Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

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Abgekürzt und gedopt: „Die Philosophie des Laufens“

austin & reichenbach, philosophie des laufensDer Titel ist recht voll­mun­dig und hat mich sofort gepackt und neu­gie­rig gemacht: Die Phi­lo­so­phie des Lau­fens – das klingt span­nend und viel­ver­hei­ßend. Nicht etwa „eine“ Phi­lo­so­phie oder „Lau­fen und Phi­lo­so­phie“, nein, Aus­tin und Rei­chen­bach ver­hei­ßen auf die­sen knapp 200 Sei­ten Die Phi­lo­so­phie des Lau­fens. Und lei­der kön­nen sie die­ses Ver­spre­chen so über­haupt nicht ein­lö­sen.

Die Nen­nung der bei­den Her­aus­ge­ber­na­men ist aller­dings schon ein Hin­weis auf ein Pro­blem, dass ich mit dem Buch habe. Denn letzt­lich sind das eher zwei Bücher. Der eigent­li­che Kern basiert auf einer eng­lisch­spra­chi­gen Ver­öf­fent­li­chung, die Aus­tin bereits 2007 mit dem ungleich pas­sen­de­ren Titel Run­ning & Phi­lo­so­phy: A Mara­thon for the Mind her­aus­gab. Doch von den 19 dort gedruck­ten Auf­sät­zen hat der deut­sche Her­aus­ge­ber nur acht über­setzt und über­nom­men und die „Lücke“ mit deut­schen Bei­trä­gen gefüllt. Die sind aber nun alle gera­de über­haupt kei­ne phi­lo­so­phi­sche Beschäf­ti­gung mit dem Lau­fen, so dass sich das sehr sorg­fäl­tig und schön her­ge­stell­te Buch gleich mal als Mogel­pa­ckung erweist – oder, um es mit einem Läu­fer­bild zu sagen, der Mara­thon ist hier kaum 20 Kilo­me­ter lang.

Und wenn man das Bild noch wei­ter­spinnt: Statt eines schö­nen und schwie­ri­gen Berg- oder Land­schafts-Mara­thons erwar­tet den Leser eine wenig inspi­rie­ren­de Stre­cke durch fla­che Indus­trie­ge­bie­te. Denn selbst wenn ich die deut­schen Bei­trä­ge erst ein­mal außen vor­las­se – der Ertrag der Tex­te ist weder auf phi­lo­so­phi­scher noch auf läu­fe­ri­scher Sei­te sehr hoch.

Das zwei­te von drei Vor­wor­ten ent­wi­ckelt zunächst das Pro­gramm:

[…]Läu­fer sind auf der Suche nach mehr als nur der Ziel­li­nie oder dem Ende der Trai­nings­run­de. Für vie­le ist Lau­fen auch ein Weg, um Wahr­hei­ten zu fin­den, über sich selbst und die Din­ge in ihrem Leben, die ihnen etwas bedeu­ten. Für vie­le von uns ist Lau­fen ein Weg, sich selbst ken­nen­zu­ler­nen, ein Teil unse­res Weges zum Glück­lich­sein. Das Lau­fen schafft uns Frei­räu­me, in denen wir uns über unser Leben und sei­ne gro­ßen Fra­gen Gedan­ken machen kön­nen. Und an eben­je­nem Punkt über­schnei­den sich die Zie­le des Läu­fers und die des Phi­lo­so­phen. Sowohl das Lauf als auch das Phi­lo­so­phie­ren kön­nen uns in ihren bes­ten Momen­ten hel­fen, etwas über uns selbst zu erfah­ren und dar­über, was wich­tig ist; viel­leicht sogar etwas über Wirk­lich­keit an sich.

Die hier geweck­ten Erwar­tun­gen kann das Buch dann aber kaum ein­lö­sen. Sicher, eini­ge inter­es­san­te Ideen und Anre­gun­gen ste­cken da drin. Aber die wer­den fast immer nicht aus­rei­chend ent­wi­ckelt, um wirk­lich eine „Phi­lo­so­phie des Lau­fens“ begrün­den zu kön­nen.

Micha­el Aus­tin über­trägt das Kon­zept der Freund­schaft aus Aris­to­te­les Niko­ma­chi­scher Ethik auf Lauf­freund­schaf­ten – ein eigent­lich nahe­lie­gen­der Trans­fer, der auch passt, aber wenig neue Erkennt­nis oder Ein­sicht ins Lau­fen lie­fert. Ray­mond Bel­liot­ti bringt in einer etwas gezwun­ge­nen Syn­the­se Lau­fen und die Macht über Nietz­sches Macht­vor­stel­lun­gen zusam­men (konn­te mich über­haupt nicht über­zeu­gen).

Ganz unpas­send und wenig erkennt­nis­för­dernd fand ich den Ver­such von Gre­go­ry Bass­ham, sie­ben „Vor­aus­set­zun­gen“ des Erfolgs (im Leben, der Kar­rie­re und über­haupt) auf das Lau­fen anzu­wen­den. Das ist genau so, wie es sich anhört: Selbst­hil­fe­ge­blub­ber.

Ray­mond Vanar­ra­gons „Lob des Jog­gers“ führt ein auf den ers­ten Blick viel­ver­spre­chen­des Kri­te­ri­um zur Unter­schei­dung von Jog­gen und Lau­fen ein: Nicht das Tem­po, son­dern das Ziel führt zur Dif­fe­ren­zie­rung. Jog­gen heißt dann, sich bewe­gen, um fit zu blei­ben oder zu wer­den. Lau­fen dage­gen hat ande­re Zie­le: pri­ze und chall­enge, also unge­fähr: Sieg und/​oder Her­aus­for­de­rung (Van­n­a­ra­gon unter­schei­det beim Lau­fen noch ein­mal zwei Typen). Eine zumin­dest theo­re­tisch durch­aus über­zeu­gen­de Typo­lo­gie, fin­de ich – die müss­te man mal empi­risch tes­ten …

Am span­nends­ten und inter­es­san­tes ist der Text von Chris­to­pher Mar­tin zum „Lau­fen als ästhe­ti­sche Erfah­rung“, der sich dafür bei Dew­eys Ästhe­tik-Kon­zept bedient. Hea­ther Reids „Die Frei­heit des Lang­stre­cken­läu­fers“ ist eine exis­ten­tia­lis­ti­sche Lek­tü­re von Alan Sil­li­toes The Loneli­ne­ss of the Long Distance Run­ner, die aber kaum über eine behut­sam kon­tex­tua­li­sie­ren­de Para­phra­se hin­aus­kommt. Einen durch­aus inter­es­san­ten Ansatz bie­tet Jere­my Wis­new­s­ki, der die ver­än­der­te Welt­wahr­neh­mung beim und durchs Lau­fen unter die Lupe nimmt und sich dafür der Phä­no­me­no­lo­gie von Meleau-Pon­ty bedient, lei­der aber etwas ober­fläch­lich bleibt (das ist ja eine grund­sätz­li­che Krank­heit aller Bei­trä­ge in die­sem Band).

