Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

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Wissen, wo es langgeht: Der Ultralauf-Kompass von Norbert Madry

madry, ultralauf-kompass (cover)

150 Fra­gen beant­wor­tet Nor­bert Madry, der selbst Ultra­l­äu­fer mit lan­ger Erfah­rung und auch Trai­ner ist, auf den gut 170 Sei­ten sei­nes gera­de erschie­nen Ultra­l­auf-Kom­pass. Eigent­lich sind es sogar 300 Ant­wor­ten: Es gibt näm­lich immer eine kur­ze, sehr poin­tier­te Ant­wort, die meist nur aus einem knap­pen Satz besteht, und eine aus­führ­li­che, erklä­ren­de, die sich auch mal – aber nur sel­ten – über meh­re­re Sei­ten zie­hen kann. Manch­mal ist der Ton etwas arg schnodd­rig für mei­nen Geschmack, aber das ist natür­lich eine sub­jek­ti­ve Einschätzung.

Macht Ultra­l­au­fen doof?
Ja, aber glück­li­cher­wei­se nur vor­über­ge­hend. (24)

Eine Men­ge Stoff also. Und Madry packt in den Fra­gen­ka­ta­log auch so ziem­lich alles, was wich­tig ist – und wenn er etwas nicht behan­delt, wie zum Bei­spiel die Aus­rüs­tung und Ernäh­rung, dann weist er zumin­dest dar­auf hin und begrün­det das mit dem feh­len­den „Ultra­spe­zi­fi­kum“: Wenn das, was fürs Mara­thon­lau­fen gilt, auch beim Ultra­l­auf Anwen­dung fin­det, mag er es nicht auch noch mal behan­deln. Ein sehr sym­pa­thi­scher Ansatz. Denn ein Buch, dass sich an Ultra­l­äu­fe­rin­nen (oder zumin­dest Ultra-Inter­es­sier­te) wen­det, wird in der Regel nicht auf Lauf­no­vi­zen tref­fen – ein gewis­ses Grund­wis­sen dürf­te also vor­han­den sein und das setzt Madry auch voraus.

Das Fra­ge-Ant­wort-For­mat passt ganz gut, weil er recht boden­stän­dig vor allem auf (sei­ne) Erfah­rungs­wer­te setzt, ohne gro­ße Theo­rien: Nach dem Mot­to „Aus der Pra­xis, für die Pra­xis“ ist der Ultra­l­auf-Kom­pass tat­säch­lich so etwas wie „ein klei­ner, sehr sub­jek­tiv gefärb­ter Lauf­kum­pel in Buch­form“ (8). Gut gefal­len hat mir auch, dass er immer wie­der ein­räumt: Hier prä­sen­tie­re ich mei­nen eige­nen Blick auf die Mate­rie, man­che Ant­wor­ten könn­te man auch anders geben und nicht alle sind unbe­dingt für alle gül­tig. Er ver­fährt also nicht dik­tie­rend (so muss man es machen), son­dern weist dar­auf hin: So kann man es machen, so hat es sich zumin­dest bewährt …

Auch wenn er im Vor­wort das Buch aus­drück­lich nicht nur für Ultras, son­dern auch für inter­es­sier­te Läu­fer oder Neu­gie­ri­ge ob der Ver­rückt­hei­ten, die ver­ste­hen wol­len, was ande­re zu Ultras treibt, vor­sieht, so ist das doch schon ein Lauf­buch für Akti­ve. Madry kon­zen­triert sich dabei vor allem auf die bei­den „klas­si­schen“ Ultra­dis­zi­pli­nen 100 km und 24 Stun­den, bleibt also vor­wie­gend beim Stra­ßen­lauf. Zugleich sind die Rat­schlä­gen, Hin­wei­se und Ant­wor­ten aber doch in der Regel so all­ge­mein gehal­ten, dass sie sich für die meis­ten Ultrastre­cken anwen­den lassen.

Was ich auch noch fest­ge­stellt habe: Nachts kann man ent­we­der schla­fen oder lau­fen. (91)

Er fängt dabei mit all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen zum Ultra an, bevor sich der Haupt­teil – näm­lich fast 100 Sei­ten – mit dem Trai­ning, unter­glie­dert nach Grund­la­gen (als „Bau­stei­ne“ sind die recht tref­fend bezeich­net), Plä­nen, Beson­der­hei­ten und Jah­res­pla­nung, befasst. Abschlie­ßend gibt es noch zwei Kapi­tel zum Wett­kampf­ge­sche­hen sowie der Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie des Ultras.

