Täglich laufen

Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

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Ein Hamburger in Omsk

Tom Ockers Buch „Eis-Lauf“ ist hier schnell erle­digt: Ein ver­rück­ter Ham­bur­ger Nicht-Läu­fer läuft in Omsk/Sibirien einen Halb­ma­ra­thon. Und er schreibt – natür­lich – dar­über ein Buch. Das ist schnell gele­sen, schnell erzählt, schnell ver­ges­sen (wahr­schien­lich auch schnell geschrie­ben – aber wohl nicht so schnell gelau­fen).

Der „Eis-Lauf“ ist das Buch eines beken­nen­den Lauf­has­sers (wie das bei vie­len Fuß­bal­lern so ist …), der auch kei­ne Gele­gen­heit aus­lässt, das uns als sei­nen Lesern unter die Nase zu rei­ben. Und man merkt es auch sowie­so, dass das Lau­fen ihn nicht inspi­riert oder auch nur berührt.

Wor­um geht es Ockers? Er hat bei der Geburt sei­nes Soh­nes geschwo­ren, einen „beson­de­ren“ Mara­thon zu lau­fen. Das soll der Sibe­ri­an Ice Mara­thon (SIM) 2001, am 6. Janu­ar, in Omsk wer­den. Das ist aller­dings nur ein Halb­ma­ra­thon (was ja bei die­ser Käl­te von ca. ‑40 °C auch ok ist), was Ockers aber nicht davon abhält, per­ma­nent vom „Mara­thon“ zu schrei­ben – ziem­lich ner­vig, so eine Ver­ar­schung.

Es geht eigent­lich nur um sei­ne man­gel­haf­te Vor­be­rei­tung, die Spon­so­ren­su­che (und tat­säch­lich ‑akqui­se), die Rei­se nach Omsk – dafür braucht er mehr als 200 Sei­ten, ohne viel zu erzäh­len. Dafür bemüht er sich sehr, wit­zig oder wenigs­tens amü­sant zu sein. Lei­der merkt man die Mühe dem Text noch recht deut­lich an …

Dann – end­lich – der Lauf, der „Wett­kampf“. Nach allen übli­chen und ver­nünf­ti­gen Kri­te­ri­en eher ein Desas­ter. Dass es natür­lich nie ein Mara­thon wur­de, auch wen Ockers das beharr­lich so nennt, habe ich wohl schon erwähnt. Immer­hin schafft er stol­ze 21 Kilo­me­ter. Es ist halt sehr, sehr kalt da. Aber das war’s dann auch schon.

Übri­gens: Dean Kar­na­zes und eini­ge ande­re haben das locker getoppt – mit dem Lauf an den Süd­pol, der zwar gegen die ursprüng­li­che Pla­nung auch nur ein Halb­ma­ra­thon wur­de, aber nicht in/bei der Stadt mit ihrer Infra­struk­tur und einem geräum­ten Rund­kurs, son­dern eben mit­ten im „ewi­gen“ Eis statt­fand – was ja das Lau­fen auch etwas beschwer­li­cher mach­te (nach­zu­le­sen natür­lich bei Dean Kar­na­zes, im „Ultra­ma­ra­thon-Mann“.)

Tom Ockers: Eis-Lauf. In der Käl­te des Sibi­ri­en-Mara­thons. Mün­chen: List-Taschen­buch 2002. 302 Sei­ten. ISBN 3–548-68031–3.

„10 erfolgreiche Schritte“: Das Handbuch für Bergläufer

Das ist schon fast eine Anti­qui­tät, die­ses schon 1989 erschie­ne „Hand­buch für Berg­läu­fer“ von Her­bert Jost und Lud­wig Gei­ger. Aber so weit ich sehe, ist – zumin­dest im deut­schen Sprach­raum – in den letz­ten Jah­ren nichts ver­gleichs­ba­res erschie­nen.

Die bei­den Autoren ver­such­ten vor über zwan­zig Jah­ren, als Berg­lauf noch als „jun­ge“ Sport­art galt, eine mehr oder weni­ger umfas­sen­de „Anlei­tung“ im Sin­ne einer Hin­füh­rung zum Berg­lauf zu geben. Das heißt, dass sie sich ganz stark und beson­ders der Tech­nik des Lau­fens in den Ber­gen wid­men. Also spielt das „rich­ti­ge“ Lau­fen, die rich­ti­ge (d.h. effi­zi­en­te und gesun­de) Bewe­gung unter den beson­de­ren Bedin­gun­gen des Gebir­ges die Haupt­rol­le in die­sem Büch­lein. Behan­delt wird das mehr oder weni­ger stei­le Berg­auf- und Berg­ab-Lau­fen, die rich­ti­ge, ange­pass­te Lauf­tech­nik auf wech­seln­den Unter­grün­den, auch auf ungüns­tig zu lau­fen­den Unter­la­gen (Schnee z.B. oder nas­ses Gras – dazu heißt es erst ein­mal: „Nas­se Wie­sen abwärts zu lau­fen, ist etwa so wie auf Eis zu tan­zen.“ (42)).