Aber: Auf den ers­ten Blick nett, aber ein­fach nur Anwen­dung von ein paar ver­streu­ten Ideen der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te auf die Tätig­keit des Lau­fens oder den Sta­tus des Läu­fers. Also eigent­lich in der fal­schen Rich­tung gedacht: Lau­fen und Läu­fe­rin­nen die­nen hier vor allem als Exem­pli­fi­ka­tio­nen phi­lo­so­phi­scher Theo­re­me oder Über­zeu­gun­gen. Erwar­tet hät­te ich hin­ge­gen eine phi­lo­so­phi­sche Unter­su­chung des Lau­fens (Mark Row­lands gelingt das in Der Läufer und der Wolf zwar auch nicht erschöp­fend, aber wesent­lich bes­ser als die­sem Band), nicht eine läu­fe­ri­sche Betrach­tung der Phi­lo­so­phie.

Ganz beson­ders ärger­lich fand ich aber das deut­sche Füll­ma­te­ri­al. Viel mehr ist das näm­lich nicht. In einem Blog hät­ten die bes­ser Platz gefun­den (da kom­men sie bzw. ihr Kern, ihre Idee ja auch her): Isa­bel Bog­dan schreibt über ihren ers­ten 10-km-Lauf, Flo­ri­an Basch­ke über das Lau­fen mit Ipho­ne-Apps, Jan Drees über das Leicht­ath­le­tik­trai­ning und so wei­ter – das Pro­blem ist aber: Phi­lo­so­phie oder gar eine Phi­lo­so­phie des Lau­fens (oder wenigs­tens eine Ver­knüp­fung oder Ver­bin­dung von Phi­lo­so­phie und Lau­fen) kommt da über­haupt nicht vor, so dass die Tex­te – die als ein­zel­ne durch­aus nett sind – mich an die­sem Ort, in die­sem Zusam­men­hang ein­fach stö­ren: Das ist Unsinn, eine Mogel­pa­ckung. Zumal Peter Rei­chen­bach lei­der über­haupt nicht erklärt, war­um er die­sen Weg wählt, war­um das ori­gi­na­le Kon­zept einer phi­lo­so­phi­schen Beschäf­ti­gung aus unter­schied­li­chen phi­lo­so­phi­schen Blick­win­keln und Denk­schu­len mit ver­schie­de­nen Aspek­ten des Lau­fen nicht bei­be­hal­ten wur­de. So bleibt ein Buch, das weder Jog­ger noch Läu­fer, weder Spa­zier­gän­ger noch Wal­ker ist, son­dern ein uner­quick­li­ches Kud­del­mud­del.

Micha­el W. Aus­tin, Peter Rei­chen­bach (Hrsg.): Die Phi­lo­so­phie des Lau­fens. Ham­burg: mai­risch 2015. 197 Sei­ten. ISBN 978−3−938539−37−8

Von Wölfen, Hunden und den Gründen des Laufens

rowlands-läuferDer Läu­fer und der Wolf – das ist schon ein­mal eine Ansa­ge, die Mark Row­lands da im Titel sei­nes Buches macht. Und lei­der ist sie etwas irre­füh­rend. Das ist aber auch schon fast der größ­te Makel, den ich an sei­nem Werk beim Lesen ent­de­cken konn­te.

Mark Row­lands ent­wi­ckelt hier jeden­falls so etwas wie eine Phi­lo­so­phie des Lau­fens beim Lau­fen oder durch das Lau­fen. Lau­fen, dar­auf legt er immer wie­der Wert, hat in der moder­nen Welt für den moder­nen Men­schen eine beson­de­re Stel­lung. Denn das Lau­fen ist Zweck­frei­heit in Rein­form. Hier, beim oder im Lau­fen, fin­det Row­land einen ech­ten intrin­si­schen Wert, der in einer Zeit, die sich als instru­men­tel­le Peri­ode beschrei­ben lässt, eine gro­ße Aus­nah­me ist. Und – das ist ein wenig para­dox – dar­in liegt gera­de der Wert oder die Fas­zi­na­ti­on des Lau­fens: Dadurch, dass es intrin­sisch moti­viert ist – also nicht durch Über­le­gun­gen wie längeres/​gesünderes Leben, bes­se­res Aus­se­hen, schnel­le­re Zei­ten – zeigt uns das Lau­fen, dass es auch in einer (fast) durch­ge­hend instru­men­tell orga­ni­sier­ten und ver­fass­ten Welt intrin­si­sche Wer­te geben kann und auch gibt:

Lau­fen ist das ver­kör­per­te Erfas­sen von intrin­si­schem Wert im Leben. Das ist der Sinn des Lau­fens. Das ist es, was Lau­fen wirk­lich ist. (227)
Lau­fen ist einer der Momen­te im Leben, wo die Zwe­cke und Zie­le ent­fal­len. (216)

Und das führt wie­der­um zu einer wei­te­ren, emi­nent wich­ti­gen Beob­ach­tung über den Sta­tus des Lau­fens:

Lau­fen […] ist ein Weg, um zu ver­ste­hen, was wich­tig oder wert­voll im Leben ist. (15)

Das ent­wi­ckelt Row­lands in einer Art Free-Flow-Phi­lo­so­phie­ren, einem Frei­stil-Den­ken: Ereig­nis­se, Abschnit­te sei­ner Bio­gra­phie, das Tun des eige­nen Lebens die­nen ihm als Anlass und Impuls, über grö­ße­re Zusam­men­hän­ge nach­zu­sin­nen (und die Lese­rin­nen dar­an teil­ha­ben zu las­sen). Manch­mal ein­fach so, manch­mal mit Sys­tem, manch­mal mit Rück­be­zug (aber eher all­ge­mein, nicht spe­zi­ell oder aus­ge­spro­chenn detail­liert) auf die Phi­lo­so­phie­ge­schich­te. Als wesent­lich zeigt sich in Der Läufer und der Wolf, das neben ande­rem auch ein Läu­fer­buch ist (mit dem typi­schen Abschrei­ten der eige­nen Läu­fer­kar­rie­re – dem Lau­fen in der Kind­heit, dem Trai­ning, dem ers­ten Mara­thon, den Hun­den („Wöl­fe“!) als Moti­va­to­ren fürs Lau­fen), die Beob­ach­tung der Pro­zess­haf­tig­keit der Zeit, also: des Alterns. Zu den typi­schen Eigen­hei­ten eines Lauf­buchs gehört auch die wie­der­hol­te Beschwö­rung eines „Herz­schlag des Lau­fes“, die Row­land immer wie­der erzählt: Jeder Lauf hat für sich sei­nen eige­nen Herz­schlag, sein eige­nes Leben, das es zu ent­de­cken, zu spü­ren und zu erfah­ren gilt – ein Moment übri­gens, an dem der Intel­lekt sei­ne Gren­zen auf­ge­zeigt bekommt.

