Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

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Essen und Laufen

Eat & Run, CoverIst das ein Lauf­buch? Der Autor­na­me lässt es ver­mu­ten: Scott Jurek ist einer der gro­ßen Ultra­l­äu­fer. Aber Eat & Run – der Titel ver­rät es ja schon – dreht sich nicht nur ums Lau­fen. Im Gegen­teil: Über wei­te Stre­cken geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund steht das im Titel vor­ne. Und zwar um das rich­ti­ge Essen – näm­lich die vega­ne Ernäh­rung. Jurek schil­dert aus­führ­lich sei­nen Weg von der „nor­ma­len“ ame­ri­ka­ni­schen Kost des mitt­le­ren Wes­tens zur vega­ni­schen Ernäh­rung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (schein­bar) gesund­heit­li­chen Grün­den und weil er meint zu beob­ach­ten, dass er sich damit bes­ser fühlt. Zugleich pla­gen ihn aber auch lan­ge und immer wie­der die Zwei­fel, ob er mit vega­nen Lebens­mit­teln aus­ge­wo­gen, gesund und in allen Berei­chen aus­rei­chend genährt ist, um Ultras zu laufen.

Scha­de, dass das eigent­li­che Lau­fen dann so eine ver­gleichs­wei­se klei­ne Rol­le spielt. Sicher, die gro­ßen Ereig­nis­se sind drin – etwa sein über­ra­schen­der Sieg beim Wes­tern Sta­te 1999. Sein Kampf mit dem Bad­wa­ter, mit dem der von Ste­ve Fried­man in eine angen­hem les­ba­re, durch­aus span­nen­de und abwechs­lungs­rei­che Erzäh­lung gebrach­te Text ein­setzt. Was mir aber oft fehl­te: Was Jurek beim Lau­fen eigent­lich erlebt, wie er das Lau­fen erlebt und wahr­nimmt. Hier geht es dage­gen oft um „Äuße­res“ – sein Trai­ning, die Wett­kämp­fe, die Stre­cken auch mal, das aber schon recht ober­fläch­lich oft.

Typisch für ein Lauf­buch, gera­de von Ultra­l­äu­fern, ist aber ein wesent­li­cher Aspekt: Die per­ma­nen­te Über­bie­tungs­lo­gik (hier aber gar nicht oder nur wenig reflek­tiert). Das muss immer noch etwas här­ter, noch etwas wei­ter, stei­ler, extre­mer und gefähr­li­cher sein. Bei Jurek kommt noch hin­zu: Mit immer mehr Han­di­cap gelau­fen – zum Bei­spiel wie den Hard­rock 100 mit ver­letz­tem Knö­chel -, also immer mehr Scha­den an Leib und See­le in Kauf neh­mend. Aber für „tough men“ ist das natür­lich gar kein Pro­blem, son­dern eine Her­aus­for­de­rung. Viel wei­ter reicht der Hori­zont Jureks hier nicht – scha­de eigent­lich. Scha­de auch, dass er sich auf’s Gewin­nen beschränkt. Sein Schei­tern spielt nur eine sehr klei­ne Rol­le – die Auf­ga­be beim UTMB 2008 ist ihm etwas nur einen hal­ben Satz wert und wird mit einer Ver­let­zung ent­schul­digt. Das ist etwas para­dox, weil er gera­de zuvor sei­ten­wei­se über sei­ne heroi­sche Groß­tat, den Hard­rock 100 schon ver­letzt zu begin­nen, schrieb. Aber es passt in den Ein­druck, der sich bei mir immer mehr ver­stärk­te: Es geht ihm hier nicht ums Lau­fen, son­dern um das Gewin­nen – also um das Besie­gen ande­rer Läu­fer. Das passt nur wenig mit sei­ner ger­ne beschwo­re­nen Beschei­den­heit zusam­men – gera­de wenn es in Sät­zen gip­felt wie:

No one wants to win more than I do. (154)

Ver­nunft und Ver­stand darf man hier aber gene­rell nicht zu viel erwarten. 