Jost und Gei­ger stel­len dabei knapp und prä­gnant das Wesent­li­che (soweit ich sehe zumin­dest) vor – der nicht sehr umfang­rei­che Text wird durch ein schma­les Lay­out gestreckt. Die illus­trie­ren­den Fotos wer­den den heu­ti­gen Ansprü­chen nicht mehr ganz gerecht (nicht nur, weil sie schwarz­weiß sind, son­dern vor allem aber, weil sie nicht sehr prä­zi­se gedruckt wur­den …). Publi­ka­tio­nen wie das Trail-Maga­zin oder Dani­els Blog set­zen die Lat­te für sol­che Fotos inzwi­schen ziem­lich hoch. Dafür ist das Hand­buch aber mit hilf­rei­chen Zeich­nun­gen zur Lauf­tech­nik sehr instruk­tiv abge­run­det.

Der Teil zur Aus­rüs­tung, ins­be­son­de­re zu den Lauf­schu­hen, ist natür­lich reich­lich ver­al­tet – da hat sich in den letz­ten zwan­zig Jah­ren (1989 erschien das Hand­buch) ja doch eini­ges getan, vor allem in der Ent­wick­lung des Mate­ri­als und spe­zia­li­sier­ter Schu­he. Hier gibt es noch Lauf­schu­he mit Schus­ter­nä­geln – so wel­che hat­te ich in mei­nem kur­zen Läu­fer­le­ben noch nie in den Hän­den, geschwei­ge denn an den Füßen. Ande­res gilt frei­lich noch immer: „Kau­fen Sie einen Schuh, der so leicht ist wie mög­lich und so sta­bil wie nötig“ (51) – eine wohl zeit­lo­se Lauf­schuh-Wahr­heit. Aber immer­hin habe ich dabei neben bei noch gelernt, was ein „Bidon“ ist – näm­lich eine Trink­fla­sche der Rad­fah­rer …

Sehr aus­führ­lich behan­deln die bei­den neben der Lauf­tech­nik auch das Berg­lauf­trai­ning: umfas­send, aber natur­ge­mäß auf die­sem Raum und in die­sem Zusam­men­hang sehr knapp geschil­dert. Auch der Wett­kampf wird nicht ver­ges­sen, und, was ich sehr lobens­wert fin­de, auch die spe­zi­fi­schen Gefah­ren der Höhe, d.h. der inten­si­ven Leis­tung in Höhen­la­gen, und der alpi­nen Umge­bung wer­den aus­führ­lich beleuch­tet. Dazu haben sie sogar eine schön unüber­sicht­li­che Gra­fik ent­wi­ckelt: komplikationen bei intensiver leistung in großer höhe

Ergänzt wird das noch um Aus­füh­run­gen zum Berg­lauf in Bezie­hung zu ande­ren Sport­ar­ten und sehr knap­pen sport­me­di­zi­ni­sche Betrach­tun­gen sowie einem Kapi­tel zum „men­ta­len“ Trai­ning. Sehr schön sind aber auch die Sei­ten zum „Berg­lauf­wan­dern“ – das, was heu­te dann doch meist eher „Ultrat­rail“ genannt wird, im Prin­zip aber das glei­che ist: Lau­fen in den Ber­gen über lan­ge Stre­cken, auch mal meh­re­re Tage, wofür die Autoren ein schö­nes Bei­spiel geben, eine 60km-Stre­cke zwi­schen Vaduz und Räti­kon.

Also, sei­nen Titel trägt das „Hand­buch für Berg­läu­fer“ duch­aus zu recht. Noch ein­mal zur Über­sicht das Inhalts­ver­zeich­nis der 10+1 Kapi­tel:

  1. Was ist Berg­lauf?
  2. Aller Anfang ist schwer
  3. Die Tech­nik des Auf­wärts­lau­fens
  4. Die Tech­nik des Abwärts­lau­fens
  5. Die Aus­rüs­tung
  6. Das Berg­lauf­trai­ning
  7. Der Wett­kampf
  8. Die Beson­der­hei­ten der Höhe
  9. Berg­lauf und ande­re Sport­ar­ten
  10. Berg­lauf und men­ta­les Trai­ning
  11. Sport­me­di­zi­sche Aspek­te zum Berg­lauf

Her­bert Jost, Lud­wig Gei­ger: Das Hand­buch für Berg­läu­fer. Ober­ha­ching: sport­in­form 1989. 223 Sei­ten. ISBN 3–89284-036–9.