Außer­dem beob­ach­ten Row­lands noch eine Ver­än­de­rung in Stu­fen beim und durch das Lau­fen auf der Lang­stre­cke: Er beschreibt das als spi­no­zis­ti­sche, car­te­sia­ni­sche, hume­sche und sar­tre­sche Pha­sen des Lau­fens, die wäh­rend dem Lau­fen zu einer zuneh­men­den „Ich-Auf­lö­sung“ füh­ren und den Läu­fer, das ist natür­lich der ent­schei­den­de Punkt, Frei­heit schen­ken, ihn (von sich und der Welt) befrei­en.

Wenn ich den­ke, erfah­re ich mich selbst nor­ma­ler­wei­se dabei. Beim Lang­stre­cken­lauf erfah­re ich mich nicht beim Den­ken, weil die Kon­trol­le, die ich über mich selbst habe, weni­ger wird. An die Stel­le des Den­kens tre­ten Gedan­ken, anschei­nend ganz und gar nicht mei­ne eige­nen, die aus dem Nir­gend­wor kom­men, völ­lig uner­war­tet, und gleich wie­der im Dun­kel ver­schwin­den. (77)

Durch die­ses gan­ze Bün­del an dem Lau­fen spe­zi­fisch eige­nen Erfah­run­gen (Zweck­frei­heit, Herz­schlag, Be-Frei­ung) bekommt das Lau­fen sei­nen spe­zi­fi­schen Wert für den moder­nen Men­schen und sei­ne Stel­lung im Leben: Das Lau­fen kann (nicht muss!) uns den „inne­ren Wert des Lebens“ nicht unbe­dingt zei­gen, aber zumin­dest auf­zei­gen oder vor­füh­ren:

Das Lau­fen, so mei­ne The­se, hat einen inne­ren Wert. Und des­halb kommt man, wenn man läuft und es aus dem rich­ti­gen Grund tut, mit dem inne­ren Wert des Lebens in Berüh­rung. (14f.)

Und damit kann das Lau­fen ja unge­heu­er viel – näm­lich nicht weni­ger, als den Sinn des Lebens zu erschlie­ßen:

Aber Lau­fen ist ein Weg, und als sol­cher ermög­licht das Lau­fen es uns, die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens zu beant­wor­ten (15)

Mark Row­lands: Der Läufer und der Wolf. 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Rogner & Bern­hard 2014. 240 Sei­ten. ISBN 9783954030484.

Lang­stre­cken­lau­fen ist eine ziel­ori­en­tier­te Leis­tung, die zeigt, wie bank­rott das Kon­zept der ziel­ori­en­tier­ten Leis­tung ist. (39)

Robert Hartmanns „Läufergeschichten aus Afrika“

Ein eher unschein­ba­res klei­nes Büch­lein sind die „Läu­fer­ge­schich­ten aus Afri­ka“ des Sport­jour­na­lis­ten Robert Hart­mann. Auf knapp 170 Sei­ten wer­den hier eine Men­ge Lang­stre­cken­läu­fer vor­ge­stellt. Sie kom­men (fast) alle aus Kenia – da kennt Hart­mann sich offen­bar aus. Inso­fern ist das „Afri­ka“ im Titel etwas irre­füh­rend. Ende der 1960er setzt sei­ne Geschich­ten­samm­lung ein und führt bis in die 1990er. Ganz ver­schie­de­ne klei­ne Stim­mungs­bil­der sind es, die Hart­mann hier ver­sam­melt, meist in der Form kur­zer Por­träts: Wett­kampf­er­zäh­lun­gen, Lauf­bio­gra­phien, Läu­fer­le­bens­we­ge, …

Aber so viel inter­es­san­tes und unter­halt­sam-nett Geplau­der­tes hier auf­ge­schrie­ben ist, so vie­le Stol­per­stei­ne leg­ten sich mir auch immer wie­der in den Lese­weg. Das hat eini­ge ver­schie­de­ne Grün­de: Das nicht geklär­te Ziel des gan­zen Buches etwa. So spricht er z.B. ger­ne vom „Wun­der“ der Läu­fer aus Kenia und ihren über­ra­gen­den Leis­tun­gen – Erklä­rungs­an­sät­ze feh­len aber ziem­lich kom­plett, Hart­mann ver­sucht es noch nicht ein­mal. Trai­ning fin­det hier ja auch über­haupt nicht statt – statt­des­sen gilt das „Gesetz der Savan­ne“, was auch immer das sein soll … (Schön auch: „Die Jäger und Samm­ler hat­ten nichts ver­lernt.“ [82]) Und dann die oft genug uner­träg­li­che roman­ti­sche Ver­klä­rung, der sich Hart­mann so ger­ne beflei­ßigt – Fak­ten tau­chen zwar auf, sind aber viel weni­ger wich­tig (genau wie geschicht­li­che Hin­ter­grün­de) als die Stim­mung – und natür­lich immer wie­der: die Freund­schaft des Autors mit den Läu­fern, vor allem Mike Boi­to.

Am meis­ten genervt hat mich ja die naï­ve Ver­klä­rung der Unter­ent­wick­lung eines gan­zen Kon­ti­nents und der Armut: Die Keni­aer sind hier die bes­se­ren Men­schen, noch unver­dor­ben von den Bequem­lich­kei­ten der Moder­ne, sie sind noch „ech­te“ Men­schen mit natür­lich-gesun­dem Ver­hält­nis zum Kör­per und des­sen Leis­tungs­fä­hig­keit (immer wie­der erzählt er, wie die Ath­le­ten zu Fuß zum Wett­kampf kom­men …). Höchs­tens als gute Moti­va­ti­on zur ech­ten Leis­tung, die die ver­weich­lich­ten Euro­pä­er nicht mehr brin­gen wollen/​können, spielt Armut hier letzt­lich eine Rol­le. Und das führt direkt zum nächs­ten Punkt: Hart­manns mehr oder weni­ger ver­deck­tem (Rest-)Kolonialismus – es geht nicht dar­um, Afri­ka und den Afri­ka­nern Mög­lich­kei­ten der Ent­wick­lung auf­zu­zei­gen (ok, das wäre in die­sem Rah­men auch zu viel ver­langt), son­dern eigent­lich dar­um, das Gefäl­le zwi­schen Afri­ka und Euro­pa aus­zu­nut­zen. Gewiss, für ein­zel­ne Indi­vi­du­en mag das funk­tio­nie­ren und erfolg­reich sein – die Hun­der­te Läu­fert, die sich auf dem Weg dahin auf­rei­ben und schei­tern, spie­len hier kei­ne wirk­li­che Rol­le. Das lei­ten­de Prin­zip ist das der hoch­be­gab­ten Habe­nicht­se, die zum Erfolg lau­fen. Und die freu­en sich über die pri­mi­tivs­ten, erbärm­lichs­ten Almo­sen, die der freund­lich geson­ne­ne väter­li­che Freund aus dem rei­chen Deutsch­land ab und an über­reicht. „Das war ein ein­fa­ches Sys­tem. Aber es funk­tio­nier­te.“ (136)