Bei man­chen Din­gen reicht mei­ne Geduld aller­dings auch nicht: Zum Bei­spiel schreibt er lan­ge und aus­führ­lich über die Idee, mit mög­lichst klei­nem „impact“ auf der Erde zu leben, also mög­lichst wenig bis gar kei­ne Res­sour­cen zu ver­brau­chen. Nur um dann weni­ge Sei­ten spä­ter sich ganz selbst­ver­ständ­lich ins Flug­zeug zu set­zen, um ein paar Stun­den zum nächs­ten Lauf zu flie­gen, weil sei­ne Moti­va­ti­on auf den „Haus­run­den“ gera­de im Kel­ler ist. So etwas kapie­re ich ein­fach nie …

Das klingt jetzt alles recht nega­tiv – aber so rich­tig warm gewor­den bin ich mit Eat & Run eben nicht. Obwohl ich die Leis­tun­gen Jureks sehr schät­ze, blieb mir sei­ne Hal­tung zum Lau­fen, wie sie sich hier zeigt, ein­fach fremd.

Scott Jurek with Ste­ve Fried­man: Eat & Run. My unli­kely Jour­ney to Ultra­ma­ra­thon Great­ness. Lon­don u.a.: Bloomsbu­ry 2012. 260 Sei­ten. ISBN 9781408833384 

Finish

Tom McN­abs ers­tes Buch über den ers­ten ame­ri­ka­ni­schen Trans­kon­ti­nen­tall­auf (Trans-Ame­ri­ka) habe ich mit gro­ßem Ver­gnü­gen gele­sen. Gespannt war ich daher auf sei­nen zwei­ten Roman, der sich auch wie­der um das Lau­fen und die Läu­fer dreht: Finish. So ist zumin­dest (para­dox) der deut­sche Titel, im ori­gi­nal heißt das tref­fen­der The Fast Men. Von den „Schnel­len Läu­fern“ (auch im Text mit gro­ßem S) ist immer wie­der die Rede – die Män­ner (Frau­en lau­fen hier nicht, sie unter­stüt­zen nur mehr oder weni­ger brav ihre Hel­den), die es über­al­le, in jeder Stadt, jedem Gebiet, jedem Staat, jedem Land gibt: Män­ner, die schnel­ler lau­fen als die anderen. 

Ange­sie­delt in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, im Wil­den Wes­ten Ame­ri­kas, dreht sich McN­abs Zweit­ling um eigent­lich ein Trio von Läu­fern: Mori­ar­ty, schon etwas älter, mit Sport­ler­herz, aber immer noch mit Herz­blut Läu­fer, Bil­ly Joe Speed und Buck Mil­ler. Die trei­ben sich mit ihren Frau­en bzw. Freun­din­nen über­all in Ame­ri­ka und Eng­land her­um, wo es etwas zu gewin­nen gibt. Und das gibt McN­ab reich­lich Stoff für vie­le wil­de Epi­so­den. Denn genau das ist die­ser Roman: Eine lan­ge Rei­he von lose ver­knüpf­ten Epi­so­den, die sich lose um das Lau­fen dre­hen. Aber eigent­lich gar nicht in ers­ter Linie. In der Haupt­sa­che geht es um Aben­teu­er, um Rast­lo­sig­keit – und um Wet­ten. Gewet­tet wird auf alles und jeden, und ins­be­son­de­re Mori­ar­ty ist Meis­ter im Mani­pu­lie­ren von Wet­ten. Die Läu­fer, die prak­ti­scher­wei­se auch Schau­spie­ler sind, die­nen als Anlass. Und wenn sie nicht gegen­ein­an­der lau­fen, dann sprin­gen sie eben. Oder besie­gen ein Pferd. Oder India­ner. Oder es geht um eine Art Box­kampf. Jeden­falls geht es nicht so sehr ums Lau­fen, um die Bewe­gung, um den Sport, son­dern viel­mehr dar­um, ein Bild einer Gesell­schaft zu ver­mit­teln, die als ange­nehm frei von Regeln und Zwän­gen dar­ge­stellt wird. Natür­lich sind die Prot­ago­nis­ten um Moria­try kei­ne Böse­wich­te, obwohl sie ahnungs­lo­sen Mitt­wet­tern mit üblen Tricks das Geld aus der Tasche zie­hen. Natür­lich ist es irgend­wie erstre­bens­wert, so bin­dungs­los durchs Land zu zie­hen – auch wenn am Ende die bra­ve Ein­glie­de­rung in Hei­rat und Sess­haf­tig­keit steht: Aber eben erst nach der Pha­se des Aben­teu­ers, des wah­ren Mann-Seins. 