So weit ich das erken­nen und beur­tei­len kann, sind das vor­wie­gen ver­nünf­ti­ge Rat­schlä­ge, mit denen mal nicht viel falsch machen dürf­te. Das Trai­ning zum Bei­spiel wird klas­sisch peri­odi­siert in Grund­la­gen, spe­zi­el­le Vor­be­rei­tung (mit Peak und eher zurück­hal­ten­dem Tape­ring), Wett­kampf­pha­se und Rege­ne­ra­ti­on. Natür­lich liegt der Schwer­punkt dann auf lan­gen Läu­fen, die eigent­li­che Tem­po­ar­beit erle­digt Madry in der Neben­sai­son und lässt sie im Haupt­trai­ning nur noch erhal­tend reak­ti­vie­ren. Dabei gilt sowie­so: Im Ultra­l­auf-Kom­pass wird sich nicht für jedes Fit­zel­chen Trai­nings­ge­stal­tung eine abso­lut gül­ti­ge Ant­wort fin­den las­sen. Denn Madry geht von einem mün­di­gen, nach- & mit­den­ken­den Ath­le­ten aus, der auch schon über Lauf­erfah­rung ver­fügt – das ist ja wohl auch der Nor­mal­fall, dass man meist schon ein paar Mara­thons und Kür­ze­res in den Bei­nen hat, bevor man an Ultras, zudem auch noch leis­tungs­in­ter­es­siert, her­an­geht. Madry spricht dabei immer wie­der ger­ne vom „läu­fe­ri­schen Gesamt­kunst­werk“ – und das ist auch typisch: Nicht ein einzelner/​wenige Ansatz­punkt ist erfolgs­ver­hei­ßend, son­dern es sind sehr vie­le, sehr ver­schie­de­ne Stell­schrau­ben, an denen zur Leis­tungs­ver­bes­se­rung, zur Aus­rei­zung der per­sön­li­chen läu­fe­ri­schen Poten­zi­als, gedreht wer­den kann. 

Ich habe es nicht aus­pro­biert (und auch nicht alles durch­ge­rech­net). Beim Lesen des Ultra-Kom­pass sind mir aber aus mei­ner (beschei­de­nen) Ultra­er­fah­rung jedoch kei­ne gro­ben Unstim­mig­kei­ten auf­ge­fal­len oder Sachen, die mir suspekt erschie­nen. Aller­dings gibt es eben auch kei­ne „neu­en“ Weis­hei­ten – ganz wie es Madry eben ver­spricht. Sehr zurück­hal­tend (um es so zu for­mu­lie­ren) fand ich sei­ne Ein­stel­lung zur Psy­che beim lau­fen – ihm lie­gen die kör­per­li­chen Din­ge offen­bar mehr (und sie sind ja auch abso­lu­te Vor­aus­set­zung). Aber ich wür­de der men­ta­len Vor­be­rei­tung und Ver­fas­sung wäh­rend Wettkampf/​Lauf etwas mehr Bedeu­tung beimessen.

Aber der Ultra­l­auf-Kom­pass ist auf jeden Fall lesens­wert. Und er ist vor allem als Nach­schla­ge­werk sehr hilf­reich, wenn man sein eige­nes, schlum­mern­des Halb­wis­sen noch mal über­prü­fen oder kor­ri­gie­ren möchte …

Aber eine schö­ne Ant­wort auf die oft gestell­te ner­vi­ge Fra­ge »Wovor läufst Du eigent­lich denn weg??« ist: »Ich lau­fe vor nichts weg, son­der zu allem hin. Auch zu mir selbst, und ich bin noch lan­ge nicht da.« (171)

Nor­bert Madry: Der Ultra­l­auf-Kom­pass. Für alle, die es wirk­lich wis­sen wol­len. Grün­wald: Copress 2016. 176 Sei­ten. ISBN 9783767911116.