Poli­tik taucht über­haupt nicht auf – als spiel­te sich das Leben nur auf dem Sport­platz ab. Und das Frau­en nichts zu mel­den haben – macht nichts. Dafür ist er offen­bar außer­or­dent­lich begeis­tert von den grau­sa­men, eli­tä­ren, män­ner­bünd­le­rischn Ini­ta­ti­ons­ri­ten der Stäm­me. Nun ja …

Also, alles in allem: Eine net­te Lek­tü­re zwi­schen­durch, wenn man eini­ge Ansprü­che mal außen vor lässt.

Robert Hart­mann: Läu­fer­ge­schich­ten aus Afri­ka. Has­sel­roth: Schmid 2004. 172 Sei­ten. ISBN 3−938101−01−6.

Laufwoche #41

Ach, wie herr­lich kann doch das Lau­fen sein! Die­se Woche hat mal fast alles gepasst und geklappt: Von Mon­tag bis Don­ners­tag noch strah­len­der Son­nen­schein bei mil­den herbst­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren, Frei­tag war es dann aller­dings sehr trüb, eine rich­ti­ge Unter­gangs­stim­mung durch die tief­lie­gen­den Wol­ken. Und der Rhein hat­te eine ganz selt­sa­me und sel­te­ne Far­be, in Mischung aus Blau und hel­lem Grün (sonst ist er ja meist eher grau bzw. braun) – doch immer­hin kam kaum Was­ser von oben. Sams­tag aller­dings durch­aus, das war sehr feucht, neb­lig und immer wie­der reg­ne­risch. Und zum ers­ten Mal auch kalt.

Und vor allem habe ich mal wie­der einen ordent­li­chen Trai­nings­fort­schritt gespürt: Alle Trai­nings waren bes­ser als die Vor­ga­be von Vic­sys­tem. Schon die Inter­val­le am Mon­tag (5x1600m) lie­fen, trotz eher stei­fer Bei­ne am Mor­gen, aus­ge­zeich­net.
Und der Lauf am Mitt­woch, wett­kampf­spe­zi­fi­sches Tem­po, war rich­tig geni­al: 13,1 km @ 4:22 (statt 12,8 km @ 4:39). Am bes­ten – trotz des mäßi­gen Wet­ters, das die Hür­de zum Los­lau­fen ziem­lich hoch leg­te – war aber der lan­ge Lauf am Sams­tag: Knapp 32 Kilo­me­ter im 5:16er Tem­po. Der Plan sah 5:21 vor – aller­dings auf ebe­ner Stre­cke. Und was ich von Erbach aus gelau­fen bin, war eher sel­ten eben: Über den Buch­wald­s­kopf und Zir­kel­berg mei­ne Stan­dard­stre­cke nach Bull­au, dort aber kurz vor dem Ort nach Geb­hardtshüt­te abge­bo­gen und auf dem Wan­der­weg am Kräh­berg vor­bei zum Reu­ßen­kreuz. Da hat­te ich gut 18 Kilo­me­ter hin­ter mir – und das Tem­po stand, obwohl es viel berg­auf ging, schon bei 5:26. Das war natür­lich schon etwas schnell, eigent­lich ver­su­che ich ja bei den lan­gen Läu­fen ein Cre­scen­do, dass unter die­sen Umstän­den nicht so ganz gut funk­tio­niert. Über den Fahr­rad­weg bin ich dann – auf der ande­ren Sei­te des Kräh­bergs – nach Bull­au, übers Bullau­er Bild hin­un­ter zum Zir­kel­berg und mit einer Schlei­fe um den Ruhe­forst wie­der über den Buch­wald­s­kopf zurück – und dann stand das Tem­po bei 5:16. Ein­fach geni­al. Obwohl es in Bull­au sehr unan­ge­nehm war – aus­ge­rech­net da, wo ich mal ein Stück übers freie Feld muss (der Rest ist fast voll­stän­dig im Wald) fing es rich­tig unan­ge­nehm dicht an zu reg­nen. Zusam­men mit dem Wind war des unan­ge­nehm kalt … So rich­tig freund­lich war das Wet­ter unter­wegs nie, begeg­net bin ich genau zwei Leu­ten – einem mit Hund und einem ande­ren Läu­fer. Die Höhen­me­ter sehen beein­dru­ckend aus:

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Das lief zwar wun­der­bar. Aber heu­te mer­ke ich die Ober­schen­kel doch ganz schön – Mus­kel­ka­ter hat­te ich schon lan­ge nicht mehr … Immer­hin hat es aber auch wie­der für 16 Kilo­me­ter @ 5:26 gereicht – nicht aus­ge­spro­che­ne Erho­lung, da waren auch schon wie­der knapp 300 Höhen­me­ter drin. Aber mal sehen, wie mor­gen die 2000er-Inter­val­le gehen – momen­tan kann ich’s mir nicht so recht vor­stel­len …

Einmalsocken

Heu­te mal ein nega­ti­ver Erfah­rungs­be­richt: Die Bam­boo-Socken von New­li­ne, die der Greif-Shop mir geschenkt hat, tau­gen gar nichts. Sie sind zwar ange­nehm zu tra­gen, aber schon mal im Schuh arg rut­schig. Und, das ist das Haupt­pro­blem, sie hal­ten nichts – aber auch gar nichts – aus: Das wei­ße Paar, das man unten auf den Bil­dern sieht, hat gera­de ein­mal sage und schrei­be knap­pe 90 Kilo­me­ter hin­ter sich. Das ist also noch nicht ein­mal eine Woche, die die Socken über­lebt haben (zum lan­gen Lauf hat­te ich wie oft die CEP-Strümp­fe an). Zum Ver­gleich: Ich habe Skin­fit-Socken – die kos­ten auch nur 9 Euro pro Paar – die schon 2000 Kilo­me­ter hin­ter sich haben. Und immer noch fit­ter aus­se­hen als die­se von New­li­ne, die ja immer­hin auch Lauf­so­cken sein sol­len. Gut, sie sind in der Woche zwei­mal rich­tig nass gewor­den – aber eben das sol­len und müs­sen Lauf­so­cken doch aus­hal­ten! Nun, das täg­li­che Lau­fen for­dert eben auch Opfer …

