Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

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Wissen, wo es langgeht: Der Ultralauf-Kompass von Norbert Madry

madry, ultralauf-kompass (cover)

150 Fra­gen beant­wor­tet Nor­bert Madry, der selbst Ultra­l­äu­fer mit lan­ger Erfah­rung und auch Trai­ner ist, auf den gut 170 Sei­ten sei­nes gera­de erschie­nen Ultra­l­auf-Kom­pass. Eigent­lich sind es sogar 300 Ant­wor­ten: Es gibt näm­lich immer eine kur­ze, sehr poin­tier­te Ant­wort, die meist nur aus einem knap­pen Satz besteht, und eine aus­führ­li­che, erklä­ren­de, die sich auch mal – aber nur sel­ten – über meh­re­re Sei­ten zie­hen kann. Manch­mal ist der Ton etwas arg schnodd­rig für mei­nen Geschmack, aber das ist natür­lich eine sub­jek­ti­ve Einschätzung.

Macht Ultra­l­au­fen doof?
Ja, aber glück­li­cher­wei­se nur vor­über­ge­hend. (24)

Eine Men­ge Stoff also. Und Madry packt in den Fra­gen­ka­ta­log auch so ziem­lich alles, was wich­tig ist – und wenn er etwas nicht behan­delt, wie zum Bei­spiel die Aus­rüs­tung und Ernäh­rung, dann weist er zumin­dest dar­auf hin und begrün­det das mit dem feh­len­den „Ultra­spe­zi­fi­kum“: Wenn das, was fürs Mara­thon­lau­fen gilt, auch beim Ultra­l­auf Anwen­dung fin­det, mag er es nicht auch noch mal behan­deln. Ein sehr sym­pa­thi­scher Ansatz. Denn ein Buch, dass sich an Ultra­l­äu­fe­rin­nen (oder zumin­dest Ultra-Inter­es­sier­te) wen­det, wird in der Regel nicht auf Lauf­no­vi­zen tref­fen – ein gewis­ses Grund­wis­sen dürf­te also vor­han­den sein und das setzt Madry auch voraus.

Das Fra­ge-Ant­wort-For­mat passt ganz gut, weil er recht boden­stän­dig vor allem auf (sei­ne) Erfah­rungs­wer­te setzt, ohne gro­ße Theo­rien: Nach dem Mot­to „Aus der Pra­xis, für die Pra­xis“ ist der Ultra­l­auf-Kom­pass tat­säch­lich so etwas wie „ein klei­ner, sehr sub­jek­tiv gefärb­ter Lauf­kum­pel in Buch­form“ (8). Gut gefal­len hat mir auch, dass er immer wie­der ein­räumt: Hier prä­sen­tie­re ich mei­nen eige­nen Blick auf die Mate­rie, man­che Ant­wor­ten könn­te man auch anders geben und nicht alle sind unbe­dingt für alle gül­tig. Er ver­fährt also nicht dik­tie­rend (so muss man es machen), son­dern weist dar­auf hin: So kann man es machen, so hat es sich zumin­dest bewährt …

Auch wenn er im Vor­wort das Buch aus­drück­lich nicht nur für Ultras, son­dern auch für inter­es­sier­te Läu­fer oder Neu­gie­ri­ge ob der Ver­rückt­hei­ten, die ver­ste­hen wol­len, was ande­re zu Ultras treibt, vor­sieht, so ist das doch schon ein Lauf­buch für Akti­ve. Madry kon­zen­triert sich dabei vor allem auf die bei­den „klas­si­schen“ Ultra­dis­zi­pli­nen 100 km und 24 Stun­den, bleibt also vor­wie­gend beim Stra­ßen­lauf. Zugleich sind die Rat­schlä­gen, Hin­wei­se und Ant­wor­ten aber doch in der Regel so all­ge­mein gehal­ten, dass sie sich für die meis­ten Ultrastre­cken anwen­den lassen.

Was ich auch noch fest­ge­stellt habe: Nachts kann man ent­we­der schla­fen oder lau­fen. (91)

Er fängt dabei mit all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen zum Ultra an, bevor sich der Haupt­teil – näm­lich fast 100 Sei­ten – mit dem Trai­ning, unter­glie­dert nach Grund­la­gen (als „Bau­stei­ne“ sind die recht tref­fend bezeich­net), Plä­nen, Beson­der­hei­ten und Jah­res­pla­nung, befasst. Abschlie­ßend gibt es noch zwei Kapi­tel zum Wett­kampf­ge­sche­hen sowie der Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie des Ultras.

So weit ich das erken­nen und beur­tei­len kann, sind das vor­wie­gen ver­nünf­ti­ge Rat­schlä­ge, mit denen mal nicht viel falsch machen dürf­te. Das Trai­ning zum Bei­spiel wird klas­sisch peri­odi­siert in Grund­la­gen, spe­zi­el­le Vor­be­rei­tung (mit Peak und eher zurück­hal­ten­dem Tape­ring), Wett­kampf­pha­se und Rege­ne­ra­ti­on. Natür­lich liegt der Schwer­punkt dann auf lan­gen Läu­fen, die eigent­li­che Tem­po­ar­beit erle­digt Madry in der Neben­sai­son und lässt sie im Haupt­trai­ning nur noch erhal­tend reak­ti­vie­ren. Dabei gilt sowie­so: Im Ultra­l­auf-Kom­pass wird sich nicht für jedes Fit­zel­chen Trai­nings­ge­stal­tung eine abso­lut gül­ti­ge Ant­wort fin­den las­sen. Denn Madry geht von einem mün­di­gen, nach- & mit­den­ken­den Ath­le­ten aus, der auch schon über Lauf­erfah­rung ver­fügt – das ist ja wohl auch der Nor­mal­fall, dass man meist schon ein paar Mara­thons und Kür­ze­res in den Bei­nen hat, bevor man an Ultras, zudem auch noch leis­tungs­in­ter­es­siert, her­an­geht. Madry spricht dabei immer wie­der ger­ne vom „läu­fe­ri­schen Gesamt­kunst­werk“ – und das ist auch typisch: Nicht ein einzelner/​wenige Ansatz­punkt ist erfolgs­ver­hei­ßend, son­dern es sind sehr vie­le, sehr ver­schie­de­ne Stell­schrau­ben, an denen zur Leis­tungs­ver­bes­se­rung, zur Aus­rei­zung der per­sön­li­chen läu­fe­ri­schen Poten­zi­als, gedreht wer­den kann. 

Ich habe es nicht aus­pro­biert (und auch nicht alles durch­ge­rech­net). Beim Lesen des Ultra-Kom­pass sind mir aber aus mei­ner (beschei­de­nen) Ultra­er­fah­rung jedoch kei­ne gro­ben Unstim­mig­kei­ten auf­ge­fal­len oder Sachen, die mir suspekt erschie­nen. Aller­dings gibt es eben auch kei­ne „neu­en“ Weis­hei­ten – ganz wie es Madry eben ver­spricht. Sehr zurück­hal­tend (um es so zu for­mu­lie­ren) fand ich sei­ne Ein­stel­lung zur Psy­che beim lau­fen – ihm lie­gen die kör­per­li­chen Din­ge offen­bar mehr (und sie sind ja auch abso­lu­te Vor­aus­set­zung). Aber ich wür­de der men­ta­len Vor­be­rei­tung und Ver­fas­sung wäh­rend Wettkampf/​Lauf etwas mehr Bedeu­tung beimessen.

Aber der Ultra­l­auf-Kom­pass ist auf jeden Fall lesens­wert. Und er ist vor allem als Nach­schla­ge­werk sehr hilf­reich, wenn man sein eige­nes, schlum­mern­des Halb­wis­sen noch mal über­prü­fen oder kor­ri­gie­ren möchte …

Aber eine schö­ne Ant­wort auf die oft gestell­te ner­vi­ge Fra­ge »Wovor läufst Du eigent­lich denn weg??« ist: »Ich lau­fe vor nichts weg, son­der zu allem hin. Auch zu mir selbst, und ich bin noch lan­ge nicht da.« (171)

Nor­bert Madry: Der Ultra­l­auf-Kom­pass. Für alle, die es wirk­lich wis­sen wol­len. Grün­wald: Copress 2016. 176 Sei­ten. ISBN 9783767911116.