Erholung beim Transkontinentallauf

Rai­ner Koch erholt sich beim Trans­kon­ti­nen­tall­auf: Ein ganz net­tes Inter­view aus dem Pro­jekt „Spor­t­epi­so­den“ von Lukas Mil­ler, das sich mit Extrem­sport­lern und ihrem Trei­ben und ihrer Moti­va­ti­on beschäftigt:


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Auch die ande­ren „Spor­t­epi­so­den“ – unter ande­rem Apnoe­tau­chen, High­li­ning – sind ganz interessant …

Essen und Laufen

Eat & Run, CoverIst das ein Lauf­buch? Der Autor­na­me lässt es ver­mu­ten: Scott Jurek ist einer der gro­ßen Ultra­l­äu­fer. Aber Eat & Run – der Titel ver­rät es ja schon – dreht sich nicht nur ums Lau­fen. Im Gegen­teil: Über wei­te Stre­cken geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund steht das im Titel vor­ne. Und zwar um das rich­ti­ge Essen – näm­lich die vega­ne Ernäh­rung. Jurek schil­dert aus­führ­lich sei­nen Weg von der „nor­ma­len“ ame­ri­ka­ni­schen Kost des mitt­le­ren Wes­tens zur vega­ni­schen Ernäh­rung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (schein­bar) gesund­heit­li­chen Grün­den und weil er meint zu beob­ach­ten, dass er sich damit bes­ser fühlt. Zugleich pla­gen ihn aber auch lan­ge und immer wie­der die Zwei­fel, ob er mit vega­nen Lebens­mit­teln aus­ge­wo­gen, gesund und in allen Berei­chen aus­rei­chend genährt ist, um Ultras zu laufen.

Scha­de, dass das eigent­li­che Lau­fen dann so eine ver­gleichs­wei­se klei­ne Rol­le spielt. Sicher, die gro­ßen Ereig­nis­se sind drin – etwa sein über­ra­schen­der Sieg beim Wes­tern Sta­te 1999. Sein Kampf mit dem Bad­wa­ter, mit dem der von Ste­ve Fried­man in eine angen­hem les­ba­re, durch­aus span­nen­de und abwechs­lungs­rei­che Erzäh­lung gebrach­te Text ein­setzt. Was mir aber oft fehl­te: Was Jurek beim Lau­fen eigent­lich erlebt, wie er das Lau­fen erlebt und wahr­nimmt. Hier geht es dage­gen oft um „Äuße­res“ – sein Trai­ning, die Wett­kämp­fe, die Stre­cken auch mal, das aber schon recht ober­fläch­lich oft.

Typisch für ein Lauf­buch, gera­de von Ultra­l­äu­fern, ist aber ein wesent­li­cher Aspekt: Die per­ma­nen­te Über­bie­tungs­lo­gik (hier aber gar nicht oder nur wenig reflek­tiert). Das muss immer noch etwas här­ter, noch etwas wei­ter, stei­ler, extre­mer und gefähr­li­cher sein. Bei Jurek kommt noch hin­zu: Mit immer mehr Han­di­cap gelau­fen – zum Bei­spiel wie den Hard­rock 100 mit ver­letz­tem Knö­chel -, also immer mehr Scha­den an Leib und See­le in Kauf neh­mend. Aber für „tough men“ ist das natür­lich gar kein Pro­blem, son­dern eine Her­aus­for­de­rung. Viel wei­ter reicht der Hori­zont Jureks hier nicht – scha­de eigent­lich. Scha­de auch, dass er sich auf’s Gewin­nen beschränkt. Sein Schei­tern spielt nur eine sehr klei­ne Rol­le – die Auf­ga­be beim UTMB 2008 ist ihm etwas nur einen hal­ben Satz wert und wird mit einer Ver­let­zung ent­schul­digt. Das ist etwas para­dox, weil er gera­de zuvor sei­ten­wei­se über sei­ne heroi­sche Groß­tat, den Hard­rock 100 schon ver­letzt zu begin­nen, schrieb. Aber es passt in den Ein­druck, der sich bei mir immer mehr ver­stärk­te: Es geht ihm hier nicht ums Lau­fen, son­dern um das Gewin­nen – also um das Besie­gen ande­rer Läu­fer. Das passt nur wenig mit sei­ner ger­ne beschwo­re­nen Beschei­den­heit zusam­men – gera­de wenn es in Sät­zen gip­felt wie:

No one wants to win more than I do. (154)

Ver­nunft und Ver­stand darf man hier aber gene­rell nicht zu viel erwarten. 

