Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

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Wissen, wo es langgeht: Der Ultralauf-Kompass von Norbert Madry

madry, ultralauf-kompass (cover)

150 Fra­gen beant­wortet Nor­bert Madry, der selb­st Ultra­läufer mit langer Erfahrung und auch Train­er ist, auf den gut 170 Seit­en seines ger­ade erschienen Ultra­lauf-Kom­pass. Eigentlich sind es sog­ar 300 Antworten: Es gibt näm­lich immer eine kurze, sehr pointierte Antwort, die meist nur aus einem knap­pen Satz beste­ht, und eine aus­führliche, erk­lärende, die sich auch mal — aber nur sel­ten — über mehrere Seit­en ziehen kann. Manch­mal ist der Ton etwas arg schn­od­drig für meinen Geschmack, aber das ist natür­lich eine sub­jek­tive Ein­schätzung.

Macht Ultra­laufen doof?
Ja, aber glück­licher­weise nur vorüberge­hend. (24)

Eine Menge Stoff also. Und Madry packt in den Fra­genkat­a­log auch so ziem­lich alles, was wichtig ist — und wenn er etwas nicht behan­delt, wie zum Beispiel die Aus­rüs­tung und Ernährung, dann weist er zumin­d­est darauf hin und begrün­det das mit dem fehlen­den “Ultra­spez­i­fikum”: Wenn das, was fürs Marathon­laufen gilt, auch beim Ultra­lauf Anwen­dung find­et, mag er es nicht auch noch mal behan­deln. Ein sehr sym­pa­this­ch­er Ansatz. Denn ein Buch, dass sich an Ultra­läuferin­nen (oder zumin­d­est Ultra-Inter­essierte) wen­det, wird in der Regel nicht auf Laufnovizen tre­f­fen — ein gewiss­es Grund­wis­sen dürfte also vorhan­den sein und das set­zt Madry auch voraus.

Das Frage-Antwort-For­mat passt ganz gut, weil er recht boden­ständig vor allem auf (seine) Erfahrungswerte set­zt, ohne große The­o­rien: Nach dem Mot­to “Aus der Prax­is, für die Prax­is” ist der Ultra­lauf-Kom­pass tat­säch­lich so etwas wie “ein klein­er, sehr sub­jek­tiv gefärbter Laufkumpel in Buch­form” (8). Gut gefall­en hat mir auch, dass er immer wieder ein­räumt: Hier präsen­tiere ich meinen eige­nen Blick auf die Materie, manche Antworten kön­nte man auch anders geben und nicht alle sind unbe­d­ingt für alle gültig. Er ver­fährt also nicht dik­tierend (so muss man es machen), son­dern weist darauf hin: So kann man es machen, so hat es sich zumin­d­est bewährt …

Auch wenn er im Vor­wort das Buch aus­drück­lich nicht nur für Ultras, son­dern auch für inter­essierte Läufer oder Neugierige ob der Ver­rück­theit­en, die ver­ste­hen wollen, was andere zu Ultras treibt, vor­sieht, so ist das doch schon ein Lauf­buch für Aktive. Madry konzen­tri­ert sich dabei vor allem auf die bei­den “klas­sis­chen” Ultra­diszi­plinen 100 km und 24 Stun­den, bleibt also vor­wiegend beim Straßen­lauf. Zugle­ich sind die Ratschlä­gen, Hin­weise und Antworten aber doch in der Regel so all­ge­mein gehal­ten, dass sie sich für die meis­ten Ultra­streck­en anwen­den lassen.

Was ich auch noch fest­gestellt habe: Nachts kann man entwed­er schlafen oder laufen. (91)

Er fängt dabei mit all­ge­meinen Über­legun­gen zum Ultra an, bevor sich der Haupt­teil — näm­lich fast 100 Seit­en — mit dem Train­ing, unter­gliedert nach Grund­la­gen (als “Bausteine“ sind die recht tre­f­fend beze­ich­net), Plä­nen, Beson­der­heit­en und Jahre­s­pla­nung, befasst. Abschließend gibt es noch zwei Kapi­tel zum Wet­tkampfgeschehen sowie der Psy­cholo­gie und Sozi­olo­gie des Ultras.