Ein „Tanz mit den Hindernissen“ – Kilian Jornets „Lauf oder stirb“

Bei­na­he hät­te ich das Buch noch auf der ers­ten Sei­te zuge­klappt und in den Papier­korb geschmis­sen. Da steht näm­lich so hirn­ver­brann­ter Unsinn wie:

Hol dir den Sie­ger­kranz, oder stirb bei dem Ver­such, ihn zu erlan­gen. Ver­lie­ren heißt ster­ben, gewin­nen heißt leben. […] Sport ist ego­is­tisch, weil man ego­is­tisch sein muss, um kämp­fen und lei­den zu kön­nen, um die Ein­sam­keit und die Höl­le zu lie­ben. […] Denn ver­lie­ren heißt ster­ben. Und du kannst nicht ster­ben, ohne alles gege­ben zu haben, ohne dass Schmer­zen und Wun­den dich zum Wei­nen gebracht hät­ten. Du darfst nicht auf­ge­ben. Du musst kämp­fen bis zuletzt. Denn Ruhm ist das Aller­größ­te, und dein ein­zi­ges Ziel muss sein, ihn zu erlan­gen oder auf der Stre­cke zu blei­ben, nach­dem du alles gege­ben hast. […] Es ist an der Zeit zu lei­den, es ist an der Zeit zu kämp­fen, es ist an der Zeit zu sie­gen. Lauf oder stirb! (9f.)

Zum Glück – und das ist wirk­lich ein Glück – ist es mit solch mar­kig-mar­tia­li­scher gewalt- und kriegs­ver­herr­li­chen­der Sprü­che­klop­fe­rei dann auch schnell wie­der vor­bei. Denn der Rest von Lauf oder stirb (der Titel hät­te mich ja war­nen kön­nen) ist ein aus­ge­zeich­ne­tes Laufbuch.

jornet, lauf oder stirbDa geht es näm­lich wirk­lich um das Lau­fen. Und natür­lich um Kili­an Jor­net. Das führt dazu, dass „Lau­fen“ hier manch­mal etwas ande­res ist als das, was „nor­ma­le“ Men­schen dar­un­ter ver­ste­hen. Jor­net, in den Ber­gen gebo­ren (der Hin­weis darf nie feh­len …), schon früh von sei­nen Eltern in das Wett­kampf­ge­sche­hen der Berg­sport­ar­ten, ins­be­son­de­re des Ski­berg­stei­gens, ein­ge­führt, läuft näm­lich vor allem sehr extrem. Fast nur im Gebir­ge, ger­ne mal ohne Weg und Steg, ger­ne mal weit über das hin­aus­ge­hend, was ver­nünf­tig ist und mit halb­wegs rea­lis­ti­scher Risi­ko­ein­schät­zung noch zu ver­tre­ten ist. Nach­ah­men soll­te man das also nicht unbe­dingt. Lauf oder stirb hat aber auch gar nicht Anspruch, ein Anlei­tungs­buch zu sein: Es gibt kei­ne Trai­nings­plä­ne (die wer­den nicht ein­mal erwähnt), kei­ne Aus­rüs­tungs­tipps, es ist kei­ne Ernäh­rungs­bi­bel und auch kein Weg­wei­ser zu beson­ders tol­len Trails. Statt­des­sen erzählt Jor­net wirk­lich vom Lau­fen und der Fas­zi­na­ti­on dar­an: Der Fas­zi­na­ti­on des Drau­ßen-seins: Dem Erle­ben der Umwelt, der Ber­ge und Gebir­ge, der Pflan­zen und der Tie­re, dem Wet­ter und der Aus­sich­ten, den Naturschauspielen.
Der Fas­zi­na­ti­on der kör­per­li­chen Erfah­rung: Das wört­li­che erlau­fen neu­er Hori­zon­te, neu­er Höhen und Gebiete.
Der Fas­zi­na­ti­on der Her­aus­for­de­rung von Gren­zen und dem Überschreiten.
Der Fas­zi­na­ti­on des Lau­fens nicht nur als Bewe­gung­form, als Ablauf von Bewe­gun­gen (auch das spielt aber eine Rol­le), son­dern auch als eine Art Exis­tenz, ein psy­chi­scher Zustand, eine Art Sucht.
Und, nicht zu ver­ges­sen: die Fas­zi­na­ti­on des Gewinnens.
Denn der Jor­net, der sich hier prä­sen­tiert, läuft um zu sie­gen, er ist ein (rei­ner) Wett­kampf­läu­fer: Läu­fe, die der Vor­be­rei­tung, dem Trai­ning die­nen oder ein­fach so unter­nom­men wer­den, spie­len hier kaum eine Rol­le. Es geht ums gewin­nen. Oder sie die­nen dazu, ande­re zu besie­gen. Im direk­ten Ver­gleich wie beim UTMB oder im Unter­bie­ten von Best­zei­ten (zum Bei­spiel beim TRT oder auf dem Kili­man­dscha­ro): Auf das Sie­gen kommt es an.

Ich genie­ße den Wett­kampf. Jeden davon möch­te ich gewin­nen und dabei das Gefühl erle­ben, als Ers­ter durchs Band zu lau­fen. Es ist wun­der­bar, nach der letz­ten Kur­ve in die Ziel­ge­ra­de ein­zu­bie­gen und das Band am Ende zu erspä­hen. Mich noch ein­mal umzu­dre­hen und zu ver­ge- wis­sern, dass nie­mand mir die­sen Moment neh­men kann. Nach vor­ne zu schau­en, die Augen zu schlie­ßen und noch ein­mal Gas zu geben, um mich vom Publi­kum zum Sieg tra­gen zu las­sen. In jenem Moment ver­ges­se ich den Schmerz, spü­re ich mei­nen Kör­per nicht mehr, son­dern bin, von den Emo­tio­nen die­ser letz­ten Sekun­den erfüllt, ganz bei mir. Und dann füh­le ich, wie mein schweiß­nas­ser Kör­per das Ziel­band zer­reißt und es zu Boden fällt. (31)

Das macht Jor­net aller­dings nicht allei­ne, son­dern aus­ge­spro­chen pro­fes­sio­nell mit gro­ßer Mann­schaft, die schnell zwei Dut­zend und mehr „Mit­ar­bei­ter“ umfasst. Das fand ich etwas scha­de, dass er die­sen Umstand ger­ne etwas abtut: Natür­lich sind die ihm wich­tig – die Höf­lich­keit gebie­tet das, aber beson­ders detail­liert oder inten­siv geht er nicht auf sie ein, weder auf die Läu­fer, die ihm als Tem­po­ma­cher die­nen (er nennt das meis­tens „Trai­ner“), noch das Ver­sor­gungs­team und schon gar nicht der gro­ße media­le Zir­kus. Dass sein Spon­sor Salo­mon bei der Pyre­nä­en­que­rung auch einen Hub­schrau­ber im Ein­satz hat­te, erfährt man hier nicht – an weni­gen Stel­len wer­den Kame­ra­leu­te und Foto­gra­fen immer­hin erwähnt. 

Das soll jetzt über­haupt nicht sei­ne Leis­tung schmä­lern, hät­te viel­leicht aber ein voll­stän­di­ge­res Bild abge­ge­ben. Denn Jor­net ist, wie viel­leicht kaum ein ande­rer Trail-/Ul­tra­l­äu­fer über­haupt, eine media­le Insze­nie­rung, die sein Spon­sor maß­geb­lich vor­an­treibt. Das mag, um wie­der zum eigent­li­chen zurück­zu­kom­men, mit sei­nem Lauf­stil zusam­men­hän­gen: Lau­fen, das ist für Jor­net ein „Tanz mit den Hin­der­nis­sen“ (66). Dazu gehört auch, sich irr­sin­nig irgend­wel­che Hän­ge und Rin­nen her­ab­zus­tü­ren, über Gra­te zu bret­tern – und dabei noch locker und genie­ßend aus­zu­se­hen. Davon erfährt man auch in Lauf oder stirb viel. Und von dem, was in einem sol­chen Aus­nah­me­läu­fer wäh­rend des Lau­fens vor­geht, wie er das Lau­fen, sei­ne Umge­bung und sich selbst wahr­nimmt – das sind groß­ar­ti­ge Pas­sa­gen wie die­se hier:

