­nen Fahrkün­ste gren­zw­er­tig. Es hat aber alles geklappt, ich bin heil und glück­lich unten angekom­men und war ja dann auch kurz darauf schon wieder zu Hause. Aber die dun­klen Wolken am Him­mel hat­ten mir die Lust auf die eigentlich geplante weit­ere Schleife aus­getrieben …

Pech

Warum ich in der let­zten Zeit so wenig laufe: Pech.

Immer dann, wenn ich die Umfänge ger­ade wieder steigere und die Lust auf mehr da ist, passiert irgend etwas blödes. Erst war es das Fahrrad­schloss, dass mir auf den recht­en Mit­tel­fuß gefall­en ist: Zack, wieder ein paar Tage nur mit äußer­ster Vor­sicht und Zurück­hal­tung nur ganz wenig gelaufen.

Dann war es nass­er Asphalt (und vielle­icht noch ein Ölfleck oder so): Zack, war mein Hin­ter­rad nicht mehr unter mir, son­dern neben mir — und meine linke Hüfte auf den Asphalt gepresst. Nach zehn Tagen sieht das jet­zt so aus:

Immer­hin ist die Schwellung fast voll­ständig zurück­ge­gan­gen, dafür tauchen neue Blutergüsse auf, die vorher in der Tiefe schlum­merten. Inzwis­chen sind die Bewe­gun­gen (nach dem Gehumpel auf den zwei Kilo­me­ter lan­gen Streak-Not-Streck­en) wieder flüs­sig gewor­den. Ganz schmerzfrei ist das aber immer noch nicht, was die Lust und die Umfänge natür­lich entsprechend bee­in­flusst.

Und ich wette, wenn ich mich davon erholt habe und die täglichen bzw. wöcht­en­lichen Umfänge wieder etwas gesteigert habe, passiert etwas anderes …

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