So weit ich das erken­nen und beurteilen kann, sind das vor­wiegen vernün­ftige Ratschläge, mit denen mal nicht viel falsch machen dürfte. Das Train­ing zum Beispiel wird klas­sisch peri­o­disiert in Grund­la­gen, spezielle Vor­bere­itung (mit Peak und eher zurück­hal­ten­dem Taper­ing), Wet­tkampf­phase und Regen­er­a­tion. Natür­lich liegt der Schw­er­punkt dann auf lan­gen Läufen, die eigentliche Tem­poar­beit erledigt Madry in der Neben­sai­son und lässt sie im Haupt­train­ing nur noch erhal­tend reak­tivieren. Dabei gilt sowieso: Im Ultra­lauf-Kom­pass wird sich nicht für jedes Fitzelchen Train­ings­gestal­tung eine abso­lut gültige Antwort find­en lassen. Denn Madry geht von einem mündi­gen, nach- & mit­denk­enden Ath­leten aus, der auch schon über Laufer­fahrung ver­fügt — das ist ja wohl auch der Nor­mal­fall, dass man meist schon ein paar Marathons und Kürz­eres in den Beinen hat, bevor man an Ultras, zudem auch noch leis­tungsin­ter­essiert, herange­ht. Madry spricht dabei immer wieder gerne vom „läuferischen Gesamtkunst­werk“ — und das ist auch typ­isch: Nicht ein einzelner/wenige Ansatzpunkt ist erfol­gsver­heißend, son­dern es sind sehr viele, sehr ver­schiedene Stellschrauben, an denen zur Leis­tungsverbesserung, zur Aus­reizung der per­sön­lichen läuferischen Poten­zials, gedreht wer­den kann.

Ich habe es nicht aus­pro­biert (und auch nicht alles durchgerech­net). Beim Lesen des Ultra-Kom­pass sind mir aber aus mein­er (beschei­de­nen) Ultra­er­fahrung jedoch keine groben Unstim­migkeit­en aufge­fall­en oder Sachen, die mir sus­pekt erschienen. Allerd­ings gibt es eben auch keine „neuen“ Weisheit­en — ganz wie es Madry eben ver­spricht. Sehr zurück­hal­tend (um es so zu for­mulieren) fand ich seine Ein­stel­lung zur Psy­che beim laufen — ihm liegen die kör­per­lichen Dinge offen­bar mehr (und sie sind ja auch absolute Voraus­set­zung). Aber ich würde der men­tal­en Vor­bere­itung und Ver­fas­sung während Wettkampf/Lauf etwas mehr Bedeu­tung beimessen.

Aber der Ultra­lauf-Kom­pass ist auf jeden Fall lesenswert. Und er ist vor allem als Nach­schlagew­erk sehr hil­fre­ich, wenn man sein eigenes, schlum­mern­des Halb­wis­sen noch mal über­prüfen oder kor­rigieren möchte …

Aber eine schöne Antwort auf die oft gestellte nervige Frage »Wovor läuf­st Du eigentlich denn weg??« ist: »Ich laufe vor nichts weg, son­der zu allem hin. Auch zu mir selb­st, und ich bin noch lange nicht da.« (171)

Nor­bert Madry: Der Ultra­lauf-Kom­pass. Für alle, die es wirk­lich wis­sen wollen. Grün­wald: Copress 2016. 176 Seit­en. ISBN 9783767911116.

Erholung beim Transkontinentallauf

Rain­er Koch erholt sich beim Tran­skon­ti­nen­tal­lauf: Ein ganz nettes Inter­view aus dem Pro­jekt “Sportepiso­den” von Lukas Miller, das sich mit Extrem­sportlern und ihrem Treiben und ihrer Moti­va­tion beschäftigt:


Beim Klick­en auf das und beim Abspie­len des von YouTube einge­bet­teten Videos wer­den (u. U. per­so­n­en­be­zo­gene) Dat­en wie die IP-Adresse an YouTube über­tra­gen.