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50 km beim 19. Ultramarathon in Eschollbrücken

So. Nach­dem ich in Rod­gau die­ses Jahr wegen mei­nes Ski­ur­laubs nicht lau­fen konn­te, habe ich mir mal den Ultra­ma­ra­thon Escholl­brü­cken ange­schaut. Da gibt es näm­lich auch die 50 km. Und inzwi­schen, seit Ende Janu­ar, habe ich wie­der wenigs­tens ein paar (weni­ge, viel zu weni­ge eigent­lich) lan­ge Läu­fe gemacht. Also 50 km Ende März. Und ich habe kei­ne Ahnung, ob ich das ver­nünf­tig schaf­fe und wie schnell ich sein kann. Als Wett­kampf woll­te ich es eigent­lich nicht lau­fen, son­dern eher als extre­men Trai­nings­lauf. Also habe ich nach den ver­gleichs­wei­se schnel­len 34 km vom letz­ten Sams­tag am Mon­tag noch ein har­tes Mara­thon-Renn­tem­po-Trai­ning drauf­ge­setzt, bin Diens­tag und Mitt­woch noch jeweils 16,5 km Dau­er­lauf gerannt und habe erst ab Don­ners­tag die Umfän­ge redu­ziert. Vor Escholl­brü­cken hat­te ich also schon 70 km in den Bei­nen. Und noch eine klei­ne, ers­te Rad­fahrt. Denn der Ultra ist in der Pam­pa. Ohne Auto kommt man da sonn­tags mor­gens prak­tisch nicht hin. Also habe ich mal etwas ande­res ver­sucht: Sams­tag abend bin ich bei mei­nem Bru­der in Darm­stadt ein­ge­flo­gen und von dort aus am Sonn­tag, nach einem klei­nen Früh­stück, mit dem Lie­ger nach Escholl­brü­cken gekur­belt. Das sind gut 10 km, ganz ein­fach zu fin­den – also nichts welt­be­we­gen­des. Am Sport­platz Escholl­brü­cken war ich eigent­lich viel zu früh, näm­lich schon kurz nach 8 Uhr – ich woll­te sicher­ge­hen, da ich die­ses Jahr nach über­haupt nicht mit dem Lie­ger unter­wegs war und kei­ne Ahnung hat­te, ob 20 Minu­ten aus­reich­ten (sie taten). Also hing ich da rum, habe dann kurz vor 9 auch noch Frett, den ande­ren Läu­fer aus dem Streak­run­ner-Forum und Spe­zia­list für die 50 km, getrof­fen. Er hat­te etwas mehr vor als ich ;-). Ich hat­te mir so gedacht, das gan­ze mit 5:30/km rela­tiv gemüt­lich anzu­ge­hen und am Ende zu schau­en, was noch geht. Es kam etwas anders …

Der Lauf:

Gestar­tet wur­de pünkt­lich um 9, ganz unspek­ta­ku­lär – außer den 80 Ultras war nichts los 😉 Die ers­ten haben sich natür­lich wie ver­rückt auf die Stre­cke gestürzt (und mich spä­ter dann auch zwei­mal über­run­det). Für mich selbst war die ers­te Run­de eher beschei­den: Etwas zu lang­sam, kein rhyth­mus, auch kei­ne rech­te Freu­de beim Lau­fen. Die Stre­cke in Escholl­brü­cken ist ein 5‑km-Rund­kurs, im Grun­de zwei Schlei­fen à zwei und drei Kilo­me­ter, wobei der zwei­te Teil bei km 3,5 oder so noch eine klei­ne Aus­buch­tung in den Wald hat. Sie führt meist über recht ordent­li­che Wege auf dem Deich des Rück­hal­te­be­ckesn (die ers­ten zwei Kilo­me­ter) und durch den Wald, dann aber auch nach Kilo­me­ter 3 kurz übers Feld mit einem recht buck­li­gen Weg, der heu­te zudem noch im Gegen­wind lag. Aber das ist nur ein ganz kur­zes Stück­chen, dann geht es wie­der am Orts- & Wald­rand in Rich­tung Sport­platz, wo man noch eine extra-Schlei­fe über den Rasen­platz dreht, bevor man hin­ter Kilo­me­ter 5 an der Ver­pfle­gung vor­bei­kommt. Beim ers­ten Mal ließ ich die noch rechts lie­gen, dann gab es für mich Tee und Was­ser – bei­des nicht ide­al für mich: Den Tee hat­te ich recht bald eigent­lich über (rein geschmack­lich …), das Was­ser hat­te lei­der Koh­len­säu­re, was ich beim Lau­fen nicht beson­ders mag. Aber egal. Essen hät­te man auch eini­ges kön­nen – Bana­nen natür­lich, Kek­se, Scho­ko­la­de etc. – das habe ich aber ganz sein gelas­sen, weil ich kei­nen Hun­ger hat­te.

Bis in die zwei­te Run­de hin­ein wur­den wir auch noch mit Regen ver­wöhnt, dann kam aber immer mehr Son­ne (warm genug war es durch­aus), hin­ter Kilo­me­ter drei auch rich­tig Gegen­wind. Auch auf dem Deich weh­te es manch­mal ein biss­chen – aber das war alles nicht so schlimm. Bzw. erst nach 8, 9 Run­den …

Ab dem zwei­ten Durch­gang lief es bes­ser, d.h. deut­lich zügi­ger. Dann bin ich lan­ge (bis Run­de fünf oder sechs) im Duo unter­wegs gewe­sen bzw. habe ein biss­chen Tem­po für die spä­te­re Gesamt­zwei­te der Frau­en­wer­tung, die dann aber lei­der abrei­ßen hat las­sen, gemacht. Irgend­wan kam sie nach der Ver­pfle­gung – ich bin da fast kom­plett durch­ge­lau­fen – nicht mehr ran, der Abstand wur­de dann doch etwas grö­ßer, am Ende waren es knapp 7 Minu­ten, die zwi­schen uns lagen.