Dem Geheimnis des Laufens auf der Spur: Eine Psychologie des Laufens

Bücher über das Lau­fen gibt es hau­fen­wei­se. Fast alle beschrän­ken sich aber auf psy­cho­lo­gi­sches und das gan­ze drum­her­umg wie Aus­rüs­tung, Trai­ning, Wett­kampf. Arbei­ten zu einer ori­gi­nä­ren Psy­cho­lo­gie des Lau­fens, die über die Beschrei­bung oder Samm­lung von schö­nen Geschich­ten zum runner’s high hin­aus­ge­hen, sind dabei eher sel­ten zu fin­den. Immer wie­der taucht aber ein Titel auf: Andre­as M. Mar­lo­vits Buch „Lauf-Psy­cho­lo­gie. Dem Geheim­nis des Lau­fens auf der Spur“. In Biblio­the­ken aber trotz­dem sehr sel­ten zu fin­den – dank Book­loo­ker kam ich aber den­noch recht güns­tig an ein Exem­plar, das extra den wei­ten Weg aus der Schweiz zu mir mach­te.

Wor­um geht es Mar­lo­vits? Eben nicht nur um die angeb­li­che (er zwei­felt da offen­bar, ohne das aber wei­ter zu ver­fol­gen, weil es nicht sein eigent­li­ches The­ma ist) Aus­schüt­tung von kör­per­ei­ge­nem Endor­phin als „Glücks­hor­mon“ beim Lau­fen, son­dern um eine ori­gi­när psy­cho­lo­gi­sche Betrach­tung des Lau­fens als reich­lich mono­to­nem Sport mit aus­ge­spro­chen gleichmä0igem, lan­ge Zeit gleich­blei­ben­den Bewe­gungs­ab­lauf. Und die psy­cho­lo­gi­schen Fol­gen des fort­ge­setz­ten Dau­er­lau­fes. Denn er geht davon aus: „Wenn das Lau­fen nicht psy­chisch wirk­sam wer­den wür­de, dann wäre es längst nicht so popu­lär.“ (16) Für sei­ne Unter­su­chung die­ser Wirk­sam­keit bedient er sich zunächst der Lite­ra­tur­um­schau, vor allem Tie­fen-Inter­views mit 100 Läu­fern.

Weit aus­ho­lend fängt er an, beleuch­tet – inge­samt aber eher knapp und in der Über­sicht – das Lau­fen in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren, die kul­ti­sche und kul­tu­rel­le Bedeu­tung des Lau­fens ind er Geschich­te und beginnt dazu selbst­ver­ständ­lich in der Anti­ke, d.h. in Grie­chen­land – inkl. Phil­ip­pi­des, dem „Marathon“-Läufer – und macht dann einen gro­ßen Sprung in die Moder­ne, um sich vor allem der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts in meh­re­ren Deka­den näher zu wid­men. Wirk­lich viel kommt dabei aber nicht her­um, denn:

Die Ergeb­nis­se aus mehr als 40 Jah­ren Lauf­for­schung machen deut­lich, wie frag­men­ta­risch sich die Erkennt­nis­la­ge zum Lau­fen und sei­ner wohl­tu­en­den Wir­kung bis­lang dar­stellt. Weder die immer wie­der auf­ge­wärm­te The­se von der Suche nach dem Endor­phin-Kick noch Über­le­gun­gen, dass dem Läu­fer eine bestimm­te Per­sön­lich­keits­struk­tur zuzu­schrei­ben sei (Intro­ver­tiert­heit), noch Über­le­gun­gen, dass das Lau­fen anti­de­pres­siv oder Stress redu­zie­rend wirkt, lie­ßen sich bis heu­te ein­deu­tig wis­sen­schaft­lich bestä­ti­gen. (56)