Inmit­ten die­ser Far­ben­pracht glei­chen wir Tän­zern, die sich im Rausch der Kraft fort­be­we­gen. Wir spie­len mit dem brei­ten, sich wel­len­för­mig dahin­schlän­geln­den Weg, der uns alles gibt, was wir brau­chen, um Spaß zu haben. Jede Kur­ve, jedes noch so klei­ne Gefäl­le, jeder Son­nen­strahl, der uns trifft, belebt unser Tem­po. Jede Aus­re­de ist recht, um die Schritt­fre­quenz mei­ner Bei­ne zu erhö­hen und zu spü­ren, wie mei­ne Mus­keln sich beim Absto­ßen vom Boden zusam­men­zie­hen und wäh­rend der Flug­pha­se voll­kom­men ent­span­nen. Mei­ne Uhr zeigt mir an, dass ich mich mit sech­zehn Stun­den­ki­lo­me­tern fort­be­we­ge. Ich füh­le mich wirk­lich gut, und mei­ne Füße wür­den den Unter­grund am liebs­ten gar nicht berüh­ren. Wir kom­men mit gro­ßer Geschwin­dig­keit zwi­schen den Bäu­men vor­an, flie­gen förm­lich mit lei­sem Schritt und gleich­mä­ßi­ger Atmung, sodass uns nichts ent­geht, was um uns her­um pas­siert. (62)

Natür­lich gehört auch der Schmerz dazu, die Über­win­dung, das Lösen von Pro­ble­men – sei es der Ver­sor­gung, der Ori­en­tie­rung oder der Mus­ku­la­tur, die viel­leicht nicht ganz so unter­neh­mungs­lus­tig ist.

Die Beses­sen­heit, mit der sich Jor­net dem Lau­fen ver­schreibt, ist sicher nicht ganz üblich. Nicht ganz durch­schnitt­lich sind aber auch sei­ne Vor­aus­set­zun­gen. Für ihn ist es vor allem die Psy­che, die ihn zum Gewin­ner macht. Das ist natür­lich min­des­tens Under­state­ment, eigent­lich sogar etwas geschum­melt. Denn natür­lich geht so etwas – Spit­zen­leis­tun­gen wie der mehr­fa­che Sieg beim UTMB oder ähn­li­ches – nicht ohne ent­spre­chen­de phy­sio­lo­gi­sche Vor­aus­set­zun­gen. Aber man soll­te bei einem Läu­fer­buch viel­leicht auch nicht jedes Wort auf die Gold­waa­ge legen. Denn unab­hän­gig von mei­nen klei­nen Ein­wän­den1 ist Lauf oder stirb ein tol­les Buch, dass die gran­dio­sen Erfah­run­gen, die man – ob man so schnell, weit und extrem läuft wie Jor­net oder wie ich etwas gemä­ßig­ter 😉 – beim Lau­fen immer wie­der machen kann, sehr anschau­lich und gera­de­zu mit­rei­ßend beschreibt.

Kili­an Jor­net: Lauf oder stirb. Das Leben eines bedi­nungs­lo­sen Läu­fers. Mün­chen: Malik 2013. 222 Sei­ten. ISBN 9783890297644. 

  1. Dazu gehört übri­gens auch noch die Kri­tik am etwas schlam­pi­gen Lek­to­rat, dass doch tat­säch­lich mehr­mals (S. 15 u.ö.) Gali­zi­en statt Gali­ci­en ste­hen lässt!

Essen und Laufen

Eat & Run, CoverIst das ein Lauf­buch? Der Autor­na­me lässt es ver­mu­ten: Scott Jurek ist einer der gro­ßen Ultra­l­äu­fer. Aber Eat & Run – der Titel ver­rät es ja schon – dreht sich nicht nur ums Lau­fen. Im Gegen­teil: Über wei­te Stre­cken geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund steht das im Titel vor­ne. Und zwar um das rich­ti­ge Essen – näm­lich die vega­ne Ernäh­rung. Jurek schil­dert aus­führ­lich sei­nen Weg von der „nor­ma­len“ ame­ri­ka­ni­schen Kost des mitt­le­ren Wes­tens zur vega­ni­schen Ernäh­rung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (schein­bar) gesund­heit­li­chen Grün­den und weil er meint zu beob­ach­ten, dass er sich damit bes­ser fühlt. Zugleich pla­gen ihn aber auch lan­ge und immer wie­der die Zwei­fel, ob er mit vega­nen Lebens­mit­teln aus­ge­wo­gen, gesund und in allen Berei­chen aus­rei­chend genährt ist, um Ultras zu laufen.

Scha­de, dass das eigent­li­che Lau­fen dann so eine ver­gleichs­wei­se klei­ne Rol­le spielt. Sicher, die gro­ßen Ereig­nis­se sind drin – etwa sein über­ra­schen­der Sieg beim Wes­tern Sta­te 1999. Sein Kampf mit dem Bad­wa­ter, mit dem der von Ste­ve Fried­man in eine angen­hem les­ba­re, durch­aus span­nen­de und abwechs­lungs­rei­che Erzäh­lung gebrach­te Text ein­setzt. Was mir aber oft fehl­te: Was Jurek beim Lau­fen eigent­lich erlebt, wie er das Lau­fen erlebt und wahr­nimmt. Hier geht es dage­gen oft um „Äuße­res“ – sein Trai­ning, die Wett­kämp­fe, die Stre­cken auch mal, das aber schon recht ober­fläch­lich oft.

Typisch für ein Lauf­buch, gera­de von Ultra­l­äu­fern, ist aber ein wesent­li­cher Aspekt: Die per­ma­nen­te Über­bie­tungs­lo­gik (hier aber gar nicht oder nur wenig reflek­tiert). Das muss immer noch etwas här­ter, noch etwas wei­ter, stei­ler, extre­mer und gefähr­li­cher sein. Bei Jurek kommt noch hin­zu: Mit immer mehr Han­di­cap gelau­fen – zum Bei­spiel wie den Hard­rock 100 mit ver­letz­tem Knö­chel -, also immer mehr Scha­den an Leib und See­le in Kauf neh­mend. Aber für „tough men“ ist das natür­lich gar kein Pro­blem, son­dern eine Her­aus­for­de­rung. Viel wei­ter reicht der Hori­zont Jureks hier nicht – scha­de eigent­lich. Scha­de auch, dass er sich auf’s Gewin­nen beschränkt. Sein Schei­tern spielt nur eine sehr klei­ne Rol­le – die Auf­ga­be beim UTMB 2008 ist ihm etwas nur einen hal­ben Satz wert und wird mit einer Ver­let­zung ent­schul­digt. Das ist etwas para­dox, weil er gera­de zuvor sei­ten­wei­se über sei­ne heroi­sche Groß­tat, den Hard­rock 100 schon ver­letzt zu begin­nen, schrieb. Aber es passt in den Ein­druck, der sich bei mir immer mehr ver­stärk­te: Es geht ihm hier nicht ums Lau­fen, son­dern um das Gewin­nen – also um das Besie­gen ande­rer Läu­fer. Das passt nur wenig mit sei­ner ger­ne beschwo­re­nen Beschei­den­heit zusam­men – gera­de wenn es in Sät­zen gip­felt wie:

No one wants to win more than I do. (154)

Ver­nunft und Ver­stand darf man hier aber gene­rell nicht zu viel erwarten. 

Bei man­chen Din­gen reicht mei­ne Geduld aller­dings auch nicht: Zum Bei­spiel schreibt er lan­ge und aus­führ­lich über die Idee, mit mög­lichst klei­nem „impact“ auf der Erde zu leben, also mög­lichst wenig bis gar kei­ne Res­sour­cen zu ver­brau­chen. Nur um dann weni­ge Sei­ten spä­ter sich ganz selbst­ver­ständ­lich ins Flug­zeug zu set­zen, um ein paar Stun­den zum nächs­ten Lauf zu flie­gen, weil sei­ne Moti­va­ti­on auf den „Haus­run­den“ gera­de im Kel­ler ist. So etwas kapie­re ich ein­fach nie …

Das klingt jetzt alles recht nega­tiv – aber so rich­tig warm gewor­den bin ich mit Eat & Run eben nicht. Obwohl ich die Leis­tun­gen Jureks sehr schät­ze, blieb mir sei­ne Hal­tung zum Lau­fen, wie sie sich hier zeigt, ein­fach fremd.