Bei man­chen Din­gen reicht mei­ne Geduld aller­dings auch nicht: Zum Bei­spiel schreibt er lan­ge und aus­führ­lich über die Idee, mit mög­lichst klei­nem „impact“ auf der Erde zu leben, also mög­lichst wenig bis gar kei­ne Res­sour­cen zu ver­brau­chen. Nur um dann weni­ge Sei­ten spä­ter sich ganz selbst­ver­ständ­lich ins Flug­zeug zu set­zen, um ein paar Stun­den zum nächs­ten Lauf zu flie­gen, weil sei­ne Moti­va­ti­on auf den „Haus­run­den“ gera­de im Kel­ler ist. So etwas kapie­re ich ein­fach nie …

Das klingt jetzt alles recht nega­tiv – aber so rich­tig warm gewor­den bin ich mit Eat & Run eben nicht. Obwohl ich die Leis­tun­gen Jureks sehr schät­ze, blieb mir sei­ne Hal­tung zum Lau­fen, wie sie sich hier zeigt, ein­fach fremd.

Scott Jurek with Ste­ve Fried­man: Eat & Run. My unli­kely Jour­ney to Ultra­ma­ra­thon Great­ness. Lon­don u.a.: Bloomsbu­ry 2012. 260 Sei­ten. ISBN 9781408833384 

Vom Wert des Trainings: 5. Maaraue (Ultra-)Marathon Mainz

End­lich! Schon eini­ge Male wäre ich ger­ne beim Maar­aue Mara­thon Mainz (MMM) mit­ge­lau­fen, aber bis­her hat es ter­min­lich nie geklappt. Heu­te war also Pre­miè­re für mich. Die ande­ren waren schon ein­ge­spielt, die meis­ten waren schon mal dabei.
Der MMM ist ein typi­scher pri­vat orga­ni­sier­ter Ein­la­dungs­lauf, erst­mal zum 40. Geburts­tag von Sascha Kauf­man, der jetzt immer wie­der dazu ein­lädt. Das ist denk­bar ein­fach: Gelau­fen wird fünf Mal die klas­si­sche Drei­brü­cken­run­de. Start war heu­te erst­mals auf dem Park­platz an der Main­spit­ze – bis­her immer klei­ner gewe­sen. Bei der 5. Auf­la­ge waren über zwan­zig Läu­fer und Läu­fe­rin­nen dabei.

Im Grun­de ist das ein­fach ein gemein­sa­mer – mehr oder weni­ger – Trai­nings­lauf. Auf­grund der „offi­zi­el­len“ Aus­schrei­bung in Saschas Blog zählt das aber als wer­tungs­fä­hi­ge Lauf­ver­an­stal­tung und wird auch in die Sta­tis­tik der DUV auf­ge­nom­men – für man­che Mara­thon­samm­ler ist das ja nicht ganz unwichtig.

Jeden­falls wird für den MMM kein gro­ßes Orga­ni­sa­ti­ons­klim­bim ver­an­stal­tet: Die Stre­cke wird wäh­rend der ers­ten Run­de noch mit ein paar Pfei­len mar­kiert, aber nicht abge­sperrt. Ist aber auch kein Pro­blem, für so ein paar Han­seln. Die sich noch dazu weit ver­tei­len, spä­tes­tens nach der ers­ten Run­de. Die­ses Mal gab es, weil Sascha sich um Spon­so­ren bemüht hat (Start­geld wird ja kei­nes genom­men), sogar noch eine klei­ne Star­ter­tü­te – mit Wer­be­ma­te­ri­al vom Hoch­wald­ma­ra­thon, von GO-Mainz – inkl. ein paar Gum­mi­bär­chen, eine klei­ner Dose Pull­moll und eini­gen Trau­be­zu­ckern aus der Rochus-Apo­the­ke in Mom­bach. Ach ja, GO spen­dier­te auch noch eine klei­ne Dose „Vino friz­zan­te bian­co di Ita­lia“ – nicht gera­de ein typi­sches Läu­fer­ge­tränk. Und Start­num­mern gab es tat­säch­lich auch – so durf­te ich öfters erklä­ren, was wir da eigent­lich treiben …

Gestar­ten sind wir mit mini­mals­ter Ver­zö­ge­rung unter Beob­ach­tung der Pres­se um kurz nach 10 Uhr. Dann ging es eben los auf die mir ja aus­rei­chend gut bekann­te Run­de, durch Kost­heim an den Rhein, zum Kas­tel, unter der Theo­dor-Heuss-Brü­cke durch und hin­ter der DLRG hin­auf auf die Brü­cke. In Mainz dann ganz lang­wei­lig (…) am Ufer ent­lang hoch zur Eisen­bahn­brü­cke und hin­über auf die Main­spit­ze. Das Gan­ze dann fünf Mal – und fer­tig ist der Mini-Ultra. 