Auch die anderen “Sportepiso­den” — unter anderem Apnoetauchen, High­lin­ing — sind ganz inter­es­sant …

Essen und Laufen

Eat & Run, CoverIst das ein Lauf­buch? Der Autor­name lässt es ver­muten: Scott Jurek ist ein­er der großen Ultra­läufer. Aber Eat & Run — der Titel ver­rät es ja schon — dreht sich nicht nur ums Laufen. Im Gegen­teil: Über weite Streck­en geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund ste­ht das im Titel vorne. Und zwar um das richtige Essen — näm­lich die veg­ane Ernährung. Jurek schildert aus­führlich seinen Weg von der “nor­malen” amerikanis­chen Kost des mit­tleren West­ens zur veg­an­is­chen Ernährung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (schein­bar) gesund­heitlichen Grün­den und weil er meint zu beobacht­en, dass er sich damit bess­er fühlt. Zugle­ich pla­gen ihn aber auch lange und immer wieder die Zweifel, ob er mit veg­a­nen Lebens­mit­teln aus­ge­wogen, gesund und in allen Bere­ichen aus­re­ichend genährt ist, um Ultras zu laufen.

Schade, dass das eigentliche Laufen dann so eine ver­gle­ich­sweise kleine Rolle spielt. Sich­er, die großen Ereignisse sind drin — etwa sein über­raschen­der Sieg beim West­ern State 1999. Sein Kampf mit dem Bad­wa­ter, mit dem der von Steve Fried­man in eine angen­hem les­bare, dur­chaus span­nende und abwech­slungsre­iche Erzäh­lung gebrachte Text ein­set­zt. Was mir aber oft fehlte: Was Jurek beim Laufen eigentlich erlebt, wie er das Laufen erlebt und wahrn­immt. Hier geht es dage­gen oft um “Äußeres” — sein Train­ing, die Wet­tkämpfe, die Streck­en auch mal, das aber schon recht ober­fläch­lich oft.

Typ­isch für ein Lauf­buch, ger­ade von Ultra­läufern, ist aber ein wesentlich­er Aspekt: Die per­ma­nente Über­bi­etungslogik (hier aber gar nicht oder nur wenig reflek­tiert). Das muss immer noch etwas härter, noch etwas weit­er, steil­er, extremer und gefährlich­er sein. Bei Jurek kommt noch hinzu: Mit immer mehr Hand­i­cap gelaufen — zum Beispiel wie den Hardrock 100 mit ver­let­ztem Knöchel -, also immer mehr Schaden an Leib und Seele in Kauf nehmend. Aber für “tough men” ist das natür­lich gar kein Prob­lem, son­dern eine Her­aus­forderung. Viel weit­er reicht der Hor­i­zont Jureks hier nicht — schade eigentlich. Schade auch, dass er sich auf’s Gewin­nen beschränkt. Sein Scheit­ern spielt nur eine sehr kleine Rolle — die Auf­gabe beim UTMB 2008 ist ihm etwas nur einen hal­ben Satz wert und wird mit ein­er Ver­let­zung entschuldigt. Das ist etwas para­dox, weil er ger­ade zuvor seit­en­weise über seine hero­is­che Groß­tat, den Hardrock 100 schon ver­let­zt zu begin­nen, schrieb. Aber es passt in den Ein­druck, der sich bei mir immer mehr ver­stärk­te: Es geht ihm hier nicht ums Laufen, son­dern um das Gewin­nen — also um das Besiegen ander­er Läufer. Das passt nur wenig mit sein­er gerne beschwore­nen Beschei­den­heit zusam­men — ger­ade wenn es in Sätzen gipfelt wie:

No one wants to win more than I do. (154)

Ver­nun­ft und Ver­stand darf man hier aber generell nicht zu viel erwarten.