Dann geht es näher zum Kern, um das Lau­fen. Das heißt, zunächst um den Anfang, den Beginn des Lau­fens, der Auf­nah­me des Dau­er­lau­fens in den Lebens­voll­zug des moder­nen Men­schen, der sich deut­lich von dem frü­he­rer Epo­chen unter­schei­det, weil er ande­ren Not­wen­dig­kei­ten unter­liegt: „Es geht also um mehr oder weni­ger wich­ti­ge Din­ge des per­sön­li­chen Lebens. […] Es scheint, als hät­te sich das Lau­fen der heu­ti­gen Zeit sei­ner exis­ten­ti­ell-kul­tu­rel­len Fuk­tio­na­li­tät ent­le­digt. Vor­herr­schend ist die Not des Indi­vi­du­ums, die ihn zum Lau­fen bewegt.“ (30) Und genau­er: „Vom Lau­fen […]erwar­tet man eine per­sön­lich [sic!] Berei­che­rung im Sin­ne einer heil­sa­men Wir­kung, die sich spür­bar, am bes­ten psy­cho­lo­gisch spür­bar, mani­fes­tie­ren soll­te.“ (32) Des­halb kommt Mar­lo­vits zu dem Schluss: „Die Dop­pel­wir­kung von Ent­span­nung und Akti­vie­rung ist dem moder­nen Men­schen Lauf­mo­tiv genug.“ (32)

Die Grün­de des Lau­fens kön­nen für ihn dabei immer auf zwei (ganz all­ge­mei­ne) Moti­ve bzw. deren Wahr­neh­mung und Pro­ble­ma­ti­sie­rung zurück­ge­führt wer­den, auf Sta­gna­ti­on oder Hyper­mo­bi­li­tät: „Wir behaup­ten also, dass sämt­li­che Beweg­grün­de zum Lau­fen auf die­ser Grund­span­nung ver­or­tet wer­den kön­nen.“ (40) Aus­ge­hend von die­ser Dia­gno­se, dass das Lau­fen also als ein Art Gegen­mit­tel für die­se zwei defi­zi­tä­ren Zustän­de des moder­nen Men­schen ange­gan­gen wird, kann er fest­stel­len:

Das Lau­fen erscheint also als eine Art hei­len­des Lösungs­mit­tel für seel­si­che Pro­blem­zu­stän­de, die zum einen aus Ver­läu­fen des per­sön­li­chen Lebens, zum ande­ren aber auch aus jenen der gesamt­kul­tu­rel­len Ent­wick­lung resul­tie­ren kön­nen. (42)

Dar­auf besteht er immer wie­der: Dass das Lau­fen nicht nur ein indi­vi­du­el­les Phä­no­men sei, son­dern auch Teil einer Kul­tur (aber gera­de die zwei­te Sei­te bleibt im wei­te­ren dann doch sehr blass …). Wesent­lich ist auf jeden Fall der Zusam­men­hang zwi­schen Leben und Lau­fen, den Mar­lo­vits immer wie­der beob­ach­tet: Lau­fen als so etwas wie eine Bewäl­ti­gungs- oder Ver­ar­bei­tungs­stra­te­gier für das „Leben“ (was ja nur teil­wei­se logisch ist, denn Lau­fen ist ja auch wie­der Teil des Lebens – aber das soll hier nicht wei­ter stö­ren): „Die Ten­denz, das Lau­fen in einen engen Zusam­men­hang zum eige­nen Lebens-Lauf zu brin­gen, ist bereits ein ers­ter Begrün­dungs­zu­sam­men­hang dazu, war­um wir davon aus­ge­hen, dass in der uns so selbst­ver­ständ­li­chen Bewe­gung des Lau­fens eine gehö­ri­ge Por­ti­on Psy­cho­lo­gie steckt.“ (68) Und zwar in die­sem Sin­ne:

Lau­fen formt das See­len­le­ben in einer ganz spe­zi­fi­schen, sei­ner Wir­kung ent­spre­chen­den Form um. Die­se Umfor­mung geschieht bei allen Men­schen in die glei­che Rich­tung. […] Jeder Lauf ist der Ver­such, so wie mög­lich eine see­li­sche Umfor­mung vor­an­zu­trei­ben, denn je wei­ter sie vor­an­ge­schrit­ten ist, umso inten­si­ver wird die wohl­tu­en­de Wir­kung des Lau­fens für den Ein­zel­nen spür­bar. (71)

Und dann gehts ans Eigent­li­che: Wel­chen Effekt hat aus­dau­ern­des Lau­fen auf die Psy­che des Läu­fers denn nun genau? Wel­cher Art ist denn nun die­se „Umfor­mung“? (Die umge­kehr­te Wir­k­rich­tung, näm­lich den Ein­fluss der Psy­che auf das Lau­fen, der eine „Lauf-Psy­cho­lo­gie“ erst kom­plett machen wür­de, betrach­tet Mar­lo­vits lei­der über­haupt nicht. Dabei hät­te gera­de das mich beson­ders inter­es­siert. Genau­so fehlt eigent­lich voll­kom­men eine Betrach­tung des Lau­fens als Sport in psych­lo­gi­sche Hin­sicht.)