Die ers­te Run­de war schön gemüt­lich, irgend­wo zwi­schen 5:20 und 5:30 (auf die Uhr habe ich kaum geschaut). Auch die zwei­te Run­de unge­fähr im glei­chen Tem­po hat noch rich­tig viel Spaß gemacht. Auf der drit­ten Run­de – ich war immer noch im sel­ben Tem­po­ge­biet unter­wegs – hat­te ich dann die gro­ße Ehre, für weni­ge hun­dert Meter die Spit­ze des Lauf­fel­des zu sein – der eigent­li­che Front­läu­fer hat am Auto sei­ne Schu­he gewech­selt. Aber Lauf­feld ist eh‘ über­trie­ben – spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt war von den aller­meis­ten Läu­fern hin­ter uns nichts mehr zu sehen.

Das ging bei mir ganz gut bis in die vier­te Run­de. Klar, inzwi­schen wur­de das Tem­po anstren­gend – etwas ande­res hat­te ich auch nicht erwar­tet. Es ging also nur noch dar­um, den Ein­bruch mög­lichst lan­ge hin­aus­zu­zö­gern. Auf der vier­ten Run­de, ziem­lich genau drei Stun­den war ich inzwi­schen unter­wegs, war es dann soweit. Die Mus­keln macht unheim­lich schnell schlapp. Und auch mein Ener­gie­haus­halt ging rapi­de dem Ende zu – also erst ein­mal eine Geh­pau­se. Die zog sich etwas … Kurz vor Ende der vier­ten Run­de habe ich dann ernst­haft über­legt, es damit und also mit 36 Kilo­me­tern gut sein zu las­sen. Aber irgend­wie hat­te ich kei­ne Lust, abzu­bre­chen. Also zog ich wei­ter – immer im Wech­sel zwi­schen Gehen und Lau­fen. Beim Lau­fen merk­te ich zuneh­mend, dass mein Kreis­lauf nicht mehr der sta­bils­te war. Offen­bar hät­te ich doch unter­wegs zwi­schen­durch mal Ener­gie zufüh­ren sol­len, und nicht nur ein paar Schlu­cke Was­ser nehmen. 

Mitt­ler­wei­le ging mir (und nicht nur mir) auch der Wind gehö­rig auf den Wecker: Die stür­mi­schen Böen zerr­ten nicht nur an Klei­dung und Start­num­mer, son­dern auch an den Ner­ven. Ein paar Mal wur­de ich dann auch noch über­holt – aber erstaun­lich, wie lan­ge das gedau­ert hat. Immer­hin, irgend­wann war ich wie­der auf der Main­zer Sei­te – ein Ende also in Sicht. Mit dem bewähr­ten Wech­sel zwi­schen Gehen (natür­lich bei allen Brü­cken­auf­gän­gen) und Lau­fen kam ich dann schließ­lich noch ins Ziel – nach 4:40:36. Kei­ne beson­de­re Glanz­leis­tung … Aber so ist das eben, wenn man beim Trai­ning schlu­dert und eher wenig Lust auf die lan­gen Läu­fe hat – das rächt sich. Garan­tiert. Mor­gen wer­de ich wohl einen ganz net­ten Mus­kel­ka­ter haben …

Die ers­ten Ergeb­nis­se sind auf die­sem Bild zu bewundern.
Mein Stre­cken­pro­to­koll (der Forerun­ner hat 45,6 km gemes­sen) bei runsaturday.
Und Mein Tempo-Diagramm:

Tempokurze des 5. MMM am 5.2.2011

Tempo/​Zeit

Der Moment, an dem ich gegen die Wand gelau­fen bin, wird ziem­lich deutlich …

Durch die Wand – laufend

Run­ning throug the wall“ ist eine Samm­lung der Lauf-„Geschichten“ eini­ger Ultra­l­äu­fer Ame­ri­kas, ihrer beson­ders prä­gen­den Erleb­nis­se auf der Lang­stre­cke und teil­wei­se auch ihrer Lauf­bio­gra­phie: „I found out that if you spend enough time run­ning in the woods with an ultrarun­ner, you will hear a gre­at ultrarun­ning sory. It’s ine­vi­ta­ble.“ (12) begrün­det der Her­aus­ge­ber sein Unter­neh­men. Meis­tens sind das kur­ze Tex­te, weni­ge Sei­ten lang und bis auf eini­ge Aus­nah­men auch ganz nett und flüs­sig zu lesen. Die Namen der hier Betei­lig­ten sagen mir (natur­ge­mäß, möch­te ich sagen – ich ken­ne ja noch nicht mal vie­le deut­sche Ultra­l­äu­fer-Namen) wenig bis gar nichts. 