Bei manchen Din­gen reicht meine Geduld allerd­ings auch nicht: Zum Beispiel schreibt er lange und aus­führlich über die Idee, mit möglichst kleinem “impact” auf der Erde zu leben, also möglichst wenig bis gar keine Ressourcen zu ver­brauchen. Nur um dann wenige Seit­en später sich ganz selb­stver­ständlich ins Flugzeug zu set­zen, um ein paar Stun­den zum näch­sten Lauf zu fliegen, weil seine Moti­va­tion auf den “Haus­run­den” ger­ade im Keller ist. So etwas kapiere ich ein­fach nie …

Das klingt jet­zt alles recht neg­a­tiv — aber so richtig warm gewor­den bin ich mit Eat & Run eben nicht. Obwohl ich die Leis­tun­gen Jureks sehr schätze, blieb mir seine Hal­tung zum Laufen, wie sie sich hier zeigt, ein­fach fremd.

Scott Jurek with Steve Fried­man: Eat & Run. My unlike­ly Jour­ney to Ultra­ma­rathon Great­ness. Lon­don u.a.: Blooms­bury 2012. 260 Seit­en. ISBN 9781408833384

Vom Wert des Trainings: 5. Maaraue (Ultra-)Marathon Mainz

Endlich! Schon einige Male wäre ich gerne beim Maa­raue Marathon Mainz (MMM) mit­ge­laufen, aber bish­er hat es ter­min­lich nie geklappt. Heute war also Pre­miere für mich. Die anderen waren schon einge­spielt, die meis­ten waren schon mal dabei.
Der MMM ist ein typ­is­ch­er pri­vat organ­isiert­er Ein­ladungslauf, erst­mal zum 40. Geburt­stag von Sascha Kauf­man, der jet­zt immer wieder dazu ein­lädt. Das ist denkbar ein­fach: Gelaufen wird fünf Mal die klas­sis­che Dreibrück­en­runde. Start war heute erst­mals auf dem Park­platz an der Main­spitze — bish­er immer klein­er gewe­sen. Bei der 5. Auflage waren über zwanzig Läufer und Läuferin­nen dabei.

Im Grunde ist das ein­fach ein gemein­samer — mehr oder weniger — Train­ingslauf. Auf­grund der “offiziellen” Auss­chrei­bung in Saschas Blog zählt das aber als wer­tungs­fähige Laufver­anstal­tung und wird auch in die Sta­tis­tik der DUV aufgenom­men — für manche Marathon­samm­ler ist das ja nicht ganz unwichtig.

Jeden­falls wird für den MMM kein großes Organ­i­sa­tion­sklim­bim ver­anstal­tet: Die Strecke wird während der ersten Runde noch mit ein paar Pfeilen markiert, aber nicht abges­per­rt. Ist aber auch kein Prob­lem, für so ein paar Hanseln. Die sich noch dazu weit verteilen, spätestens nach der ersten Runde. Dieses Mal gab es, weil Sascha sich um Spon­soren bemüht hat (Start­geld wird ja keines genom­men), sog­ar noch eine kleine Startertüte — mit Werbe­ma­te­r­i­al vom Hochwald­marathon, von GO-Mainz — inkl. ein paar Gum­mibärchen, eine klein­er Dose Pull­moll und eini­gen Traubezuck­ern aus der Rochus-Apotheke in Mom­bach. Ach ja, GO spendierte auch noch eine kleine Dose “Vino friz­zante bian­co di Italia” — nicht ger­ade ein typ­is­ches Läufer­getränk. Und Start­num­mern gab es tat­säch­lich auch — so durfte ich öfters erk­lären, was wir da eigentlich treiben …

Ges­tarten sind wir mit min­i­mal­ster Verzögerung unter Beobach­tung der Presse um kurz nach 10 Uhr. Dann ging es eben los auf die mir ja aus­re­ichend gut bekan­nte Runde, durch Kos­theim an den Rhein, zum Kas­tel, unter der Theodor-Heuss-Brücke durch und hin­ter der DLRG hin­auf auf die Brücke. In Mainz dann ganz lang­weilig (…) am Ufer ent­lang hoch zur Eisen­bahn­brücke und hinüber auf die Main­spitze. Das Ganze dann fünf Mal — und fer­tig ist der Mini-Ultra.