Der deut­sche Titel, Finish – also „Schluss“ -, bezieht sich übri­gens auf den letz­ten Lauf, den das Trio unter­nimmt, bevor es die Sport- bzw. Wett­kar­rie­re an den Nagel hängt. Das ist ein kom­pli­zier­tes Wett­ren­nen mit drei Läu­fern und einem Pferd pro Mann­schaft, das zwei Teams mehr oder weni­ger pro­fes­sio­nel­ler Läu­fer als Stell­ver­tre­ter für Grund­be­sit­zer aus­tra­gen und das bestim­men soll, wer die Was­ser­rech­te an einer Quel­le bekommt/​behält (die bei­den Vieh­züch­ter eini­gen sich dann aller­dings doch unab­hän­gig vom Aus­gang des Ren­nens …), mit dem der Roman dann auch reich­lich unver­mit­telt abbricht – der Epi­log bzw. der gesam­te Schluss ist eine arg durch­sich­ti­ge, auf­ge­setz­te Kon­struk­ti­on, um ein Ende zu fin­den (fast so etwas wie ein lie­to fine, auch inhaltlich …). 

Egal: Als Lauf­buch ist das lang­wei­lig, als Roman fand ich es auch nicht beson­ders span­nend und mit­rei­ßend. Tom McN­ab gelingt es nicht – was für so einen Epi­so­den­ro­man zen­tral wäre – glaub­wür­di­ge, leben­di­ge Cha­rak­te­re zu ent­wer­fen, die Form hat ent­schei­de­ne Kon­struk­ti­ons­schwä­chen und die sprach­li­che Gestalt kann da nicht hin­über weg tra­gen. Da gibt es bes­se­re Bei­spie­le (und des­we­gen gebe ich mein Exem­plar auch ger­ne wie­der her …). Und sein Erst­ling Trans-Ame­ri­ka gehört dazu …

Tom McN­ab: Finish. Ber­lin: Auf­bau 2011. 415 Sei­ten. 9,99 Euro. ISBN 978 – 3‑7466 – 2739‑7.

Poulin/​Swartz/​Flaxel: Trail Running. From Novice to Master

Einen viel­ver­spre­chen­den Titel trägt das Buch von Kirs­ten Poulin, Stan Swartz und Chris­ti­na Flaxel: From Novice to Mas­ter. Wenn das auf den 175 Sei­ten gelingt, wäre das ja schon viel … Natür­lich ist es nicht ganz so ein­fach, Lau­fen muss man eben immer auch trai­nie­ren, unab­hän­gig vom Unter­grund und der Umge­bung. Das ver­schweigt das Autoren­trio (immer­hin zwei Frau­en!) auch nie. Denn die­ses ame­ri­ka­ni­sche „Lehr­buch“ ist sehr gewis­sen­haft und gründ­lich. Der Rund­um­schlag ums Trail­run­ning umfasst hier:

  • Intro­duc­tion to Trail Running
  • Plan­ning a Run
  • Trai­ning, Con­di­tio­ning, and Preparation
  • Reco­very
  • Envi­ron­men­tal Fac­tors, Navi­ga­ti­on, and Safety
  • Inju­ry Pre­ven­ti­on and Treatment
  • Bri­ning it tot the Next Level: Ultrarunning

Dies­ser Blick ins Inhalts­ver­zeich­nis zeigt, den­ke ich, auch sehr gut die Aus­rich­tung die­ses Buches. Hier geht es nicht um tol­le Läu­fe, um Lauf­erleb­nis­se oder Wett­kampf­erfah­run­gen. Son­dern, wenn man so will, um die Basics, die das alles erst über­haupt mög­lich machen.