Run­ning through the wall“ ist dabei von sei­ner Idee und Kon­zep­ti­on ein typi­sches Ultra-Buch, könn­te man sagen: Geschich­ten von Läu­fern zum Anfi­xen neu­er Läu­fer. Immer getreu der alten Devi­se: Am meis­ten lernt man für Ultras von ande­ren Ultras, von Erfah­rungs­be­rich­ten, von Lauf­ge­schich­ten, von ers­ten Malen und beson­de­ren Erle­benis­sen auf der Stre­cke, von leich­ten und schwe­ren Läu­fen, von abseh­ba­ren und erwar­te­ten Pro­ble­men. Für mich etwa immer wie­der erstaun­lich ist, wie vie­le bei ihren „Wett­kämp­fen“ schon früh, d.h. nicht erst nach 80 oder 100 Kilo­me­tern, Pro­ble­me mit Bla­sen bekom­men … Und wie vie­le Hin­der­nis­se, persönliche/​psychologische oder kör­per­li­che, von den Läu­fern über­wun­den wer­den, für wie vie­le Lau­fen und die Ultras mehr als ein Sport, mehr als eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung ist, son­dern – und das ist viel­leicht (aber nur viel­leicht) bei ame­ri­ka­ni­schen Läu­fern stär­ker aus­ge­prägt als bei deut­schen – für wie vie­le mit dem Lau­fen Heils­er­war­tun­gen und Heils­er­leb­nis­se ganz eng ver­bun­den sind. Das hat mich etwas überrascht.

Natür­lich gibt es auch hier ein­fach ver­rück­te Spin­ner, etwa die bei­den Bezwin­ger des Bar­kley-Lau­fes – ein Lauf, der dar­auf ange­legt ist, nicht lauf­bar zu sein, zumin­dest nicht in der vol­len Län­ge – das über­steigt dann doch mei­nen Hori­zont: War­um soll­te ich einen Lauf begin­nen (noch dazu mit meh­re­ren Run­den), der expli­zit und über­haupt nicht gelau­fen wer­den will? Die star­ke Extre­mi­sie­rung des Lau­fens hier hängt natür­lich auch damit ab, dass das alles (?) Ame­ri­ka­ner sind, die nicht „nur“ 100 Kilo­me­ter, son­dern gleich 100 Mei­len lau­fen „müs­sen“ (eine Stre­cke, die ja in Deutsch­land auch gera­de in Mode kommt – für die ganz Har­ten …) – das ist schon noch ein­mal eine ande­re Haus­num­mer. Und 50er (egal ob Kilo­me­ter oder Mei­len) spie­len hier nur eine erstaun­lich gerin­ge Rol­le, sie kom­men sozu­sa­gen nur als Ein­stiegs­dro­ge oder Trai­nings­lauf vor. Immer wie­der wird genau das auch betont: Die „Här­te“ – des Lau­fes und sei­ner Bezwin­ger. Es geht, so scheint es in der Zusam­men­schau, nicht immer und nicht so sehr um das Lau­fen oder gar den Genuss des­sen, son­dern um das Über­win­den von Här­ten, das Über-sich-selbst-Hin­aus­ge­hen, die beson­de­re, außer­ge­wöhn­li­che Här­te (!) der Trails, der Stre­cke, des Kur­ses mit einer manch­mal durch­aus maso­chis­tisch erschei­nen­den Lust an der beson­de­ren Qual der beson­ders lan­gen Stre­cke in beson­ders unweg­sa­men Gelän­de … Da wird dann auch auf­fäl­lig (zumin­dest für mich) oft der Gebrauch von Medi­ka­men­ten wäh­rend des Laufes/​Wettkampfes in Kauf genommen.