Ich war erstaun­li­cher­wei­se recht gleich­mä­ßig unter­wegs (Run­den­über­sicht, Tem­po­dia­gramm). Dem Gefühl nach noch gleich­mä­ßi­ger als die Zei­ten aus­sa­gen. Vor allem immer etwas schnel­ler als eigent­lich vor­ge­nom­men: Statt 5:30/km eher 5:15–5:20/km. Bis run­de 7, also 35 km, ging das völ­lig ohne Pro­ble­me – sogar mit einer kon­ti­nu­ier­li­chen leich­ten Tem­po­stei­ge­rung. Ab Run­de 8 dann aller­dings nicht mehr so sehr. Ganz im Gegen­teil sogar: 8 schon etwas lang­sa­mer, 9 noch ein biss­chen, und 10 auch noch mal ein klei­nes biss­chen lang­sa­mer. Aber da hat­te ich schon aus­ge­rech­net, dass die sub 4:30h im Bereich des Mög­li­chen lie­gen. Und 2,5 km vor Schluss sogar im Bereich des Wahr­schein­li­chen. Da hat­te ich noch mal einen 50er über­holt, der irgen­wie wohl ein­ge­schla­fen war. Er hat sich dann näm­lich ziem­lich pro­blem­los an mei­ne Fer­sen gehef­tet, bis Kilo­me­ter 49 von mir zie­hen las­sen und ist dann wort­los abge­zo­gen – ich konn­te und woll­te sei­ner Tem­po­ver­schär­fung dann nicht mehr fol­gen. Im Ziel hat­te ich eine 4:28:29, offi­zi­ell zu 4:28:32 kor­ri­giert (das waren wahr­schein­lich die drei Sekun­den, die ich beim Start bis zur Start­li­nie gebraucht hat­te).

Ach ja, das Über­ho­len über­haupt. Das ist näm­lich sehr schön in Escholl­brü­cken. Denn um 11 Uhr wer­den die 25 km-Läu­fer auf die Stre­cke geschickt. Dadurch kommt etwas Leben in das zu dem Zeit­punkt ja ziem­lich beto­nier­te Ultra-Feld. Und ich hät­te es ja nicht geglaubt, aber ich konn­te so nach 30,35 Kilo­me­tern noch eine Men­ge Läu­fer über­ho­len. Das tut dann sehr gut, gibt Extra-Moti­va­ti­on. Aber erstaun­li­cher­wei­se – viel­leicht hat genau dies ja auch gehol­fen – hat­te ich über­haupt kei­nen abso­lu­ten Durch­hän­ger. Klar, es ging mal den einen oder ande­ren Kilo­me­ter nicht so leicht und flüs­sig. Aber inge­samt bin ich erstaun­lich pro­blem­los durch­ge­kom­men.

Nach dem Lauf habe ich dann wenigs­tens noch eine Bana­ne ver­drückt – das Start­geld muss sich ja auch ein biss­chen ren­tie­ren. Aber ich bin dann auch ziem­lich bald abge­dampft, weil ich ja um 17 Uhr schon wie­der in Mainz im Dom sein muss­te – zum Arbei­ten. Der Rück­weg nach Darm­stadt mit dem Fahr­rad ging bes­ser als ich dach­te – und die Bewe­gung hat sogar etwas gut­ge­tan. Dort erwar­te­te mich dann auch noch eine Luxus-Dusche 😉

warum ich das laufen liebe. und den winter.

heu­te ist so ein tag, der das (täg­li­che) lau­fen wie­der herr­lich und loh­nend macht:
der schnee fällt und fällt seit dem mor­gen­grau­en (der weg zum got­tesi­denst war kein gro­ßes ver­gnü­gen). aber sofort nach der rück­kehr vom dienst in die lauf­kl­am­tot­ten geschlüpft, den forerun­ner gestar­tet und die salo­mon-schu­he (für den schnee) geschnürt: raus geht es, in den schnee und den win­ter­li­chen wald. was schö­ne­res gibt es für einen läu­fer kaum. gut, rekor­de bricht man bei die­sem wet­ter nicht .… vor allem, da ich die gut 32 km von ges­tern noch etwas in den bei­nen merk­te. aber das ist bei so schö­nem wet­ter auch egal. ja, ich fin­de das wirk­li­ich aus­ge­spro­chen schö­nes lauf­wet­ter. auch wenn die son­ne nicht scheint. und auch, wenn es unun­ter­bro­chen schneit. gut, der wind hät­te jetzt nicht sein müs­sen – dann hät­te ich nicht so viel schnee im gesicht gehabt. aber das konn­te mei­ne freu­de nicht trü­ben.

unter­wegs war ich auf einer „standard“-runde: über den buch­wald­s­kopf und son­nen­weg zum zir­kel­berg, dann ein stück den kut­schen weg hin­auf, ober­halb von erbuch durch den wald in einem gro­ßen bogen bis unge­fähr zum almen­hof und dann über den schachert ins drei­see­tal und zurück nach hau­se. das ist eine sehr schö­ne, weil sehr lee­re run­de. nach dem ers­ten kilo­me­ter (mit schö­nen anstie­gen) ver­schwin­det man beim buch­wald­s­kopf im wald und lässt mensch und ort hin­ter sich. am zir­kel­berg muss man noch ein­mal kurz die stra­ße über­que­ren, aber sonst ist man nur auf wald­we­gen unter­wegs. und bis zur rück­kehr ins drei­see­tal bei kilo­me­ter 13 auch meist ganz allein. nur der schluss hat dann noch ein klei­nes biss­chen stra­ße – aber das ist mini­mal.

so kann man oder ich zumin­dest auf die­ser run­de ganz viel genie­ßen. den schö­nen wald. die ab und an davon­stie­ben­den rehe. die zwit­schern­den vögel. vor allem aber die sanf­te stil­le, die gedämpf­te ruhe, die heu­te im schnee alles umgibt.

und dann nach 80 minu­ten die har­te rück­kehr in die zivi­li­sa­ti­on: die autos brau­sen, die men­schen schip­pen schnee mit mög­lichst viel getö­se, der sonn­tags­bra­ten duf­tet bis auf die stra­ße. und man hat es eigent­lich gar nicht ver­misst. aber die war­me dusche genießt man dann schon.