Lei­der war das Buch wohl etwas zu früh für den momen­ta­nen Trail-Boom. Und lei­der, lei­der ist es auch nur mit schwarz­weiß-Pho­tos (aber durch­aus guten) ver­se­hen – scha­de. Recht aus­führ­lich ist es in jedem Fall. Vor allem, was die Aus­rüs­tung, auch für extre­me­re Läu­fe, angeht. Ein­ge­hend berück­sich­tigt wird etwa der Son­nen­schutz, der Ein­fluss von viel Wind, aber auch das Lau­fe im Schnee. Und wie in jedem Lauf­buch auch ein kur­zer Trai­nings­leit­fa­den. Nicht feh­len darf beim Trail natür­lich die Lauf­tech­nik, wobei die Autoren sich hier etwas zurück­hal­ten und eher all­ge­mei­ne Rat­schlä­ge geben. Das Berg­auf- und Berg­ab-Lau­fen wird aber aus­führ­lich gewür­digt. Und auch das Fal­len: „A fall is an ine­vi­ta­ble part of trail run­ning.“ (72) – sehr schön.
Erstaun­lich viel steht hier dann auch zum Deh­nen und zur Ernäh­rung vor, wäh­rend und nach dem Lauf. 

Und etwas schlägt die ame­ri­ka­ni­sche Per­spek­ti­ve schon durch. Nicht nur bei der Flo­ra und Fau­na, son­dern z. B. auch beim Umgang des Läu­fers mit Wegen und der Angst vor Ero­si­on – in „mei­nen“ Lauf­re­vie­ren ist das eher weni­ger ein Pro­blem. Und wenn dann, ein durch die Bewirt­schaf­tung und nicht durch die Läu­fer veur­sach­tes. Über­haupt bemü­hen sich die drei Autorin­nen sehr um einen ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit der Natur. Wie­der­holt wird dar­auf hin­ge­wie­sen, nichts mit­zu­neh­men (außer Pho­tos) und nichts zu hin­ter­las­sen (außer Fußspuren):

Always lea­ve a natu­ral envi­ron­ment as you found it, and mini­mi­ze your impact. Take only pho­to­graphs and enjoya­ble memo­ries of your run. Lea­ve only footpring­ts. Never lit­ter. Pack it in, pack it out, which means that any mate­ri­als you bring in should lea­ve with you. (104)

Der schöns­te Tipp aber: 

If you cop­me across mud pudd­les, snow patches, or wet spots, careful­ly run through them, not around them. Also, jump or step over any fal­len trees. Run­ning around them can cau­se trails to widen, incre­asing soil and vege­ta­ti­on dama­ge. (104)

Ins­ge­samt: sehr durch­dacht und über­legt, mit dem kla­ren Ziel des kon­trol­lier­ten, risi­ko-mini­mier­ten und Erleb­nis-maxi­mier­ten Trail-Laufs.

Kirs­ten Poulin, Stan Swartz, Chris­ti­na Flaxel: Trail Run­ning. From Novice to Mas­ter. Fore­word by Mark Bur­nett. Seat­tle: The Moun­tai­neers Books 2002. 175 Sei­ten. ISBN 0 – 89886-840 – 8.

Zu Fuß quer durch Amerika

Tom McN­ab hat mit „Trans-Ame­ri­ka“ wahr­schein­lich das bes­te Lauf­buch geschrie­ben. Wobei die Ein­stu­fung als „Lauf­buch“ etwas schwie­rig ist, denn McN­ab hat ein­fach einen guten his­to­ri­schen Roman geschrie­ben. Des­sen Sujet ist aber (zufäl­lig?) ein Lauf. Und nicht eben irgend­ein Lauf, son­dern der ers­te Trans­kon­ti­nen­tall­auf der Geschich­te, von Charles Fla­na­gan 1931 quer durch die USA. Das Lau­fen der über 5000 Kilo­me­ter lan­gen Stre­cke an sich ist aber nicht das Zen­trum die­ses Buches, son­dern der sozia­le Rah­men, der Mikro­kos­mos des Läu­fer-Tros­ses, die sozia­len Inter­ak­tio­nen inner­halb die­ser eher zufäl­lig zusam­men­ge­wür­fel­ten Grup­pe und ihre Inter­ak­tio­nen mit dem Umfeld, dem Rest der Welt – ein­zeln und als Gruppe.