Die erste Runde war schön gemütlich, irgend­wo zwis­chen 5:20 und 5:30 (auf die Uhr habe ich kaum geschaut). Auch die zweite Runde unge­fähr im gle­ichen Tem­po hat noch richtig viel Spaß gemacht. Auf der drit­ten Runde — ich war immer noch im sel­ben Tem­poge­bi­et unter­wegs — hat­te ich dann die große Ehre, für wenige hun­dert Meter die Spitze des Lauf­feldes zu sein — der eigentliche Frontläufer hat am Auto seine Schuhe gewech­selt. Aber Lauf­feld ist eh’ über­trieben — spätestens zu diesem Zeit­punkt war von den aller­meis­ten Läufern hin­ter uns nichts mehr zu sehen.

Das ging bei mir ganz gut bis in die vierte Runde. Klar, inzwis­chen wurde das Tem­po anstren­gend — etwas anderes hat­te ich auch nicht erwartet. Es ging also nur noch darum, den Ein­bruch möglichst lange hin­auszuzögern. Auf der vierten Runde, ziem­lich genau drei Stun­den war ich inzwis­chen unter­wegs, war es dann soweit. Die Muskeln macht unheim­lich schnell schlapp. Und auch mein Energiehaushalt ging rapi­de dem Ende zu — also erst ein­mal eine Geh­pause. Die zog sich etwas … Kurz vor Ende der vierten Runde habe ich dann ern­sthaft über­legt, es damit und also mit 36 Kilo­me­tern gut sein zu lassen. Aber irgend­wie hat­te ich keine Lust, abzubrechen. Also zog ich weit­er — immer im Wech­sel zwis­chen Gehen und Laufen. Beim Laufen merk­te ich zunehmend, dass mein Kreis­lauf nicht mehr der sta­bil­ste war. Offen­bar hätte ich doch unter­wegs zwis­chen­durch mal Energie zuführen sollen, und nicht nur ein paar Schlucke Wass­er nehmen.

Mit­tler­weile ging mir (und nicht nur mir) auch der Wind gehörig auf den Weck­er: Die stür­mis­chen Böen zer­rten nicht nur an Klei­dung und Start­num­mer, son­dern auch an den Ner­ven. Ein paar Mal wurde ich dann auch noch über­holt — aber erstaunlich, wie lange das gedauert hat. Immer­hin, irgend­wann war ich wieder auf der Mainz­er Seite — ein Ende also in Sicht. Mit dem bewährten Wech­sel zwis­chen Gehen (natür­lich bei allen Brück­e­naufgän­gen) und Laufen kam ich dann schließlich noch ins Ziel — nach 4:40:36. Keine beson­dere Glan­zleis­tung … Aber so ist das eben, wenn man beim Train­ing schlud­ert und eher wenig Lust auf die lan­gen Läufe hat — das rächt sich. Garantiert. Mor­gen werde ich wohl einen ganz net­ten Muskelkater haben …

Die ersten Ergeb­nisse sind auf diesem Bild zu bewun­dern.
Mein Streck­en­pro­tokoll (der Fore­run­ner hat 45,6 km gemessen) bei run­sat­ur­day.
Und Mein Tem­po-Dia­gramm:

Tempokurze des 5. MMM am 5.2.2011

Tempo/Zeit

Der Moment, an dem ich gegen die Wand gelaufen bin, wird ziem­lich deut­lich …

Durch die Wand — laufend

“Run­ning throug the wall” ist eine Samm­lung der Lauf-“Geschichten” einiger Ultra­läufer Amerikas, ihrer beson­ders prä­gen­den Erleb­nisse auf der Langstrecke und teil­weise auch ihrer Lauf­bi­ogra­phie: “I found out that if you spend enough time run­ning in the woods with an ultra­run­ner, you will hear a great ultra­run­ning sory. It’s inevitable.” (12) begrün­det der Her­aus­ge­ber sein Unternehmen. Meis­tens sind das kurze Texte, wenige Seit­en lang und bis auf einige Aus­nah­men auch ganz nett und flüs­sig zu lesen. Die Namen der hier Beteiligten sagen mir (naturgemäß, möchte ich sagen — ich kenne ja noch nicht mal viele deutsche Ultra­läufer-Namen) wenig bis gar nichts.