Scott Jurek with Ste­ve Fried­man: Eat & Run. My unli­kely Jour­ney to Ultra­ma­ra­thon Great­ness. Lon­don u.a.: Bloomsbu­ry 2012. 260 Sei­ten. ISBN 9781408833384 

I want to run!

Es gibt ja so Läu­fe, die auch für einen Lang­stre­cken­läu­fer unglaub­lich und unwirk­lich blei­ben. Der Trans­eu­ro­pa­l­auf ist so eine Ver­an­stal­tung: Da lau­fen ein paar dut­zend Läu­fer über 60 Tage lang ein­fach mal so quer durch Euro­pa – in West-Ost- oder Süd-Nord-Rich­tung. Zur zwei­ten Auf­la­ge die­ses wahn­sin­ni­gen Unter­neh­mes 2009 gibt es einen Kino­film: I want to run (übri­gens ein Zitat der japa­ni­schen Läu­fe­rin, die nach ca. 23 der Stre­cke ver­letzt auf­ge­ben muss­te …). „Das här­tes­te Ren­nen der Welt“ heißt der Film im Unter­ti­tel – davon gibt es ja inzwi­schen eini­ge Vari­an­ten, von den „här­tes­ten“ Rennen/​Wettkämpfen/​Veranstaltungen. Aber zum Glück geht es dar­um eigent­lich gar nicht. Ganz im Gegen­teil: Der Film von Achim Micha­el Hasen­berg ist rich­tig schön: Ehr­furchts­voll und ent­spannt zugleich, gemüt­lich und fas­zi­nie­rend. Schö­ne Bil­der und inter­es­san­te Gesprä­che wech­seln sich, immer wie­der lässt er sich viel Zeit, um ein­fach die Teil­neh­mer bei dem zu zei­gen, was sie den gan­zen Tag trei­ben: Laufen. 

Und eines gelingt Hasen­berg und sei­nem Kamer­mann Chris­toph Rose ganz beson­ders gut: Ihre eige­ne Fas­zi­na­ti­on ange­sichts der Läu­fer, des Laufs und des Lau­fens zu zei­gen und wei­ter­zu­ge­ben, zu ver­mit­teln, dass das nicht ein­fach Ver­rück­te sind, son­dern eigent­lich ganz nor­ma­le Men­schen, die nur ein biss­chen län­ger und wei­ter lau­fen als ande­re … Wie sich mit fort­schrei­ten­der Kilo­me­ter­zahl die Ver­let­zun­gen häu­fen, die Pro­ble­me meh­ren, die Tapes und Ver­bän­de immer mehr wer­den – und die Ver­rück­ten trotz­dem ein­fach immer wei­ter lau­fen, das ist nicht nur bewun­ders­wert, son­dern mit die­sen Bil­dern auch inspi­rie­rend: Da will man doch gleich wie­der selbst los­lau­fen. Auch wenn’s kei­ne 80 Kilo­me­ter sind. Und auch mor­gen oder über­mor­gen nicht sein werden. 

Achim Micha­el Hasen­berg: I want to run. Das här­tes­te Ren­nen der Welt. 89 Minu­ten. 2012.

Die neue Art zu laufen

Das bes­te Bil­der­buch zum Lau­fen, das es gibt: Von den Machern des unbe­dingt emp­feh­lens­wer­ten (und kos­ten­lo­sen) „Trail Maga­zins“, Ste­phan Rep­ke (Grip­mas­ter) und Denis Wischniew­ski, kommt die­ses schö­ne Buch.

Trail­run­ning. Die neue Art zu lau­fen“ steht schön auf­fäl­lig auf dem Umschlag. Dabei ist es natür­lich alles ande­re als „neu“, auf klei­ne­ren Wegen und Pfa­den in der Natur lau­fen zu gehen. Das wis­sen die bei­den Autoren natür­lich auch – aber irgend ein kna­cki­ger Titel muss ja sein.

Eif­ri­gen Lesern des „Trail Maga­zins“ wird das meis­te hier bekannt vor­kom­men: Die Repor­ta­gen der ver­schie­de­nen Läu­fe quer durch die Welt stan­den da (fast?) alle schon ein­mal drin. Hier gibt es sie halt noch ein­mal gedruckt, mit vie­len, vie­len tol­len, fan­tas­ti­schen Bildern. 

Die Läu­fe füh­ren nach Island, über Kor­si­ka oder Tene­rif­fa, durch Süd­afri­ka oder die Saha­ra, über die Alpen in ver­schie­de­nen Vari­an­ten und durch deut­sche Wäl­der und Städ­te (ja, auch das – ein Ver­such zumin­dest, auch in der „Zivi­li­sa­ti­on“ Trails zu fin­den …). Aber eigent­lich egal, wo gera­de gelau­fen wird – Spaß macht es den Betei­lig­ten offen­bar immer. Und dem Leser und Schau­er ganz viel Lust, die Schu­he zu schnü­ren und raus in die Wild­nis los­zu­zie­hen. Dass das nicht immer so ein­fach ist, ist klar. Nicht jeder wohnt opti­mal am Rand der Alpen oder so, in guten Trail­run­ning­ge­bie­ten – oder fährt für einen Lauf erst ein­mal ein paar Hun­dert Kilo­me­ter Auto). 

Das sehe ich auch immer bei den Fans des Trail­run­nings, ins­be­son­de­re im „Trail Maga­zin“, etwas als Man­gel: Mir scheint, sie haben ein sehr bestimm­tes, fixier­tes Bild des Trails, das ich zu ein­sei­tig fin­de: Ihre Wege füh­ren sie fast immer in die Ber­ge, ins Gebir­ge, mit allen Vor- und Nach­tei­len. Schön lau­fen kann man aber auch in Mit­tel­ge­bir­gen und im Fla­chen – das ist für die aller­meis­ten Läu­fer auch mit mehr Lau­fen ver­bun­den als sich die Ber­ge hoch und run­ter zu quä­len, wo ja immer auch eini­ges an Gehen dazugehört …

Und dann wäre da natür­lich noch der Mar­ken­fe­ti­schis­mus der Macher, die Fixie­rung auf Salo­mon als Aus­rüs­ter – ich glau­be fast (ohne es jetzt kon­kret über­prüft zu haben oder zu wol­len) es gibt in die­sem Band kein Foto, auf dem nicht Salo­mon-Aus­rüs­tung ver­tre­ten ist. Ande­re Her­stel­ler machen natür­lich auch ver­nünf­ti­ge Aus­rüs­tung, wer­ben aller­dings nicht so inten­siv mit dem Trail­run­ning wie Salo­mon momen­tan. Aber davon muss/​darf/​sollte man sich den Spaß an die­sem schö­nen Buch ja nicht ver­der­ben lassen …

Ste­phan Repke/​Denis Wischniew­ski: Trail Run­ning. Die neue Art zu lau­fen. Bie­le­feld: Deli­us Klasing 2001. ISBN 978 – 3‑7688 – 3266‑3. 158 Sei­ten. 24,90 Euro.

Mehr als Marathon: Das „Handbuch Ultralauf“

Da ist es also end­lich, das „Hand­buch Ultra­l­auf“ – dann soll­ten jetzt ja end­lich mal alle Fra­gen geklärt sein. Sie sind es natür­lich nicht, ganz im Gegen­teil. Und das ulti­ma­ti­ve Hand­buch erscheint auch noch in der Runner’s‑World-Reihe – ist Ultra­l­auf jetzt end­gül­tig Main­stream gewor­den? Nein, auch das nicht – das Hand­buch weist selbst auf die tlw. sta­gnie­ren­den, tlw. mini­mal stei­gen­den Zah­len der Läu­fer und Läu­fe­rin­nen hin.

Wolf­gang Olbrich, Sport­wart der DUV, ver­sucht sich hier also am Rund­um­schlag: Von der Geschich­te des Ultra­ma­ra­thon­laufs bis zu spe­zi­fi­schen Trai­nings­plä­nen ist über Trai­nings­grund­la­gen, Aus­rüs­tung, men­ta­les Trai­ning, Ernäh­rungs- und ortho­pä­di­sche Fra­gen so ziem­lich zu jedem „Pro­blem“ des Ultras hier etwas zu fin­den. So rich­tig begeis­tern konn­te mich das Buch aber trotz­dem nicht.