Wie bei jedem ech­ten Ultra­l­äu­fer­buch spie­len natür­lich auch die Mit­läu­fer, die Ultra­sze­ne eine gewis­se Rol­le. Und wie eigent­lich immer ist es auch hier die Freund­lich­keit der „Ultra­ge­mein­de“, die immer wie­der betont wird: Wett­kampf, auch Kon­kur­renz ja, aber mit Lächeln und gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung (zumin­dest ein biss­chen, so lan­ge es nicht um den Sieg geht …). 

Letzt­end­lich war mir das als Buch aber ein wenig zu viel: Die Rei­hung von 39 Tex­ten zeigt, wie sehr sich vie­le Läu­fer­bio­gra­phien ähneln kön­nen – und das Erle­ben der 100-Mei­ler auch (einem guten Start fol­gen Schmerz und Müdig­keit, die Gedan­ken ans Auf­ge­ben, die vom Wil­len zum Durch­hal­ten über­wun­den wer­den und schließ­lich das Finish als Anti­kli­max …) – wie gleich das Erleb­nis (Ultra-)Laufen für die aller­meis­ten Betei­lig­ten sich dar­stellt. Gefehlt haben mir im Buch vor allem ein paar mehr Infor­ma­tio­nen über die Läu­fe selbst – die ken­ne ich ja alle nicht per­sön­lich (von eini­gen hat­te ich immer­hin schon mal gehört), so dass ein paar Basis­in­for­ma­tio­nen mir da durch­aus wei­ter gehol­fen hät­ten. Und den Ame­ri­ka­nern sicher­lich auch, schließ­lich soll das ja ein Buch sein, dass sich nicht aus­schließ­lich an Ultra­l­äu­fer richtet.

Und jetzt zum Schluss noch ein paar fast will­kür­li­che Zita­te, die ich oben nicht unter­ge­bracht habe: 

 ‚What do you do with your mind when you’­re run­ning a hundred mile?‘ Wit­hout hesi­ta­ti­on, I repli­ed, ‚Igno­re it.‘ “ (20)
„So many times you want to give up, but you can­not. That’s what ultrarun­ning is all about. That’s what life is all about.“ (131)
„Ultras are more of a com­pe­ti­ti­on bet­ween me, mys­elf, the cour­se, and the distance. Ultrarun­ning pits my mind against my body.“ (167)
„I think ultrarun­ners must have a very poor memo­ry or no one would ever do anto­her race. You tend to for­get the pain and mise­ry and only remem­ber the thrill of accom­plish­ment.“ (195) – das stimmt frei­lich: „Schmerz ver­geht, Stolz bleibt“ heißt es in Deutschland.

Neal Jamison (Hrsg.): Run­ning Through the Wall: Per­so­nal Encoun­ters with the Ultra­ma­ra­thon. Hal­cotts­ville, NY: Breaka­way Books 2003. 288 Sei­ten. ISBN 978 – 1‑89136937 – 7 (inzwi­schen schon in der 10. Auflage).