“Run­ning through the wall” ist dabei von sein­er Idee und Konzep­tion ein typ­is­ches Ultra-Buch, kön­nte man sagen: Geschicht­en von Läufern zum Anfix­en neuer Läufer. Immer getreu der alten Devise: Am meis­ten lernt man für Ultras von anderen Ultras, von Erfahrungs­bericht­en, von Laufgeschicht­en, von ersten Malen und beson­deren Erlebenis­sen auf der Strecke, von leicht­en und schw­eren Läufen, von abse­hbaren und erwarteten Prob­le­men. Für mich etwa immer wieder erstaunlich ist, wie viele bei ihren “Wet­tkämpfen” schon früh, d.h. nicht erst nach 80 oder 100 Kilo­me­tern, Prob­leme mit Blasen bekom­men … Und wie viele Hin­dernisse, persönliche/psychologische oder kör­per­liche, von den Läufern über­wun­den wer­den, für wie viele Laufen und die Ultras mehr als ein Sport, mehr als eine Freizeitbeschäf­ti­gung ist, son­dern — und das ist vielle­icht (aber nur vielle­icht) bei amerikanis­chen Läufern stärk­er aus­geprägt als bei deutschen — für wie viele mit dem Laufen Heilser­wartun­gen und Heilser­leb­nisse ganz eng ver­bun­den sind. Das hat mich etwas über­rascht.

Natür­lich gibt es auch hier ein­fach ver­rück­te Spin­ner, etwa die bei­den Bezwinger des Barkley-Laufes — ein Lauf, der darauf angelegt ist, nicht lauf­bar zu sein, zumin­d­est nicht in der vollen Länge — das über­steigt dann doch meinen Hor­i­zont: Warum sollte ich einen Lauf begin­nen (noch dazu mit mehreren Run­den), der expliz­it und über­haupt nicht gelaufen wer­den will? Die starke Extrem­isierung des Laufens hier hängt natür­lich auch damit ab, dass das alles (?) Amerikan­er sind, die nicht “nur” 100 Kilo­me­ter, son­dern gle­ich 100 Meilen laufen “müssen” (eine Strecke, die ja in Deutsch­land auch ger­ade in Mode kommt — für die ganz Harten …) — das ist schon noch ein­mal eine andere Haus­num­mer. Und 50er (egal ob Kilo­me­ter oder Meilen) spie­len hier nur eine erstaunlich geringe Rolle, sie kom­men sozusagen nur als Ein­stiegs­droge oder Train­ingslauf vor. Immer wieder wird genau das auch betont: Die “Härte” — des Laufes und sein­er Bezwinger. Es geht, so scheint es in der Zusam­men­schau, nicht immer und nicht so sehr um das Laufen oder gar den Genuss dessen, son­dern um das Über­winden von Härten, das Über-sich-selb­st-Hin­aus­ge­hen, die beson­dere, außergewöhn­liche Härte (!) der Trails, der Strecke, des Kurs­es mit ein­er manch­mal dur­chaus masochis­tisch erscheinen­den Lust an der beson­deren Qual der beson­ders lan­gen Strecke in beson­ders unwegsamen Gelände … Da wird dann auch auf­fäl­lig (zumin­d­est für mich) oft der Gebrauch von Medika­menten während des Laufes/Wettkampfes in Kauf genom­men.