Wor­in liegt also Wir­kung, die „psy­chi­sche Modu­la­ti­on des Aus­gangs­zu­stan­des“ (75)?: Da ist zunächst etwa die „nivel­lie­ren­de Kraft“ des Lau­fens: „Damit ist gemeint, dass sich wäh­rend des Lau­fens eine see­li­sche Ten­denz breit zu machen beginnt, die sämt­li­che erleb­ten Unter­schie­de und Dif­fe­ren­zen vom Läu­fer zur Welt hin aus­zu­glei­chen beginnt.“ (82) – „Der Rhyth­mus […] ist die zen­tra­le Metho­de, mit der die Dif­fe­renz und Gegen­über­ge­stellt­heit von Ich und Welt ange­gan­gen wird.“ (97)

Das wesent­li­che psy­cho­lo­gi­sche (d.h. the­ra­pie­ren­des) Moment des Lau­fens ist für Mar­lo­vits aber ein ande­res: Sei­ne Ähn­lich­keit mit dem (Tag-)Träumen und der dort gesche­hen­den Ver-/Be­ar­bei­tung des Uner­le­dig­ten des Lebens: „Der Herr­schaft der Traum­me­cha­nis­men im Lauf ist es auch zu ver­dan­ken, dass sich plötz­lich uner­war­te­te Löun­gen für Pro­ble­me des All­tags ein­stel­len.“ (107) Oder, wie es etwas spä­ter heißt: „das Lau­fen schafft Bedin­gun­gen in der GEsamt­or­ga­ni­sa­ti­on ‚Mensch‘, in der drü­cken­de The­men und Pro­ble­me einer kör­per­li­che-psy­chi­schen Bear­bei­tung über­las­sen wer­den.“ (129). Und die Pas­si­vi­tät, das Über­las­sen oder Über­ant­wor­ten der „Pro­ble­me“ an das „Es“, ist für in die­ser Hin­sicht erfolg­rei­ches Lau­fen die ent­schei­den­de Grund­be­din­gung.

Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist der „inne­re Schwei­ne­hund“ des Läu­fers dann kein Ener­gie­spar­trick oder Faul­heits­an­fall des geschun­de­nen Kör­pers mehr, son­dern etwas ande­res:

Der Läu­fer scheut sich, die kul­ti­vier­te All­tags­ver­fas­sung des Ver­fü­gen-Kön­nens zuguns­ten der traum­ana­lo­gen Form der Lauf­ver­fas­sung ein­zu­tau­schen. Was man also zu ver­mei­den sucht, ist weni­ger die Müh­sal des Lau­fens selbst, als der de-kul­ti­vie­ren­de Auf­wand der See­len­mo­du­la­ti­on durch das Lau­fen. (110)

Die­se Stel­le ist in gewis­ser Wei­se typisch für Mar­lo­vits: Deut­lich wird hier nicht nur sei­ne Metho­de, son­dern vor allem deren Ein­sei­tig­keit. Denn, davon bin ich über­zeugt, sowohl die rein kör­per­li­che als auch die rein psy­chi­sche Erklä­rung des inne­ren Schwei­ne­hun­des ste­hen nicht allein, son­dern wir­ken zusam­men. Gera­de die­se Mischung von phy­sio­lo­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Aspek­ten des Lau­fens igno­riert Mar­lo­vits aber, ja, er ver­neint sie sogar.

Es blei­ben mir also nach der Lek­tü­re die­se Büch­leins eini­ge Fra­gen. Doch das, was Mar­lo­vits aus­ge­ar­bei­tet hat, scheint mir durch­aus zutref­fend zu sein. Nur viel­leicht nicht so soli­tär und abso­lut, wie er es hier dar­stellt. Metho­disch ist die „Lauf-Psy­cho­lo­gie“ für mich als Psy­cho­lo­gie-Lai­en nur halb über­zeu­gend – die Lite­ra­tur­re­cher­che scheint mir eher ober­fläch­lich, ihre Dar­le­gung unge­nau, das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis ist feh­ler­haft. Vor allem aber fra­ge ich mich, wofür Mar­lo­vits 100 Inter­views geführt hat – aus­ge­wer­tet wird für das Buch prak­tisch nur ein ein­zi­ges. Die ande­ren geben ihm nur irgend­wie eine Art Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on – da hät­te ich mir doch ger­ne mehr Details und inten­si­ve­re Beschäf­ti­gung bzw. Dar­le­gung der ande­ren Inter­views und ihrer Aus­sa­gen gewünscht. Aber immer­hin, es ist ein durch­aus inter­es­san­ter Vor­stoß in eine Lücke der Lauf­li­te­ra­tur.