Projekt Minotaurus und andere Verrücktheiten

Die ers­ten 120 Sei­ten die­ses Büch­leins sind, ehr­lich gesagt, ziem­li­cher Müll. Nicht nur ortho­gra­phisch und gram­ma­tisch eine Kata­stro­phe, son­dern auch inhalt­lich völ­lig unaus­ge­go­re­nes, undurch­dach­tes Gelaber.
Schlimm auf­ge­sto­ßen sind mir vor allem die kru­den Vor­stel­lun­gen des Autors zum Zusam­men­hang von Lau­fen und Gesell­schaft – immer­hin legt er Wert dar­auf, als pro­mo­vier­ter Poli­tik­wis­sen­schaft­ler aner­kannt zu wer­den. Und dann schreibt er stän­dig von den bösen „Lauf­gu­rus“, die die arme Bevöl­ke­rung ver­füh­ren. Und von einem „man“, dass alle Men­schen zum Lau­fen ani­mie­ren will (und, das ist beson­ders köst­lich, dann extre­me Pro­jek­te wie Pammin­gers Grie­chen­land-Läu­fe nicht mone­tär bezu­schus­sen will – sehr selt­sa­mes Gesell­schafts­ver­ständ­nis, das da durch­scheint …). Mit der Tat­sa­che, dass Lau­fen zum „Mas­sen­sport“ gewor­den ist, scheint er aber sowie­so ein Pro­blem zu haben. Nicht nur hier betont er ja auch ger­ne, wie indi­vi­du­ell er (im Gegen­satz zu den ande­ren Her­den­tie­ren) sei. Nun ja … Oder sein selt­sa­mes Geschwur­bel zum Ver­hält­nis von Lau­fen und Reli­gi­on – einer­seits legt er wie­der­holt Wert auf sei­nen Sta­tus als gläu­bi­gen Athe­is­ten, ande­rer­seits schreibt er immer wie­der von der Ehr­furch vorm Schöp­fer und sol­chem for­mel­haf­ten Gesülze.
Und was schreibt er zum Lau­fen? Der ers­te Teil ist, wie gesagt, reich­lich kru­de. Evo­lu­tio­när sei Lau­fen zum Bei­spiel als Flucht­re­flex bestimmt – Bio­lo­gen (Hein­rich z.B.) sehen den Men­schen in sei­ner Früh­ge­schich­te eher als jagen­den denn flie­hen­den Läufer.
Dane­ben nerv­te mich vor allem: Die stän­di­ge Beto­nung und Her­vor­he­bung, wie beson­ders sein Pro­jekt doch sei. Das mag ja sein (und ist es auch), mich stört so etwas aber ein­fach trotz­dem immer sehr. Im zwei­ten Teil wird es nicht wirk­lich bes­ser. Die Lauf­be­rich­te sind erstaun­lich unde­tail­iert und gleich­för­mig, aber auch aus­rei­chend prä­ten­ti­ös. Kurz gesagt: Das Lau­fen kommt mir ein­fach zu kurz. Anek­do­ten über die bösen, ver­schlag­nen grie­chi­schen Por­tiers, die sein Team über die Ohren hau­en wol­len, sind für mich auch nicht wirk­lich span­nend. Also, alles in allem, ein für mich aus­ge­spro­chen unlus­ti­ges Buch.

Harald Pammin­ger, Alfred Ober­mayr: Oxi nein oder Wie ich zum ‚Kre­ta-Läu­fer‘ wur­de. Das etwas ande­re Lauf­buch. Wien: Books on Demand 2002. 327 Sei­ten. ISBN 3 – 8311-432 – 1.

der ultramarathonmann

als vor­be­rei­tung auf den renn­steig-super­ma­ra­thon sozu­sa­gen schon ein­mal pas­sen­de lek­tü­re: dean kar­na­zes‘ ultra­ma­ra­thon­man. aus dem leben eines 24-stun­den-läu­fers (riva 2008). eini­ge beein­dru­cken­de lauf­schil­de­run­gen ver­sam­melt er dort, vor allem die erfah­rung sei­nes ers­ten offi­zi­el­len ultras, des 100 mei­len-lau­fes wes­tern sta­tes endu­rance. danach wird’s dann etwas, nun­ja, ver­rückt: bad­wa­ter hal­te ich ja schon für grenz­wer­tig, aber einen mara­thon zum süd­pol – das ist schon etwas selt­sam. und es hat ja selbst für sol­che läu­fer nur mit bie­gen und bre­chen funk­tio­niert. ansons­ten ganz net­tes büch­lein (lei­der nicht sehr inspie­rend über­setzt – höhen­an­ga­ben in fuß hel­fen mir nicht sehr viel …), das immer wie­der um den gedan­ken kreist, war­um men­schen eigent­lich sol­che extre­me din­ge tun. und das vor allem so ehr­lich ist, dar­auf kei­ne wirk­li­che ant­wort zu haben. ange­nehm auch, dass er rein auf sich selbst fixiert bleibt: plat­zie­run­gen und ergeb­nis­se spie­len (fast) gar kei­ne rol­le: hier – zumin­dest in dem buch – geht es kar­na­zes um das erleb­nis des lau­fens, die erfah­rung der über­win­dung aller mög­li­chen schmerzen …

so eini­ges wah­res steht da drin: „Lau­fen bedeu­te­te in ers­ter Linie: raus­ge­hen und Erfah­run­gen sam­meln. Ich sah, wie Gebäu­de ent­stan­den, wie die Vögel nach Süden zogen, un ich Wech­sel der Jah­res­zei­ten sah ich die Blät­ter fal­len und die Tage kür­zer wer­den“ (s. 30) – es ist im prin­zip banal und so ziem­lich jeder läu­fer hat dies wohl schon bemerkt. aber es stimmt. naja, von der art gibt es eine men­ge beob­ach­tun­gen und mei­nun­gen hier.

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