Wie bei jedem echt­en Ultra­läufer­buch spie­len natür­lich auch die Mitläufer, die Ultra­szene eine gewisse Rolle. Und wie eigentlich immer ist es auch hier die Fre­undlichkeit der “Ultra­ge­meinde”, die immer wieder betont wird: Wet­tkampf, auch Konkur­renz ja, aber mit Lächeln und gegen­seit­iger Unter­stützung (zumin­d­est ein biss­chen, so lange es nicht um den Sieg geht …).

Let­z­tendlich war mir das als Buch aber ein wenig zu viel: Die Rei­hung von 39 Tex­ten zeigt, wie sehr sich viele Läufer­bi­ogra­phien ähneln kön­nen — und das Erleben der 100-Meil­er auch (einem guten Start fol­gen Schmerz und Müdigkeit, die Gedanken ans Aufgeben, die vom Willen zum Durch­hal­ten über­wun­den wer­den und schließlich das Fin­ish als Antik­li­max …) — wie gle­ich das Erleb­nis (Ultra-)Laufen für die aller­meis­ten Beteiligten sich darstellt. Gefehlt haben mir im Buch vor allem ein paar mehr Infor­ma­tio­nen über die Läufe selb­st — die kenne ich ja alle nicht per­sön­lich (von eini­gen hat­te ich immer­hin schon mal gehört), so dass ein paar Basis­in­for­ma­tio­nen mir da dur­chaus weit­er geholfen hät­ten. Und den Amerikan­ern sicher­lich auch, schließlich soll das ja ein Buch sein, dass sich nicht auss­chließlich an Ultra­läufer richtet.

Und jet­zt zum Schluss noch ein paar fast willkür­liche Zitate, die ich oben nicht unterge­bracht habe:

“ ‘What do you do with your mind when you’re run­ning a hun­dred mile?’ With­out hes­i­ta­tion, I replied, ‘Ignore it.’ ” (20)
“So many times you want to give up, but you can­not. That’s what ultra­run­ning is all about. That’s what life is all about.” (131)
“Ultras are more of a com­pe­ti­tion between me, myself, the course, and the dis­tance. Ultra­run­ning pits my mind against my body.” (167)
“I think ultra­run­ners must have a very poor mem­o­ry or no one would ever do anto­her race. You tend to for­get the pain and mis­ery and only remem­ber the thrill of accom­plish­ment.” (195) — das stimmt freilich: “Schmerz verge­ht, Stolz bleibt” heißt es in Deutsch­land.

Neal Jami­son (Hrsg.): Run­ning Through the Wall: Per­son­al Encoun­ters with the Ultra­ma­rathon. Hal­cottsville, NY: Break­away Books 2003. 288 Seit­en. ISBN 978–1‑89136937–7 (inzwis­chen schon in der 10. Auflage).