Andre­as M. Mar­lo­vits: Lauf-Psy­cho­lo­gie. Dem Geheim­nis des Lau­fens auf der Spur. Mit 29 Zeich­nun­gen von Rolf Jahn. 3. Auf­la­ge. Regens­burg: LAS 2006. 192 Sei­ten. ISBN 978–3‑89787–167‑0.

Das Hoch des Läufers. Oder Ein Hoch auf das Laufen

Die Lust zu lau­fen ist das gro­ße und ein­zi­ge The­ma die­ses Büch­leins. Andre­as Butz, der wie so vie­le als Frei­zeit­läu­fer zur Stei­ge­rung der all­ge­mei­nen Fit­ness ange­fan­gen hat, irgend­wann der ers­te Mara­thon (inklu­si­ve Schei­tern am eige­nen Ziel), und das dann auch wei­ter getrie­ben bis zum Iron­man (Ultras eher nicht), ist inzwi­schen einer der rüh­ri­gen Ver­mark­ter des Lau­fens und Betrei­ber des Lauf­cam­pus.
„Run­ners Hight“ ist eine Ode an das Lau­fen – ins­be­son­de­re die schö­nen Sei­ten (und das muss nicht immer der im Titel zitier­te „runner’s high“ sein), die Mor­gen­läu­fe, das Erle­ben der Natur etc. pp.
Nett, unter­halt­sam und tref­fend plau­dert Butz in knap­pen Kapi­tel bezie­hungs­wei­se einer Rei­he von klei­ne Erzäh­lun­gen mit spür­ba­rer Begeis­te­rung von sei­ner Lei­den­schaft. Es geht aber auch mal ein biss­chen ums Lau­fen selbst – die Bekeh­rung Butz zum Strunz-Anhän­ger und Vor­fuß­läu­fer etwa, natür­lich auch der ers­te „rich­ti­ge“ Lauf­schuh­kauf sind eben­so The­men wie die Ver­ein­bar­keit des Lau­fens mit Beruf und vor allem Fami­lie – irgend­wo muss die Zeit, die der Läu­fer mit der Erfah­rung des Hoch­ge­fühls ver­bringt, ja her­kom­men … Ins­ge­samt deckt Butz so ziem­lich alle übli­chen The­men ab: Lauf­schu­he, Lauf­klei­dung, Lauf­stre­cken, Tem­po im Trai­ning, Ernäh­rung, Lauf­tech­nik, Lauf­treffs, der inne­re Schwei­ne­hund, die klei­nen und grö­ße­ren Wett­kämp­fe auch, aber nicht so wich­tig.
Ein Büch­lein, das sehr schön die Fas­zi­na­ti­on des „nor­ma­len“ Lau­fens ver­mit­telt – also nicht so sehr „beson­de­re“ Momen­te wie irgend einen Berg­lauf, Ultra, Etap­pen­lauf oder ähn­li­ches (wie es in Bonings „Bekennt­nis­sen eines Nachtsport­lers“ zum Bei­spiel ganz stark ist), son­dern das Glück des all­täg­li­chen Lau­fens vor der Haus­tür, die Befrie­di­gung, die der Läu­fer dar­aus zieht, den Luxus genie­ßen zu kön­nen, ein­fach mal eine oder zwei Stun­den lau­fen gehen zu dür­fen und zu kön­nen.

Andre­as Butz: run­ners high. Die Lust zu lau­fen. Mün­chen: Copress 2002. 191 Sei­ten. ISBN 3–7679-0820–4