Das fängt schon am Anfang an: Die ers­ten 36 Sei­ten (kein unbe­trächt­li­cher Teil des Umfangs also) sind eigent­lich ver­schenkt. Da wird aus­führ­lich die Situa­ti­on der Ver­bän­de (inklu­si­ve ihrer Komit­tees und deren Vor­sit­zen­den) und der Meis­ter­schaf­ten auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne refe­riert – ist das wirk­lich nötig? Die DUV wird (natür­lich) sehr pro­mi­nent dar­ge­stellt (inklu­si­ve der „inter­nen Strei­tig­kei­ten“ … – den VFUM hät­te man, bei aller Anti­pa­thie, hier durch­aus auch mal erwäh­nen kön­nen). Auch die rest­li­chen Ver­bän­de wie DLV und IAU bekom­men viel Raum. Und das gleich am Anfang, direkt nach eini­gen kur­so­ri­schen Bemer­kun­gen zur Geschich­te des Ultra­l­aufs.1

Das Fazit nach dem ers­ten Fünf­tel also: Wenig hilf­reich bis­her. Doch dann geht’s los: Kapi­tel 6 – 8 zei­gen die Trai­nings­grund­la­gen für den Ultra­l­auf. Hier beschreibt Olbrich dann doch wie­der erst ein­mal die übli­chen Trai­nings­for­men – exten­si­ve und inten­si­ve Dau­er­läu­fe, Inter­val­le, Fahrt­spie­le … -, aber wenigs­tens schön knapp, obwohl er mehr­mals dar­auf hin­weist, dass er genau das eigent­lich vor­aus­setzt (zusam­men mit mehr­jäh­ri­ger Mara­thon­erfah­rung). Vor allem tut er es aber mit spe­zi­el­ler Berück­sich­ti­gung der lan­gen Distan­zen und geht auch auf Aus­gleichs­trai­nings (Deh­nen, Kräf­ti­gungs­übun­gen) und Lauf-ABC jeweils knapp ein.

Dem fol­gen kur­ze (wirk­lich aus­führ­lich ist in dem Hand­buch eben nichts) Kapi­tel zur Ernäh­rung (Olaf Hüls­mann), zu Pro­ble­men des Magen-Darm-Trakts beim lan­gen Lau­fen (Ste­fan Hin­ze), zu ortho­pä­di­schen Aspek­te der lan­gen Belas­tung (Diet­mar Göbel), zu men­ta­len Aspek­ten des Ultras und schließ­lich noch 25 Sei­ten Trai­nings­plä­ne (50km, 100km, 24h, Etappenläufe).

Die abschlie­ßen­den 12 Sei­ten zur „Aus­rüs­tung“ waren wohl Pflicht für die Spon­so­ren,2 sind für den Läu­fer aber eher unnö­tig – schließ­lich ist das Hand­buch laut Ein­lei­tung doch aus­drück­lich für Ath­le­ten gedacht, die „bereits seit meh­re­ren Jah­ren im Lauf­be­reich trai­nie­ren“ (11) – was ja auch sinn­voll ist, bevor man den ers­ten Ultra angeht. Genau die­se Sport­ler wis­sen aber doch schon, was man beim Lau­fen anziehn soll­te, das es Puls­mes­ser und GPS-Uhren gibt …

Ganz zum Schluss kommt noch ein kur­zer Lite­ra­tur-Anhang mit sehr aus­g­wähl­ten Titeln: (Basis-)Literatur zum Lau­fen all­ge­mein und zur Trai­nings­leh­re fehlt kom­plett (obwohl z.B. beim Noa­kes doch auch was zum Ultra­l­auf drin steht), die Lis­te führt fast aus­schließ­lich medi­zi­ni­sche (gas­tro-ente­ro­lo­gi­sche und ortho­pä­di­sche, auch psy­cho­lo­gi­sche) Untersuchungen/​Artikel an.3

Also: Den Titel „Hand­buch“ hal­te ich für etwas über­trie­ben, sowohl hin­sicht­lich des Inhalts als auch des Umfangs von 192 sei­ten (inkl. ver­schie­de­ner Lauf­be­rich­te, die mir teil­wei­se schon bekannt vor­ka­men, aus der UM oder den ent­spre­chen­den Inter­net­quel­len?, und kur­zen Läu­fer­por­träts, die aber sehr sche­ma­tisch gera­ten sind und die Per­so­nen kaum vor­stel­len. Es blei­ben dabei 180 Sei­ten eigent­li­cher Text der Kapi­tel 1 – 18 (mit vie­len, nicht immer aus­sa­ge­kräf­ti­gen Fotos). Wenn man die Ver­an­stal­tungs­be­rich­te und Por­träts raus­nimmt, sind es noch 136 Sei­ten, davon aber auch 25 Sei­ten Defin­in­ti­on, Ultra-Geschich­te, die Dar­stel­lung der Ver­bän­de, Meis­ter­schaf­ten und gro­ßer Ver­an­stal­tun­gen (kurz beschrie­ben wer­den: Com­ra­des, Biel, Bad­wa­ter, Spar­t­ath­lon, Rod­gau, Kien­baum und Renn­steig) – letzt­lich blei­ben also nur noch gut 100 Sei­ten für den eigent­li­chen Inhalt übrig – kein Wun­der, dass mir vie­les etwas ober­fläch­lich dar­ge­stellt schien.

Ohne Zwei­fel wer­den alle wich­ti­gen Aspek­te abge­han­delt, aber zum Teil eben nur beschrei­bend, ohne ver­nünf­ti­ge, d.h. wirk­lich hel­fen­de Hand­lungs­emp­feh­lun­gen (ins­be­son­de­re im Bereicht der Ernäh­rung und Ver­dau­ung), zum Teil auch ein­fach nur sehr abs­trakt und wenig konkret.

Das Pro­blem, wes­we­gen das Hand­buch mir so unbe­frie­di­gend scheint, ist wohl fol­gen­des: Ers­tens ist Vie­les, gera­de das grund­le­gen­de Wis­sen, in den gro­ßen Büchern zum (Marathon-)Laufen auch schon in den ver­schie­dens­ten Aus­prä­gung aus­rei­chend erklärt und beschrie­ben. Und zwei­tens gibt es zum Ultra­l­auf kei­ne bzw. nur weni­ge wirk­lich all­ge­mein gel­ten­den Ver­fah­rens­wei­sen, was die Aus­ge­stal­tung des Trai­nings im Detail z.B. betrifft, oder was die Ernäh­rung wäh­rend des Wett­kamp­fes angeht – und das muss Olbrich, der ja ohne Zwei­fel Ahnung und aus­rei­chen­de Erfah­rung hat und auch vie­le Läu­fer und Ver­an­stal­tun­gen gut kennt, eben immer wie­der kon­sta­tie­ren. Mich hat das ein wenig unbe­frie­digt hin­ter­las­sen, bei der Lektüre.

Dazu kommt noch (wie­der ein­mal) ein unzu­rei­chen­des Lek­to­rat – sprach­lich mit­tel­mä­ßig, wech­selt der Text z.B. zwi­schen Duzen und Sie­zen, Satz­feh­ler etc. – das ärgert mich immer ein biss­chen. Das geht schon damit los, dass Umschlag und Titel sich nicht einig sind, wie das Buch über­haupt heißt. Und das setzt sich im Text eben fort­wäh­rend fort. Das ist für Hob­by­pu­bli­ka­tio­nen o.k., ent­spricht aber nicht mei­nem Anspruch an offi­zi­el­le Verlagsveröffentlichtungen.

Viel Geme­cker also hier. Trotz­dem für den Ein­stei­ger sicher­lich nett und hilf­reich. Es geht aber eben auch bes­ser – behaup­te (und den­ke) ich. Ich ver­mu­te, es war den Autoren ein­fach nicht klar genug, was das werden/​sein soll: Ein Hand­buch für Ultra­l­äu­fer? Für am Ultra­ma­ra­thon Inter­es­sier­te? Soll es den Ultra­l­auf populär(er) machen oder dem Ultra­l­äu­fer, ob Anfän­ger oder Fort­ge­schrit­te­ner, als Nach­schla­ge­werk zur Sei­te ste­hen? Es will dann irgen­de­wie alles – und schafft dann nichts rich­tig befriedigend.