2009 gelaufen

das war es also schon wie­der, das jahr 2009. die läu­fe­ri­sche bilanz ist ziem­lich durch­wach­sen. vor­ge­nom­men hat­te ich mir nicht viel: ein mara­thon­dou­ble aus­pro­bie­ren, um zu sehen, ob etap­pen­läu­fe etwas für mich sein könn­ten. und, vor allem, die letz­ten sekun­den trai­nie­ren und den mara­thon unter drei stun­den lau­fen. das ers­te hat geklappt, das zwei­te nicht.

dabei fing es ganz ordent­lich an: bis mai hat­te ich bereits 1800 kilo­me­ter in den bei­den. und tat­säch­lich klapp­te der dop­pel­schlag dann ziem­lich gut: sams­tags abend in mann­heim, sonn­tags mor­gen in mainz jeweils ein mara­thon in deut­li­che unter vier stun­den (sie­he den bericht hier). danach war’s dann nicht mehr so lus­tig. die moti­va­ti­on ging etwas berg­ab. zunächst stand natür­lich aus­gie­bi­ge rege­ne­ra­ti­on auf dem plan. den sprung zurück ins trai­ning habe ich dann aber nur noch halb­her­zig geschafft. die kilo­me­ter­leis­tung blieb im juni sogar etwas unter der vom mai, im juli fiel sie noch mehr ab. da, vor allem nach dem rhein­steig-extrem­lauf (mit mei­ner aller­ers­ten alters­klas­sen-plat­zie­rung!) fing das übel näm­lich an: in mei­nem lin­ken fuß tat sich etwas. ich brauch­te eine gan­ze wei­le, bis mir klar, was das war: ein fer­sen­sporn. und wie ich damit umzu­ge­hen habe. der ver­such, trotz­dem den bären­fels-trail mit­zu­lau­fen, ging dann auch ordent­lich in die hose. und im august erwei­ter­te sich das dann zur stra­fe für den über­mut noch um eine reizung/​entzündung der plant­ar-seh­ne. des­halb bin ich ab ende august und vor allem im sep­tem­ber fast gar nicht mehr gelau­fen.

aber eben nur fast. denn der streak soll­te hal­ten. und er tat es auch – auch wenn es höchst­wahr­schein­lich etwas unver­nünf­tig war und die hei­lung ohne das täg­li­che (weiter-)laufen etwas schnel­ler gesche­hen wäre. aber ein biss­chen ver­rückt muss man ja sein … 558 tage des täg­li­chen lau­fens gezählt – im herbst war die­se wach­sen­de zahl, die inzwi­schen auch mei­nen ers­ten ver­such über­holt hat, oft die ein­zi­ge moti­va­ti­on, über­haupt noch die schu­he zu schnü­ren.

auch nach­dem die ent­zün­dung abge­heilt und der fuß so halb­wegs wie­der her­ge­stellt war, schnell­ten die kilo­me­ter nicht gera­de in die höhe. zum einen woll­te ich nur lang­sam stei­gern, um kei­nen rück­fall zu pro­vo­zie­ren. zum ande­ren fiel es mir im spät­herbst und win­ter zuneh­mend schwer, mich für län­ge­re ein­hei­ten zu moti­vie­ren: ein biss­chen etwas ging immer, aber jen­seits der 10 kilo­me­ter fehl­te oft sehr die lust. erst kurz vor weih­nach­ten kam die zurück – aber da war es schon zu spät, sozu­sa­gen ;-). so ste­hen jetzt halt „nur“ 4387 kilo­me­ter im trai­nings­ta­ge­buch – das ist aber durch­aus in ord­nung so. ich hof­fe, nächs­tes jahr wer­den es wie­der mehr. und bin zuver­sicht­lich, dass das auch klappt. auch wenn ich im wort­sin­ne immer noch nicht trai­nie­re, son­dern nur lau­fe – viel­leicht brau­che ich im moment den stress des tem­po­trai­nings nicht so sehr. zumal ich sehr am über­le­gen bin, ob ich mich wirk­lich noch mal auf die drei-stun­den-gren­ze hoch­trai­nie­ren soll. das ist für mich unta­len­tier­ten läu­fer (und extrem undis­zi­pli­nier­ten esser) näm­lich mit viel arbeit und fleiß ver­bun­den. wahr­schein­lich ver­le­ge ich mich doch eher auf die län­ge­ren stre­cken ohne tem­po­druck. das macht mir eigent­lich am meis­ten spaß. auch ohne wett­kampf und ver­an­stal­tung: die lan­gen läu­fe am wochen­en­de sind eigent­lich das schöns­te am lau­fen über­haupt. auch (oder weil?) man danach so schön fer­tig ist …

und abschlie­ßend mein lauf­jahr 2009 in eini­gen zah­len:

gelau­fe­ne kilo­me­ter 2009: 4387,41 km
benö­tig­te gesamt­zeit: 378:00:29 (wahn­sinn!)
durch­schnitts­tem­po: 5:11 min/​km
höhen­me­ter: +/- 59.000 m (wahr­schein­lich etwas mehr als real, das ist der per sport­tracks & ele­va­ti­on cor­rec­tion plug­in ermit­tel­te wert)
kür­zes­te ein­heit: 2,1 km
längs­te ein­heit: 53,1 km
mara­thon oder mehr: 8 mal (ergibt: 353,5 km @ 5:20)

wunderbar einfach

lau­fen im win­ter – ein gran­dio­ser genuss. vor allem, wenn es so ist wie heu­te: zwar ver­dammt kalt – ‑15°C beim start, auf der höhe bestimmt noch käl­ter – aber ein­fach wun­der­schön. der schnee der ver­gan­ge­nen nacht ver­zau­bert die welt. durch odins wäl­der in der ein­sam­keit des sams­tag­vor­mit­tags zu lau­fen – es gibt kaum schö­ne­res. ich woll­te gar nicht auf­hö­ren. nach gut zwei stun­den (knapp 24 km) hat es dann aber doch gereicht. es wur­de mitt­ler­wei­le näm­lich immer noch nicht warm. mei­ne ober­schen­kel sind auch jetzt noch nicht ganz auf­ge­taut … nach drei­ßig minu­ten und den ers­ten anstie­gen wächst auf den hand­schu­hen am hand­rü­cken eine schnee-/eis­schicht, die nicht mehr ver­schwin­det. und noch eine stun­de spä­ter hän­gen mir klei­ne eis­zap­fen im gesicht – das hat­te ich noch nie. das schild der müt­ze (auch die inzwi­schen recht weiß) sorgt wohl dafür, dass ich immer in mei­nen eige­nen atem­dampf rein­lau­fe und der dann an mei­nem gesicht friert – ohne das ich das noch spü­re …
aber trotz­dem: der wald, die unbe­rühr­ten wege – klas­se ein­fach. der ers­te war ich aber nir­gends: ich bin kei­nen meter gelau­fen, auf dem nicht min­des­tens ein wild vor mir war. oft genug lei­der auch auto, offen­bar jäger, die ihr kost­ba­res wild unbe­dingt füt­tern muss­te. einen habe ich dabei noch gese­hen. leu­te waren aber nur ganz, ganz wenig unter­wegs – natür­lich an den übli­chen stel­len: am mini-rodel­hang, im drei­se­en­tal, bei würz­berg auch ein paar.
auch wenn es heu­te nicht sehr schnell war – für sol­che läu­fe ren­tiert sich so man­che quä­le­rei das jahr über. ein­fach wun­der­bar.