Wigald Boning läuf nachts – und bekennt sich dazu

Und er tut das, das Beken­nen natür­lich, in einem net­ten Buch: „Bekennt­nis­se eines Nachtsport­lers“.
Das ist rund­um unter­halt­sam und amü­sant, aber eher schmun­zelnd als – wie der Klap­pen­text ver­heißt – im Sin­ne eines „Lach­mus­kel­trai­ning“. Sooooo lus­tig fin­de ich sei­ne auto­bio­gra­phi­sche Schil­de­rung sei­nes sport­li­chen Lebens, der Ver­su­che, das mit Beruf und Fami­lie in Ein­klang zu brin­gen, auch wie­der nicht. Aber es ist ein sehr locke­rer Text. Und auch das Lau­fen geschieht eher neben­bei , der Mara­thon geschieht in ein paar Zei­len, der ers­te Ultra hat immer­hin eini­ge Sei­ten, in denen es aber nicht so sehr ums Lau­fen als um das Drum­her­um geht. Und um ganz viel Leicht­sinn. Zumin­dest so wie Boning es erzählt, ist er extrem unvor­sich­tig und drauf­gän­ge­risch, ris­kiert Leib und Leben (übri­gens nicht nur sei­nes) – es sei mal dahin­ge­stellt, ob das der Rea­li­tät ent­spricht oder ob er nur ger­ne dra­ma­ti­siert. Aber ver­füh­re­rerisch und eben leicht­sin­nig ist es doch – „Und zurück kammt man immer, irgend­wie.“ ist offen­bar sien Haupt­mot­to gewor­den – und das ist schon grenz­wer­tig, fin­de ich …

Mein Fazit daher: Das ist eher ein Lauf­buch für Nicht­läu­fer – oder ein Sport­buch für Boning-Fans. Und eine ganz ange­nehm-net­te Bett­lek­tü­re – ohne gro­ßen Anspruch und beson­de­ren Erkennt­nis­wert.

Wigald Boning: Bekennt­nis­se eines Nachtsport­lers. Rein­bek: Rowohlt 2007. 299 Sei­ten. ISBN 9783–499-62192–5

Langer Sommerwaldlauf

Herr­lichs­tes Lauf­wet­ter war ges­tern im Oden­wald: Viel Son­ne (mit ein paar weni­gen Wol­ken), ca. 20 °C am Vor­mit­tag, die Luft noch sehr frisch und leicht bewegt (im Wald auch ger­ne noch etwas fri­scher) – ein­fach herr­lich und wun­der­bar.

Also los in die Schu­he – Den Wecker hat­te ich über­hört, des­we­gen wur­de es spät und spä­ter – erst nach 11 Uhr war ich wirk­lich so weit, auf eine gro­ße bzw. grö­ße­re Run­de zu gehen.

Macht nix, heu­te geht’s mir gut, heu­te las­se ich mri den schö­nen Lauf von nix ver­drie­ßen. Gestar­tet bin ich mit Mini­mal­aus­rüs­tung: Lauf­kla­mot­ten, Schu­he, Forerun­ner, Son­nen­bril­le und genau einen Schlüs­sel – viel leich­ter geht kaum 😉