Der Trans-Ame­ri­ka-Lauf, den McN­ab hier beschreibt (er stützt sich lose auf ein real statt­ge­fun­de­nes Ren­nen, den Buni­on Der­by von 1928), ist eine pro­fes­sio­nel­le Ver­an­stal­tung, die dem Pro­fit des Unter­neh­mers Charles C. Fla­na­gan die­nen soll – über den Umweg der Unter­h­at­lung für die Zuschau­er. Das Lau­fen ist also nicht ein Selbst­ver­wirk­li­chungs­trip wie heu­te so oft. Die Pro­ble­me der Orga­ni­sta­ti­on und der Läu­fer sind aber ähn­li­che wie bei heu­ti­gen Unter­neh­mun­gen die­sen Kali­bers, wobei die rein läu­fe­ri­sche Bewäl­ti­gung die­ser Stre­cke und die damit ver­bun­de­nen Pro­ble­me zwar vor­kom­men, aber ins­ge­samt eine nach­ran­gi­ge Stel­lung einnehmen.

Der Lauf star­tet mit einem rie­si­gen Star­ter­feld von über 2000 Läu­fern, das schnell aus­dünnt, dann aber ziem­lich sta­bil bleibt und am Ende in New York noch fast 1000 Läu­fer umfasst, von denen einig zwi­schen­durch noch an obsku­ren Leicht­ath­le­tik-Tunie­ren teil­neh­men, Box­wett­kämp­fe bestehen oder gegen ein Renn­pferd antre­ten. Immer mit den ent­spre­chen­den Wet­ten. Denn es geht vor allem ums Geld­ver­die­nen: Lau­fen als Geschäft – aber eben als Unter­hal­tungs­ge­schäft, für die Zuschau­er und als Anlass für Wet­ten. Die Aus­rich­tugn war also eine ande­re als heu­te, die Per­spek­ti­ve ver­schob sich. Das alles sie­delt McN­ab in einem genia­len Set­ting an – zur Zeit der Wirt­schafts­kri­se gibt es genug arme Schwei­ne, die das als Stroh­halm begrei­fen und die Grup­pe der Läu­fer ent­spre­chend bunt zusam­men­ge­wür­felt erschei­nen las­sen. McN­ab fokus­siert dabei erzäh­le­rich auf eine klei­ne Grup­pe an der Spit­ze: „Doc“ Cole, „Iron Man“ Mor­gan, Hugh McPhail, Lord Thur­leigt – und die ein­zig Frau, die von Los Ange­les bis New York durch­hält, Kate Sher­i­dan … Dazu mixt er ein wenig Roman­ze (zwi­schen Kate und Mor­gan, Fla­na­gans Sekre­tä­rin Dixie und Hugh). Geschickt setzt er wech­seln­de Foki zwi­schen Läu­fer und Ver­an­stal­ter, Außen- und Innen­sicht durch Ein­be­zie­hung der beglei­ten­den Repor­ter und ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen ein, um gestal­te­ri­sche und inhalt­li­che Abwechs­lung zu erzeu­gen. Das sport­li­che (oder wirt­schaft­li­che) Ereig­nis wird noch dazu auch poli­tisch ver­knüpft – mit Edgar J. Hoo­ver und sei­nem FBI, dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten und den Gewerk­schaf­ten und so eini­gen wirt­schaft­li­chen Intri­gen udn Hin­ter­hal­ten, die Fla­na­gan meis­tern muss – und mit Hil­fe der gran­dio­sen Läu­fer und ihrer hel­den­haf­ten Kame­rad­schaft­lich­keit auch bewältigt.