der drang der herde zur fütterung

heu­te war arque-lauf. und es war wie­der sehr schön. das ist wirk­lich ein kom­plett emp­feh­lens­wer­ter lauf, des­we­gen war ich ja auch schon zum zwei­ten mal dabei. vor allem, weil man eigent­lich gar kei­ne chan­ce hat, sich beson­ders unter druck zu set­zen. durch das lau­fen in grup­pen je nach tem­po (muss man aller­dings spä­tes­tens am start wis­sen …) kann man selbst ent­schei­den, wie sport­lich es sein soll. und dabei bleibt es dann auch … ich bin, auf­grund des feh­len­den trai­nings, in der 5:30 min/km-grup­pe gelau­fen – seit die­sem jahr ist das die zweit­schnells­te, die ehe­ma­li­ge 4:30er gibt es man­gels nach­fra­ge nicht mehr, dafür geht es jetzt her­un­ter bis zu 7min/​km (für mich wäre das ziem­lich schwer, in dem tem­po zu lau­fen …) der start hat sich lei­der etwas arg ver­zö­gert, weil die anmel­dung und aus­ga­be der start­num­mern (die es zwar gibt, für die man aber eigent­lich gar kei­ne ver­wen­dung hat …) etwas zäh lief und lan­ge dau­er­te. das wäre ja eigent­lich über­haupt kein pro­blem, aber ers­tens war es noch ziem­lich kalt – und wenn man sich fürs lau­fen anzieht, friert man beim her­um­ste­hen ziem­lich stark (die kla­mot­ten waren aber schon im trans­fer für den ziel­be­reich gelan­det …) und zwei­tens hat­te ich danach eigent­lich noch etwas vor. aber so geht das halt …

irgend­wann ging es dann tat­säch­lich los, zunächst durf­ten die fahr­rad­fah­rer (auch das eine neue­rung, ver­schie­den lan­ge stre­cken wur­den ange­bo­ten) los, dann zwei minu­ten spä­ter grup­pe b und nach wei­te­ren zwei minu­ten wir als grup­pe c – erstaun­li­cher­wei­se mit ledig­lich zwei pace­ma­kern. das tem­po lief gleich wun­der­bar locker, die bei­den tra­fen den ers­ten kilo­me­ter fast punkt­ge­nau … im ort kam dann noch die klei­ne­re grup­pe vom par­al­lel­start hin­zu, so dass wir wenigs­tens vier pace­ma­ker hat­ten – nicht unbe­dingt zu viel für die­se auf­ga­be. denn die vor­de­ren bei­den hat­ten durch­weg ziem­lich viel zu tun, das tem­po mög­lichst wenig schnel­ler wer­den zu las­sen – immer mit einer meu­te hung­ri­ger läu­fer direkt im nacken, die ordent­lich druck mach­ten. und nach fünf, sechs kilo­me­tern pen­del­ten wir uns dann auch tat­säch­lich bald bei 5:23 ein – also doch ein gan­zes stück zu schnell eigent­lich. ent­spre­chend hat­ten die hin­te­ren pace­ma­ker eher pro­ble­me, die grup­pe bei­sam­men­zu­hal­ten. für mich war das aber ein sehr ange­neh­mes tem­po.

es soll­te ja auch ein biss­chen warm wer­den dabei. denn das wet­ter war zwar nicht schlecht, aber auch nicht berau­schend: so um die 6 °C dürf­ten es gewe­sen sein. aber halt sehr feucht, vor allem vor dem start – da fror ich doch etwas und behielt des­halb mein lang­ärm­li­ges shirt an – aller­dings nur bis zu kilo­me­ter 4,5 – dann wur­de es damit zu warm: mit kur­zer hose und streak­run­ner­shirt waren die rest­li­chen 30 kilo­me­ter gut zu bewäl­ti­gen. und es reg­ne­te wenigs­tens nicht. erst in mainz, als mei­ne sup­pe (das gehört auch unbe­dingt zum arque-lauf, die fünf-minu­ten-ter­ri­ne danach) fast leer war, fing es etwas an zu nie­seln.

die wol­ken hin­gen aber sehr tief überm tau­nus und dem rhein­gau, es blieb den vor­mit­tag über feucht – in mainz war es um 7 uhr (der abfahrts­zeit der shut­tle­bus­se zum start – übri­gens ein tol­ler ser­vice!) noch wesent­lich freund­li­cher gewe­sen. dar­an änder­te sich unter­wegs aber nicht. etwas scha­de, denn von der (schö­nen!) land­schaft haben wir so nur wenig gese­hen. aber wir waren ja auch zum lau­fen gekom­men, nicht zum gucken. und das ging wun­der­bar – mit poli­zei­be­glei­tung und sani­tä­tern hin­ten­ach konn­te ja nix pas­sie­ren. und rote ampeln waren heu­te ganz legal kein hin­der­nis. das ist gera­de das schö­ne am arque-lauf: das er ein mit­tel­ding zwi­schen trai­ning und wett­kampf ist: zwar orga­ni­siert – und durch­aus soli­de, immer­hin ver­kraf­ten sie die zwi­schen 600 und 700 teil­neh­mer sehr gut, mit ver­pfle­gungs­stel­len etc. -, aber ohne wett­kampf, ohne zeit­mes­sung halt. und das gan­ze noch für einen guten zweck, denn die Erlö­se kom­men der Arbeits­ge­mein­schaft für Quer­schnitt­ge­lähm­te mit Spi­na bifi­da /​Rhein-Main-Nahe e.V., eben der ARQUE, zugu­te. und die stre­cke führt sehr schön durch wald und wein­ber­ge, über fel­der und main ent­lang, sehr ange­neh­me zu lau­fen von kelk­heim nach mainz. auch die sim­mung im läu­fer­feld ist immer wie­der sehr ange­nehm. gut, es gibt natür­lich immer in jeder grup­pe ein paar, die wirk­lich 34 kilo­me­ter durch­quat­schen müs­sen. aber neben denen muss man ja nicht lau­fen, wenn man eher die ruhe mag. und das geklat­sche der den boden tref­fen­den lauf­schuh­soh­len macht ja auch schon genug lärm. also, wer nächs­tes jahr anfang novem­ber noche einen schö­nen lauf sucht: ich kann die 23. aus­ga­be des arque-laufs nur wärms­tens emp­feh­len.

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