Wolf­gang Olbrich: Hand­buch Ultra­l­auf [Mehr als Mara­thon! Trai­nings­plä­ne für 50 Km und mehr, Men­tal­trai­ning, Ernäh­rungs­tipps]. Aachen: Mey­er & Mey­er 2011 (Runner’s World). 192 Sei­ten. ISBN 978 – 3‑89899 – 657‑0. 19,95 Euro.

  1. Die­se Geschich­te müss­te man wohl eigent­lich noch/​mal schrei­ben, aus Sicht des His­to­ri­kers ist das alles sehr unbe­frie­di­gend. Denn in der Geschichts­wis­sen­schaft pas­siert da ja durch­aus eini­ges, v.a. im Bereich der Kör­per­ge­schich­te und der Kul­tur­ge­schich­te über­haupt, was hier hin­pas­sen könn­te. Aber das nur so neben­bei.
  2. Das ist ja eine ech­te Unsit­te der Sport­bü­cher, gera­de im Bereich Aus­rüs­tung, so etwas immer wie­der her­an­zu­zie­hen – das ärgert mich immer wie­der. Das „Hand­buch Ultra­l­auf“ ist, wie vie­le ande­re solch Bücher, trotz­dem nicht bil­lig, zudem auch noch mit „Runner’s World“-Kooperation (die sind ja auch kein Fach­blatt für Ultra­di­stan­zen …) – muss die­se Wer­bung für Polar (die angeb­lich das bes­te Com­pu­ter­pro­gramm zur Aus­wer­tung haben – Sport­Tracks als Alter­na­ti­ve wird nicht ein­mal erwähnt) und Gore wirk­lich sein?
  3. Und den kurio­sen Ein­trag „Wiki­pe­dia“ fin­det man noch. Unge­nau­er geht es ja eigent­lich nicht mehr – Was und Wann war das denn, in wel­cher Sprach­ver­si­on?, da fehlt wirk­lich nur noch die Quel­len­an­ga­be „Inter­net“.

Poulin/​Swartz/​Flaxel: Trail Running. From Novice to Master

Einen viel­ver­spre­chen­den Titel trägt das Buch von Kirs­ten Poulin, Stan Swartz und Chris­ti­na Flaxel: From Novice to Mas­ter. Wenn das auf den 175 Sei­ten gelingt, wäre das ja schon viel … Natür­lich ist es nicht ganz so ein­fach, Lau­fen muss man eben immer auch trai­nie­ren, unab­hän­gig vom Unter­grund und der Umge­bung. Das ver­schweigt das Autoren­trio (immer­hin zwei Frau­en!) auch nie. Denn die­ses ame­ri­ka­ni­sche „Lehr­buch“ ist sehr gewis­sen­haft und gründ­lich. Der Rund­um­schlag ums Trail­run­ning umfasst hier:

  • Intro­duc­tion to Trail Running
  • Plan­ning a Run
  • Trai­ning, Con­di­tio­ning, and Preparation
  • Reco­very
  • Envi­ron­men­tal Fac­tors, Navi­ga­ti­on, and Safety
  • Inju­ry Pre­ven­ti­on and Treatment
  • Bri­ning it tot the Next Level: Ultrarunning

Dies­ser Blick ins Inhalts­ver­zeich­nis zeigt, den­ke ich, auch sehr gut die Aus­rich­tung die­ses Buches. Hier geht es nicht um tol­le Läu­fe, um Lauf­erleb­nis­se oder Wett­kampf­erfah­run­gen. Son­dern, wenn man so will, um die Basics, die das alles erst über­haupt mög­lich machen.

Lei­der war das Buch wohl etwas zu früh für den momen­ta­nen Trail-Boom. Und lei­der, lei­der ist es auch nur mit schwarz­weiß-Pho­tos (aber durch­aus guten) ver­se­hen – scha­de. Recht aus­führ­lich ist es in jedem Fall. Vor allem, was die Aus­rüs­tung, auch für extre­me­re Läu­fe, angeht. Ein­ge­hend berück­sich­tigt wird etwa der Son­nen­schutz, der Ein­fluss von viel Wind, aber auch das Lau­fe im Schnee. Und wie in jedem Lauf­buch auch ein kur­zer Trai­nings­leit­fa­den. Nicht feh­len darf beim Trail natür­lich die Lauf­tech­nik, wobei die Autoren sich hier etwas zurück­hal­ten und eher all­ge­mei­ne Rat­schlä­ge geben. Das Berg­auf- und Berg­ab-Lau­fen wird aber aus­führ­lich gewür­digt. Und auch das Fal­len: „A fall is an ine­vi­ta­ble part of trail run­ning.“ (72) – sehr schön.
Erstaun­lich viel steht hier dann auch zum Deh­nen und zur Ernäh­rung vor, wäh­rend und nach dem Lauf. 

Und etwas schlägt die ame­ri­ka­ni­sche Per­spek­ti­ve schon durch. Nicht nur bei der Flo­ra und Fau­na, son­dern z. B. auch beim Umgang des Läu­fers mit Wegen und der Angst vor Ero­si­on – in „mei­nen“ Lauf­re­vie­ren ist das eher weni­ger ein Pro­blem. Und wenn dann, ein durch die Bewirt­schaf­tung und nicht durch die Läu­fer veur­sach­tes. Über­haupt bemü­hen sich die drei Autorin­nen sehr um einen ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit der Natur. Wie­der­holt wird dar­auf hin­ge­wie­sen, nichts mit­zu­neh­men (außer Pho­tos) und nichts zu hin­ter­las­sen (außer Fußspuren):

Always lea­ve a natu­ral envi­ron­ment as you found it, and mini­mi­ze your impact. Take only pho­to­graphs and enjoya­ble memo­ries of your run. Lea­ve only footpring­ts. Never lit­ter. Pack it in, pack it out, which means that any mate­ri­als you bring in should lea­ve with you. (104)

Der schöns­te Tipp aber: 

If you cop­me across mud pudd­les, snow patches, or wet spots, careful­ly run through them, not around them. Also, jump or step over any fal­len trees. Run­ning around them can cau­se trails to widen, incre­asing soil and vege­ta­ti­on dama­ge. (104)

Ins­ge­samt: sehr durch­dacht und über­legt, mit dem kla­ren Ziel des kon­trol­lier­ten, risi­ko-mini­mier­ten und Erleb­nis-maxi­mier­ten Trail-Laufs.

Kirs­ten Poulin, Stan Swartz, Chris­ti­na Flaxel: Trail Run­ning. From Novice to Mas­ter. Fore­word by Mark Bur­nett. Seat­tle: The Moun­tai­neers Books 2002. 175 Sei­ten. ISBN 0 – 89886-840 – 8.

Zu Fuß quer durch Amerika

Tom McN­ab hat mit „Trans-Ame­ri­ka“ wahr­schein­lich das bes­te Lauf­buch geschrie­ben. Wobei die Ein­stu­fung als „Lauf­buch“ etwas schwie­rig ist, denn McN­ab hat ein­fach einen guten his­to­ri­schen Roman geschrie­ben. Des­sen Sujet ist aber (zufäl­lig?) ein Lauf. Und nicht eben irgend­ein Lauf, son­dern der ers­te Trans­kon­ti­nen­tall­auf der Geschich­te, von Charles Fla­na­gan 1931 quer durch die USA. Das Lau­fen der über 5000 Kilo­me­ter lan­gen Stre­cke an sich ist aber nicht das Zen­trum die­ses Buches, son­dern der sozia­le Rah­men, der Mikro­kos­mos des Läu­fer-Tros­ses, die sozia­len Inter­ak­tio­nen inner­halb die­ser eher zufäl­lig zusam­men­ge­wür­fel­ten Grup­pe und ihre Inter­ak­tio­nen mit dem Umfeld, dem Rest der Welt – ein­zeln und als Gruppe.