Die­se Mischung aus Intri­gen und Lieb­schaf­ten, Sport, auch etwas Doping (in der deut­schen Mann­schaft, mit Koka­in und ähn­li­chem), die Ver­bin­dung von Hel­den­tum und pro­sa­ischem Überlebens-„Kampf“, das alles ergibt ein sehr, sehr bun­tes Tableau mensch­li­cher Fähig­kei­ten und Hand­lun­gen, die McN­ab geschickt mit­ein­an­der ver­knüpft und in die gro­ße Rah­men­er­zäh­lung, den lang­sam fort­schrei­ten­den Lauf quer durch Ame­ri­ka, ein­bet­tet. Das klingt schon hier viel, und es ist auch viel. McN­ab hat das aber gut im Griff, sei­ne Gestal­tung ist sehr abwechs­lung­reich, sei­ne Phan­ta­sie ermög­licht ihm leben­di­ge Schil­de­run­gen der Sze­ne­rie und der Gescheh­nis­se, sein Stil ist halb­wegs ele­gant und flüs­sig zu lesen (auch wenn eini­ge Här­ten drin ste­hen­bleibn, die teil­wei­se aber auch nach Über­set­zungs­pro­ble­men aus­se­hen). Und beim Lesen ver­gisst man dann ger­ne, dass das kom­plett fik­tiv ist. Der Roman gibt sich aber auch sehr geschickt (auch mit der „Nach­be­mer­kung“, die die wei­te­ren Kar­rie­ren der Haupt­fi­gu­ren auf­lis­tet) den Anschein his­to­ri­scher Rea­li­tät. Immer­hin gab es 1928 ja auch so etwas ähn­li­ches, das „Buni­on Der­by“, von Charles C. Pyle auf der sel­ben Rou­te aus­ge­rich­tet – aller­dings mit der rea­lis­ti­sche­ren Zahl von 275 Star­tern und ledig­lich 55 Finis­hern.1

Tom McN­ab: Trans-Ame­ri­ka. Ber­lin: Auf­bau Taschen­buch 2010 (Auf­bau 2008). 551 Sei­ten. ISBN 978 – 3‑7466 – 2584‑3.

  1. Einen knap­pen Auf­riss der Geschich­te die­ses Lau­fes gibt es bei run​ning​times​.com: klick.

Durch die Wand – laufend

Run­ning throug the wall“ ist eine Samm­lung der Lauf-„Geschichten“ eini­ger Ultra­l­äu­fer Ame­ri­kas, ihrer beson­ders prä­gen­den Erleb­nis­se auf der Lang­stre­cke und teil­wei­se auch ihrer Lauf­bio­gra­phie: „I found out that if you spend enough time run­ning in the woods with an ultrarun­ner, you will hear a gre­at ultrarun­ning sory. It’s ine­vi­ta­ble.“ (12) begrün­det der Her­aus­ge­ber sein Unter­neh­men. Meis­tens sind das kur­ze Tex­te, weni­ge Sei­ten lang und bis auf eini­ge Aus­nah­men auch ganz nett und flüs­sig zu lesen. Die Namen der hier Betei­lig­ten sagen mir (natur­ge­mäß, möch­te ich sagen – ich ken­ne ja noch nicht mal vie­le deut­sche Ultra­l­äu­fer-Namen) wenig bis gar nichts. 

Run­ning through the wall“ ist dabei von sei­ner Idee und Kon­zep­ti­on ein typi­sches Ultra-Buch, könn­te man sagen: Geschich­ten von Läu­fern zum Anfi­xen neu­er Läu­fer. Immer getreu der alten Devi­se: Am meis­ten lernt man für Ultras von ande­ren Ultras, von Erfah­rungs­be­rich­ten, von Lauf­ge­schich­ten, von ers­ten Malen und beson­de­ren Erle­benis­sen auf der Stre­cke, von leich­ten und schwe­ren Läu­fen, von abseh­ba­ren und erwar­te­ten Pro­ble­men. Für mich etwa immer wie­der erstaun­lich ist, wie vie­le bei ihren „Wett­kämp­fen“ schon früh, d.h. nicht erst nach 80 oder 100 Kilo­me­tern, Pro­ble­me mit Bla­sen bekom­men … Und wie vie­le Hin­der­nis­se, persönliche/​psychologische oder kör­per­li­che, von den Läu­fern über­wun­den wer­den, für wie vie­le Lau­fen und die Ultras mehr als ein Sport, mehr als eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung ist, son­dern – und das ist viel­leicht (aber nur viel­leicht) bei ame­ri­ka­ni­schen Läu­fern stär­ker aus­ge­prägt als bei deut­schen – für wie vie­le mit dem Lau­fen Heils­er­war­tun­gen und Heils­er­leb­nis­se ganz eng ver­bun­den sind. Das hat mich etwas überrascht.