Projekt Minotaurus und andere Verrücktheiten

Die ersten 120 Seit­en dieses Büch­leins sind, ehrlich gesagt, ziem­lich­er Müll. Nicht nur orthographisch und gram­ma­tisch eine Katas­tro­phe, son­dern auch inhaltlich völ­lig unaus­ge­gorenes, undurch­dacht­es Gelaber.
Schlimm aufgestoßen sind mir vor allem die kru­den Vorstel­lun­gen des Autors zum Zusam­men­hang von Laufen und Gesellschaft — immer­hin legt er Wert darauf, als pro­moviert­er Poli­tik­wis­senschaftler anerkan­nt zu wer­den. Und dann schreibt er ständig von den bösen “Laufgu­rus”, die die arme Bevölkerung ver­führen. Und von einem “man”, dass alle Men­schen zum Laufen ani­mieren will (und, das ist beson­ders köstlich, dann extreme Pro­jek­te wie Pam­mingers Griechen­land-Läufe nicht mon­etär bezuschussen will — sehr selt­sames Gesellschaftsver­ständ­nis, das da durch­scheint …). Mit der Tat­sache, dass Laufen zum “Massen­sport” gewor­den ist, scheint er aber sowieso ein Prob­lem zu haben. Nicht nur hier betont er ja auch gerne, wie indi­vidu­ell er (im Gegen­satz zu den anderen Her­den­tieren) sei. Nun ja … Oder sein selt­sames Geschwurbel zum Ver­hält­nis von Laufen und Reli­gion — ein­er­seits legt er wieder­holt Wert auf seinen Sta­tus als gläu­bi­gen Athe­is­ten, ander­er­seits schreibt er immer wieder von der Ehrfurch vorm Schöpfer und solchem formel­haften Gesülze.
Und was schreibt er zum Laufen? Der erste Teil ist, wie gesagt, reich­lich krude. Evo­lu­tionär sei Laufen zum Beispiel als Fluchtre­flex bes­timmt — Biolo­gen (Hein­rich z.B.) sehen den Men­schen in sein­er Frühgeschichte eher als jagen­den denn fliehen­den Läufer.
Daneben nervte mich vor allem: Die ständi­ge Beto­nung und Her­vorhe­bung, wie beson­ders sein Pro­jekt doch sei. Das mag ja sein (und ist es auch), mich stört so etwas aber ein­fach trotz­dem immer sehr. Im zweit­en Teil wird es nicht wirk­lich bess­er. Die Lauf­berichte sind erstaunlich unde­tailiert und gle­ich­för­mig, aber auch aus­re­ichend prä­ten­tiös. Kurz gesagt: Das Laufen kommt mir ein­fach zu kurz. Anek­doten über die bösen, ver­schlagnen griechis­chen Portiers, die sein Team über die Ohren hauen wollen, sind für mich auch nicht wirk­lich span­nend. Also, alles in allem, ein für mich aus­ge­sprochen unlustiges Buch.

Har­ald Pam­minger, Alfred Ober­mayr: Oxi nein oder Wie ich zum ‘Kre­ta-Läufer’ wurde. Das etwas andere Lauf­buch. Wien: Books on Demand 2002. 327 Seit­en. ISBN 3–8311-432–1.

der ultramarathonmann

als vor­bere­itung auf den rennsteig-super­marathon sozusagen schon ein­mal passende lek­türe: dean kar­nazes’ ultra­ma­rathon­man. aus dem leben eines 24-stun­den-läufers (riva 2008). einige beein­druck­ende lauf­schilderun­gen ver­sam­melt er dort, vor allem die erfahrung seines ersten offiziellen ultras, des 100 meilen-laufes west­ern states endurance. danach wird’s dann etwas, nun­ja, ver­rückt: bad­wa­ter halte ich ja schon für gren­zw­er­tig, aber einen marathon zum süd­pol — das ist schon etwas selt­sam. und es hat ja selb­st für solche läufer nur mit biegen und brechen funk­tion­iert. anson­sten ganz nettes büch­lein (lei­der nicht sehr inspierend über­set­zt — höhenangaben in fuß helfen mir nicht sehr viel …), das immer wieder um den gedanken kreist, warum men­schen eigentlich solche extreme dinge tun. und das vor allem so ehrlich ist, darauf keine wirk­liche antwort zu haben. angenehm auch, dass er rein auf sich selb­st fix­iert bleibt: platzierun­gen und ergeb­nisse spie­len (fast) gar keine rolle: hier — zumin­d­est in dem buch — geht es kar­nazes um das erleb­nis des laufens, die erfahrung der über­win­dung aller möglichen schmerzen …

so einiges wahres ste­ht da drin: “Laufen bedeutete in erster Lin­ie: raus­ge­hen und Erfahrun­gen sam­meln. Ich sah, wie Gebäude ent­standen, wie die Vögel nach Süden zogen, un ich Wech­sel der Jahreszeit­en sah ich die Blät­ter fall­en und die Tage kürz­er wer­den” (s. 30) — es ist im prinzip banal und so ziem­lich jed­er läufer hat dies wohl schon bemerkt. aber es stimmt. naja, von der art gibt es eine menge beobach­tun­gen und mei­n­un­gen hier.

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