Der Trans-Ame­ri­ka-Lauf, den McN­ab hier beschreibt (er stützt sich lose auf ein real statt­ge­fun­de­nes Ren­nen, den Buni­on Der­by von 1928), ist eine pro­fes­sio­nel­le Ver­an­stal­tung, die dem Pro­fit des Unter­neh­mers Charles C. Fla­na­gan die­nen soll – über den Umweg der Unter­h­at­lung für die Zuschau­er. Das Lau­fen ist also nicht ein Selbst­ver­wirk­li­chungs­trip wie heu­te so oft. Die Pro­ble­me der Orga­ni­sta­ti­on und der Läu­fer sind aber ähn­li­che wie bei heu­ti­gen Unter­neh­mun­gen die­sen Kali­bers, wobei die rein läu­fe­ri­sche Bewäl­ti­gung die­ser Stre­cke und die damit ver­bun­de­nen Pro­ble­me zwar vor­kom­men, aber ins­ge­samt eine nach­ran­gi­ge Stel­lung einnehmen.

Der Lauf star­tet mit einem rie­si­gen Star­ter­feld von über 2000 Läu­fern, das schnell aus­dünnt, dann aber ziem­lich sta­bil bleibt und am Ende in New York noch fast 1000 Läu­fer umfasst, von denen einig zwi­schen­durch noch an obsku­ren Leicht­ath­le­tik-Tunie­ren teil­neh­men, Box­wett­kämp­fe bestehen oder gegen ein Renn­pferd antre­ten. Immer mit den ent­spre­chen­den Wet­ten. Denn es geht vor allem ums Geld­ver­die­nen: Lau­fen als Geschäft – aber eben als Unter­hal­tungs­ge­schäft, für die Zuschau­er und als Anlass für Wet­ten. Die Aus­rich­tugn war also eine ande­re als heu­te, die Per­spek­ti­ve ver­schob sich. Das alles sie­delt McN­ab in einem genia­len Set­ting an – zur Zeit der Wirt­schafts­kri­se gibt es genug arme Schwei­ne, die das als Stroh­halm begrei­fen und die Grup­pe der Läu­fer ent­spre­chend bunt zusam­men­ge­wür­felt erschei­nen las­sen. McN­ab fokus­siert dabei erzäh­le­rich auf eine klei­ne Grup­pe an der Spit­ze: „Doc“ Cole, „Iron Man“ Mor­gan, Hugh McPhail, Lord Thur­leigt – und die ein­zig Frau, die von Los Ange­les bis New York durch­hält, Kate Sher­i­dan … Dazu mixt er ein wenig Roman­ze (zwi­schen Kate und Mor­gan, Fla­na­gans Sekre­tä­rin Dixie und Hugh). Geschickt setzt er wech­seln­de Foki zwi­schen Läu­fer und Ver­an­stal­ter, Außen- und Innen­sicht durch Ein­be­zie­hung der beglei­ten­den Repor­ter und ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen ein, um gestal­te­ri­sche und inhalt­li­che Abwechs­lung zu erzeu­gen. Das sport­li­che (oder wirt­schaft­li­che) Ereig­nis wird noch dazu auch poli­tisch ver­knüpft – mit Edgar J. Hoo­ver und sei­nem FBI, dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten und den Gewerk­schaf­ten und so eini­gen wirt­schaft­li­chen Intri­gen udn Hin­ter­hal­ten, die Fla­na­gan meis­tern muss – und mit Hil­fe der gran­dio­sen Läu­fer und ihrer hel­den­haf­ten Kame­rad­schaft­lich­keit auch bewältigt.

Die­se Mischung aus Intri­gen und Lieb­schaf­ten, Sport, auch etwas Doping (in der deut­schen Mann­schaft, mit Koka­in und ähn­li­chem), die Ver­bin­dung von Hel­den­tum und pro­sa­ischem Überlebens-„Kampf“, das alles ergibt ein sehr, sehr bun­tes Tableau mensch­li­cher Fähig­kei­ten und Hand­lun­gen, die McN­ab geschickt mit­ein­an­der ver­knüpft und in die gro­ße Rah­men­er­zäh­lung, den lang­sam fort­schrei­ten­den Lauf quer durch Ame­ri­ka, ein­bet­tet. Das klingt schon hier viel, und es ist auch viel. McN­ab hat das aber gut im Griff, sei­ne Gestal­tung ist sehr abwechs­lung­reich, sei­ne Phan­ta­sie ermög­licht ihm leben­di­ge Schil­de­run­gen der Sze­ne­rie und der Gescheh­nis­se, sein Stil ist halb­wegs ele­gant und flüs­sig zu lesen (auch wenn eini­ge Här­ten drin ste­hen­bleibn, die teil­wei­se aber auch nach Über­set­zungs­pro­ble­men aus­se­hen). Und beim Lesen ver­gisst man dann ger­ne, dass das kom­plett fik­tiv ist. Der Roman gibt sich aber auch sehr geschickt (auch mit der „Nach­be­mer­kung“, die die wei­te­ren Kar­rie­ren der Haupt­fi­gu­ren auf­lis­tet) den Anschein his­to­ri­scher Rea­li­tät. Immer­hin gab es 1928 ja auch so etwas ähn­li­ches, das „Buni­on Der­by“, von Charles C. Pyle auf der sel­ben Rou­te aus­ge­rich­tet – aller­dings mit der rea­lis­ti­sche­ren Zahl von 275 Star­tern und ledig­lich 55 Finis­hern.1

Tom McN­ab: Trans-Ame­ri­ka. Ber­lin: Auf­bau Taschen­buch 2010 (Auf­bau 2008). 551 Sei­ten. ISBN 978 – 3‑7466 – 2584‑3.

  1. Einen knap­pen Auf­riss der Geschich­te die­ses Lau­fes gibt es bei run​ning​times​.com: klick.

Durch die Wand – laufend

Run­ning throug the wall“ ist eine Samm­lung der Lauf-„Geschichten“ eini­ger Ultra­l­äu­fer Ame­ri­kas, ihrer beson­ders prä­gen­den Erleb­nis­se auf der Lang­stre­cke und teil­wei­se auch ihrer Lauf­bio­gra­phie: „I found out that if you spend enough time run­ning in the woods with an ultrarun­ner, you will hear a gre­at ultrarun­ning sory. It’s ine­vi­ta­ble.“ (12) begrün­det der Her­aus­ge­ber sein Unter­neh­men. Meis­tens sind das kur­ze Tex­te, weni­ge Sei­ten lang und bis auf eini­ge Aus­nah­men auch ganz nett und flüs­sig zu lesen. Die Namen der hier Betei­lig­ten sagen mir (natur­ge­mäß, möch­te ich sagen – ich ken­ne ja noch nicht mal vie­le deut­sche Ultra­l­äu­fer-Namen) wenig bis gar nichts. 

Run­ning through the wall“ ist dabei von sei­ner Idee und Kon­zep­ti­on ein typi­sches Ultra-Buch, könn­te man sagen: Geschich­ten von Läu­fern zum Anfi­xen neu­er Läu­fer. Immer getreu der alten Devi­se: Am meis­ten lernt man für Ultras von ande­ren Ultras, von Erfah­rungs­be­rich­ten, von Lauf­ge­schich­ten, von ers­ten Malen und beson­de­ren Erle­benis­sen auf der Stre­cke, von leich­ten und schwe­ren Läu­fen, von abseh­ba­ren und erwar­te­ten Pro­ble­men. Für mich etwa immer wie­der erstaun­lich ist, wie vie­le bei ihren „Wett­kämp­fen“ schon früh, d.h. nicht erst nach 80 oder 100 Kilo­me­tern, Pro­ble­me mit Bla­sen bekom­men … Und wie vie­le Hin­der­nis­se, persönliche/​psychologische oder kör­per­li­che, von den Läu­fern über­wun­den wer­den, für wie vie­le Lau­fen und die Ultras mehr als ein Sport, mehr als eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung ist, son­dern – und das ist viel­leicht (aber nur viel­leicht) bei ame­ri­ka­ni­schen Läu­fern stär­ker aus­ge­prägt als bei deut­schen – für wie vie­le mit dem Lau­fen Heils­er­war­tun­gen und Heils­er­leb­nis­se ganz eng ver­bun­den sind. Das hat mich etwas überrascht.