Natür­lich gibt es auch hier ein­fach ver­rück­te Spin­ner, etwa die bei­den Bezwin­ger des Bar­kley-Lau­fes – ein Lauf, der dar­auf ange­legt ist, nicht lauf­bar zu sein, zumin­dest nicht in der vol­len Län­ge – das über­steigt dann doch mei­nen Hori­zont: War­um soll­te ich einen Lauf begin­nen (noch dazu mit meh­re­ren Run­den), der expli­zit und über­haupt nicht gelau­fen wer­den will? Die star­ke Extre­mi­sie­rung des Lau­fens hier hängt natür­lich auch damit ab, dass das alles (?) Ame­ri­ka­ner sind, die nicht „nur“ 100 Kilo­me­ter, son­dern gleich 100 Mei­len lau­fen „müs­sen“ (eine Stre­cke, die ja in Deutsch­land auch gera­de in Mode kommt – für die ganz Har­ten …) – das ist schon noch ein­mal eine ande­re Haus­num­mer. Und 50er (egal ob Kilo­me­ter oder Mei­len) spie­len hier nur eine erstaun­lich gerin­ge Rol­le, sie kom­men sozu­sa­gen nur als Ein­stiegs­dro­ge oder Trai­nings­lauf vor. Immer wie­der wird genau das auch betont: Die „Här­te“ – des Lau­fes und sei­ner Bezwin­ger. Es geht, so scheint es in der Zusam­men­schau, nicht immer und nicht so sehr um das Lau­fen oder gar den Genuss des­sen, son­dern um das Über­win­den von Här­ten, das Über-sich-selbst-Hin­aus­ge­hen, die beson­de­re, außer­ge­wöhn­li­che Här­te (!) der Trails, der Stre­cke, des Kur­ses mit einer manch­mal durch­aus maso­chis­tisch erschei­nen­den Lust an der beson­de­ren Qual der beson­ders lan­gen Stre­cke in beson­ders unweg­sa­men Gelän­de … Da wird dann auch auf­fäl­lig (zumin­dest für mich) oft der Gebrauch von Medi­ka­men­ten wäh­rend des Laufes/​Wettkampfes in Kauf genommen.

Wie bei jedem ech­ten Ultra­l­äu­fer­buch spie­len natür­lich auch die Mit­läu­fer, die Ultra­sze­ne eine gewis­se Rol­le. Und wie eigent­lich immer ist es auch hier die Freund­lich­keit der „Ultra­ge­mein­de“, die immer wie­der betont wird: Wett­kampf, auch Kon­kur­renz ja, aber mit Lächeln und gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung (zumin­dest ein biss­chen, so lan­ge es nicht um den Sieg geht …). 

Letzt­end­lich war mir das als Buch aber ein wenig zu viel: Die Rei­hung von 39 Tex­ten zeigt, wie sehr sich vie­le Läu­fer­bio­gra­phien ähneln kön­nen – und das Erle­ben der 100-Mei­ler auch (einem guten Start fol­gen Schmerz und Müdig­keit, die Gedan­ken ans Auf­ge­ben, die vom Wil­len zum Durch­hal­ten über­wun­den wer­den und schließ­lich das Finish als Anti­kli­max …) – wie gleich das Erleb­nis (Ultra-)Laufen für die aller­meis­ten Betei­lig­ten sich dar­stellt. Gefehlt haben mir im Buch vor allem ein paar mehr Infor­ma­tio­nen über die Läu­fe selbst – die ken­ne ich ja alle nicht per­sön­lich (von eini­gen hat­te ich immer­hin schon mal gehört), so dass ein paar Basis­in­for­ma­tio­nen mir da durch­aus wei­ter gehol­fen hät­ten. Und den Ame­ri­ka­nern sicher­lich auch, schließ­lich soll das ja ein Buch sein, dass sich nicht aus­schließ­lich an Ultra­l­äu­fer richtet.