Natür­lich gibt es auch hier ein­fach ver­rück­te Spin­ner, etwa die bei­den Bezwin­ger des Bar­kley-Lau­fes – ein Lauf, der dar­auf ange­legt ist, nicht lauf­bar zu sein, zumin­dest nicht in der vol­len Län­ge – das über­steigt dann doch mei­nen Hori­zont: War­um soll­te ich einen Lauf begin­nen (noch dazu mit meh­re­ren Run­den), der expli­zit und über­haupt nicht gelau­fen wer­den will? Die star­ke Extre­mi­sie­rung des Lau­fens hier hängt natür­lich auch damit ab, dass das alles (?) Ame­ri­ka­ner sind, die nicht „nur“ 100 Kilo­me­ter, son­dern gleich 100 Mei­len lau­fen „müs­sen“ (eine Stre­cke, die ja in Deutsch­land auch gera­de in Mode kommt – für die ganz Har­ten …) – das ist schon noch ein­mal eine ande­re Haus­num­mer. Und 50er (egal ob Kilo­me­ter oder Mei­len) spie­len hier nur eine erstaun­lich gerin­ge Rol­le, sie kom­men sozu­sa­gen nur als Ein­stiegs­dro­ge oder Trai­nings­lauf vor. Immer wie­der wird genau das auch betont: Die „Här­te“ – des Lau­fes und sei­ner Bezwin­ger. Es geht, so scheint es in der Zusam­men­schau, nicht immer und nicht so sehr um das Lau­fen oder gar den Genuss des­sen, son­dern um das Über­win­den von Här­ten, das Über-sich-selbst-Hin­aus­ge­hen, die beson­de­re, außer­ge­wöhn­li­che Här­te (!) der Trails, der Stre­cke, des Kur­ses mit einer manch­mal durch­aus maso­chis­tisch erschei­nen­den Lust an der beson­de­ren Qual der beson­ders lan­gen Stre­cke in beson­ders unweg­sa­men Gelän­de … Da wird dann auch auf­fäl­lig (zumin­dest für mich) oft der Gebrauch von Medi­ka­men­ten wäh­rend des Laufes/​Wettkampfes in Kauf genommen.

Wie bei jedem ech­ten Ultra­l­äu­fer­buch spie­len natür­lich auch die Mit­läu­fer, die Ultra­sze­ne eine gewis­se Rol­le. Und wie eigent­lich immer ist es auch hier die Freund­lich­keit der „Ultra­ge­mein­de“, die immer wie­der betont wird: Wett­kampf, auch Kon­kur­renz ja, aber mit Lächeln und gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung (zumin­dest ein biss­chen, so lan­ge es nicht um den Sieg geht …). 

Letzt­end­lich war mir das als Buch aber ein wenig zu viel: Die Rei­hung von 39 Tex­ten zeigt, wie sehr sich vie­le Läu­fer­bio­gra­phien ähneln kön­nen – und das Erle­ben der 100-Mei­ler auch (einem guten Start fol­gen Schmerz und Müdig­keit, die Gedan­ken ans Auf­ge­ben, die vom Wil­len zum Durch­hal­ten über­wun­den wer­den und schließ­lich das Finish als Anti­kli­max …) – wie gleich das Erleb­nis (Ultra-)Laufen für die aller­meis­ten Betei­lig­ten sich dar­stellt. Gefehlt haben mir im Buch vor allem ein paar mehr Infor­ma­tio­nen über die Läu­fe selbst – die ken­ne ich ja alle nicht per­sön­lich (von eini­gen hat­te ich immer­hin schon mal gehört), so dass ein paar Basis­in­for­ma­tio­nen mir da durch­aus wei­ter gehol­fen hät­ten. Und den Ame­ri­ka­nern sicher­lich auch, schließ­lich soll das ja ein Buch sein, dass sich nicht aus­schließ­lich an Ultra­l­äu­fer richtet.

Und jetzt zum Schluss noch ein paar fast will­kür­li­che Zita­te, die ich oben nicht unter­ge­bracht habe: 

 ‚What do you do with your mind when you’­re run­ning a hundred mile?‘ Wit­hout hesi­ta­ti­on, I repli­ed, ‚Igno­re it.‘ “ (20)
„So many times you want to give up, but you can­not. That’s what ultrarun­ning is all about. That’s what life is all about.“ (131)
„Ultras are more of a com­pe­ti­ti­on bet­ween me, mys­elf, the cour­se, and the distance. Ultrarun­ning pits my mind against my body.“ (167)
„I think ultrarun­ners must have a very poor memo­ry or no one would ever do anto­her race. You tend to for­get the pain and mise­ry and only remem­ber the thrill of accom­plish­ment.“ (195) – das stimmt frei­lich: „Schmerz ver­geht, Stolz bleibt“ heißt es in Deutschland.

Neal Jamison (Hrsg.): Run­ning Through the Wall: Per­so­nal Encoun­ters with the Ultra­ma­ra­thon. Hal­cotts­ville, NY: Breaka­way Books 2003. 288 Sei­ten. ISBN 978 – 1‑89136937 – 7 (inzwi­schen schon in der 10. Auflage).

Projekt Minotaurus und andere Verrücktheiten

Die ers­ten 120 Sei­ten die­ses Büch­leins sind, ehr­lich gesagt, ziem­li­cher Müll. Nicht nur ortho­gra­phisch und gram­ma­tisch eine Kata­stro­phe, son­dern auch inhalt­lich völ­lig unaus­ge­go­re­nes, undurch­dach­tes Gelaber.
Schlimm auf­ge­sto­ßen sind mir vor allem die kru­den Vor­stel­lun­gen des Autors zum Zusam­men­hang von Lau­fen und Gesell­schaft – immer­hin legt er Wert dar­auf, als pro­mo­vier­ter Poli­tik­wis­sen­schaft­ler aner­kannt zu wer­den. Und dann schreibt er stän­dig von den bösen „Lauf­gu­rus“, die die arme Bevöl­ke­rung ver­füh­ren. Und von einem „man“, dass alle Men­schen zum Lau­fen ani­mie­ren will (und, das ist beson­ders köst­lich, dann extre­me Pro­jek­te wie Pammin­gers Grie­chen­land-Läu­fe nicht mone­tär bezu­schus­sen will – sehr selt­sa­mes Gesell­schafts­ver­ständ­nis, das da durch­scheint …). Mit der Tat­sa­che, dass Lau­fen zum „Mas­sen­sport“ gewor­den ist, scheint er aber sowie­so ein Pro­blem zu haben. Nicht nur hier betont er ja auch ger­ne, wie indi­vi­du­ell er (im Gegen­satz zu den ande­ren Her­den­tie­ren) sei. Nun ja … Oder sein selt­sa­mes Geschwur­bel zum Ver­hält­nis von Lau­fen und Reli­gi­on – einer­seits legt er wie­der­holt Wert auf sei­nen Sta­tus als gläu­bi­gen Athe­is­ten, ande­rer­seits schreibt er immer wie­der von der Ehr­furch vorm Schöp­fer und sol­chem for­mel­haf­ten Gesülze.
Und was schreibt er zum Lau­fen? Der ers­te Teil ist, wie gesagt, reich­lich kru­de. Evo­lu­tio­när sei Lau­fen zum Bei­spiel als Flucht­re­flex bestimmt – Bio­lo­gen (Hein­rich z.B.) sehen den Men­schen in sei­ner Früh­ge­schich­te eher als jagen­den denn flie­hen­den Läufer.
Dane­ben nerv­te mich vor allem: Die stän­di­ge Beto­nung und Her­vor­he­bung, wie beson­ders sein Pro­jekt doch sei. Das mag ja sein (und ist es auch), mich stört so etwas aber ein­fach trotz­dem immer sehr. Im zwei­ten Teil wird es nicht wirk­lich bes­ser. Die Lauf­be­rich­te sind erstaun­lich unde­tail­iert und gleich­för­mig, aber auch aus­rei­chend prä­ten­ti­ös. Kurz gesagt: Das Lau­fen kommt mir ein­fach zu kurz. Anek­do­ten über die bösen, ver­schlag­nen grie­chi­schen Por­tiers, die sein Team über die Ohren hau­en wol­len, sind für mich auch nicht wirk­lich span­nend. Also, alles in allem, ein für mich aus­ge­spro­chen unlus­ti­ges Buch.

Harald Pammin­ger, Alfred Ober­mayr: Oxi nein oder Wie ich zum ‚Kre­ta-Läu­fer‘ wur­de. Das etwas ande­re Lauf­buch. Wien: Books on Demand 2002. 327 Sei­ten. ISBN 3 – 8311-432 – 1.

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