Und jetzt zum Schluss noch ein paar fast will­kür­li­che Zita­te, die ich oben nicht unter­ge­bracht habe: 

 ‚What do you do with your mind when you’­re run­ning a hundred mile?‘ Wit­hout hesi­ta­ti­on, I repli­ed, ‚Igno­re it.‘ “ (20)
„So many times you want to give up, but you can­not. That’s what ultrarun­ning is all about. That’s what life is all about.“ (131)
„Ultras are more of a com­pe­ti­ti­on bet­ween me, mys­elf, the cour­se, and the distance. Ultrarun­ning pits my mind against my body.“ (167)
„I think ultrarun­ners must have a very poor memo­ry or no one would ever do anto­her race. You tend to for­get the pain and mise­ry and only remem­ber the thrill of accom­plish­ment.“ (195) – das stimmt frei­lich: „Schmerz ver­geht, Stolz bleibt“ heißt es in Deutschland.

Neal Jamison (Hrsg.): Run­ning Through the Wall: Per­so­nal Encoun­ters with the Ultra­ma­ra­thon. Hal­cotts­ville, NY: Breaka­way Books 2003. 288 Sei­ten. ISBN 978 – 1‑89136937 – 7 (inzwi­schen schon in der 10. Auflage).

der ultramarathonmann

als vor­be­rei­tung auf den renn­steig-super­ma­ra­thon sozu­sa­gen schon ein­mal pas­sen­de lek­tü­re: dean kar­na­zes‘ ultra­ma­ra­thon­man. aus dem leben eines 24-stun­den-läu­fers (riva 2008). eini­ge beein­dru­cken­de lauf­schil­de­run­gen ver­sam­melt er dort, vor allem die erfah­rung sei­nes ers­ten offi­zi­el­len ultras, des 100 mei­len-lau­fes wes­tern sta­tes endu­rance. danach wird’s dann etwas, nun­ja, ver­rückt: bad­wa­ter hal­te ich ja schon für grenz­wer­tig, aber einen mara­thon zum süd­pol – das ist schon etwas selt­sam. und es hat ja selbst für sol­che läu­fer nur mit bie­gen und bre­chen funk­tio­niert. ansons­ten ganz net­tes büch­lein (lei­der nicht sehr inspie­rend über­setzt – höhen­an­ga­ben in fuß hel­fen mir nicht sehr viel …), das immer wie­der um den gedan­ken kreist, war­um men­schen eigent­lich sol­che extre­me din­ge tun. und das vor allem so ehr­lich ist, dar­auf kei­ne wirk­li­che ant­wort zu haben. ange­nehm auch, dass er rein auf sich selbst fixiert bleibt: plat­zie­run­gen und ergeb­nis­se spie­len (fast) gar kei­ne rol­le: hier – zumin­dest in dem buch – geht es kar­na­zes um das erleb­nis des lau­fens, die erfah­rung der über­win­dung aller mög­li­chen schmerzen …

so eini­ges wah­res steht da drin: „Lau­fen bedeu­te­te in ers­ter Linie: raus­ge­hen und Erfah­run­gen sam­meln. Ich sah, wie Gebäu­de ent­stan­den, wie die Vögel nach Süden zogen, un ich Wech­sel der Jah­res­zei­ten sah ich die Blät­ter fal­len und die Tage kür­zer wer­den“ (s. 30) – es ist im prin­zip banal und so ziem­lich jeder läu­fer hat dies wohl schon bemerkt. aber es stimmt. naja, von der art gibt es eine men­ge beob­ach­tun­gen und mei­nun­gen hier.

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