Und dann ging es los, durch den Anfang des Drei­see­tals auf den Buch­wald­s­kopf. Und da, nach gut 3 Kilo­me­tern und dem ers­ten Anstieg, hat­te ich schon eine 5:24 als Durch­schnitt auf der Uhr – ok Mat­thi­as, auf den nächs­ten Kilo­me­tern geht es nach oben, die wer­den schon noch brem­sen. Pus­te­ku­chen, die kilo­me­ter­ar­me Woche macht sich wenigs­tens sams­tags posi­tiv bemerk­bar, ich lau­fe ein­fach locker wei­ter wie es so kommt. Und es kommt, was kom­men muss: Bei Kilo­me­ter 12, also kurz vor Bull­au und damit ziem­lich auf der Höhe, war der Durch­schnitt schon auf 5:20. Hof­fent­lich gibt das kein böses Erwa­chen … Und er fiel wei­ter – nach der kur­zen Run­de durch den Ort schon auf 5:19. Dann ging es ja erst ein­mal ziem­lich ordent­lich hin­un­ter: in den Bullau­er Euter­grund. Da unten, am unters­ten Ende mei­nes Weges, stan­den 17,2 Kilo­me­ter auf der Uhr – und ein ver­rück­ter Schnitt von 5:11. Ok, jetzt wird er aber sin­ken, denn nun geht es auf einem schma­len Pfad (Sin­gle-Trail), von den Regen­fäl­len der letz­ten Wochen beson­ders aus­ge­wa­schen, steil hoch. Das bin ich schon öfters gegan­gen. Heu­te aber nicht, heu­te kommt das gar nicht in die Tüte, das wird hoch­ge­lau­fen – zwar fast nur noch auf den Zehen­spit­zen, aber ich habe bis zum Zaun durch­ge­hal­ten. Dafür konn­te ich bei jedem Schritt füh­len, wie die Lak­tat­men­ge in den Ober­schen­keln anstieg und sie immer mehr über­säu­ertn und dazu auch der Puls hin­auf­schoss. Gut, dass es da ein Ende am Zaun mit der Klet­ter­hil­fe gibt – das ist eine halb­wegs natür­li­che Brem­se und gute Gele­gen­heit zum Ver­schnau­fen. Denn das nächs­te Stück bis zum geteer­ten Weg durch die ehe­ma­li­ge Wild­schwein­füt­te­rung ist zwar fla­cher, geht aber immer noch deul­tich berg­auf. Der Schnitt stand jetzt immer­hin wie­der bei 5:14, auf dem nächs­ten Kilo­me­ter bis zum unge­fähr höchs­ten Punkt wurd­ne dar­aus noch 5:16. Dann, auf dem Asphalt­weg, konn­te ich aber wie­der zule­gen. Gut, die Bei­ne waren jetzt, nach knapp 19 Kilo­me­ter schnel­lem Hügel­lauf, doch schon merk­lich ermü­det, der Lauf­stil nicht mehr ganz so locker wie auf den ers­ten Kilo­me­tern. Aber noch ging was … Und die Anzei­ge des Durch­schnitts sank wie­der – zwar lang­sam, aber halb­wegs kon­ti­nu­ier­lich. Beim Halb­ma­ra­thon hat­te ich eine 5:13, beim Würz­ber­ger Fried­hof eine 5:12. Dort nutz­te ich das herr­lich kal­te Was­ser zu einer klei­nen Erfri­schung – ich war jetzt schon etwas über zwei Stun­den unter­wegs, da tut ein biss­chen Was­ser mal ganz gut. Mein Magen war aber nicht so ganz ein­ver­stan­den. Zunächst aber der stei­le Abstieg nach Erns­bach durch den Hohl­weg: Erst ein­mal durchs Dickicht kämp­fen, durch die Bren­nes­seln und Brom­bee­ren, die in den letz­ten zwei, drei Wochen ganz schön gewu­chert sind hier im Wald. Und dann eben hin­un­ter, den stei­len Hohl­weg, der seit zwei Jah­ren (der letz­ten Durch­fors­tung mit gro­ßen Maschi­nen) in einem erbärm­li­chen Zustand ist. Und jetzt auch noch dazu sehr aus­ge­wa­schen von den Regen­fäl­len der letz­ten Zeit – alles in allem eine har­te Prü­fung, denn inzwi­schen waren gera­de die Ober­schen­kel, die ich fürs Berg­ab­lau­fen doch beson­ders brau­che, schon sehr müde. Aber es ging alles gut. Zumin­dest mit den Bei­nen. Und die Uhr zeig­te jetzt auch wie­der, wie schon im Euter­grund, 5:11 als Durch­schnitt an.

Denn kaum aus dem Wald hin­aus, fing noch vor dem eigent­lich Ort bei Erns­bach mein Magen an, mehr als ner­vös zu wer­den. Das wur­den schnell ziem­lich unan­ge­neh­me Krämp­fe – das sehr kal­te Was­ser war wohl doch kei­ne so gute Idee gewe­sen, sonst war in den letz­ten Stun­den ja nichts mehr hin­ein­ge­kom­men. Bis zum obe­ren Ende des Drei­see­tals schaff­te ich es noch, dann ging es nicht mehr. Mit einer län­ge­ren Geh­pau­se konn­te ich den Magen immer­hin halb­wegs beru­hi­gen – dau­er­haft bes­ser wur­de es aber noch nicht. Immer­hin konn­te ich dann noch­mal lang­sam anjog­gen – für die letz­ten drei bis vier Kilo­me­ter noch. Scha­de, das hat dann kei­nen Spaß mehr gemacht – blöd, das ein so tol­ler Lauf ein so unan­ge­neh­mes Ende nahm. Immer­hin wur­de es nicht wirk­lich schlimm – der Magen beru­hig­te sich nach einer Dosis Ultra-Refres­her sehr schnell end­gül­tig. Nur merk­te ich noch eini­ge Stun­den, dass ich nicht bis zum Ende durch­ge­lau­fen war und erst „spät“ nach dem Ende des schnel­len Lau­fens gedehnt habe – so steif bin ich sonst nach 30 Kilo­me­tern nicht unbe­dingt. Aber trotz­dem: Es ist immer wie­der toll, die­se Erfah­rung der eige­nen Kraft – egal wie schnell oder lang­sam es tat­säch­lich war. Aber das Gefühl, gera­de knapp 30 Kilo­me­ter hin­ter mich gebracht zu haben, in weni­ger als drei Stun­den mehr Stre­cke gemacht zu haben als vie­le am gan­zen Tag – das ist irgend­wie erhe­bend.

Hier gibt’s die Stre­cke und das Höhen­pro­fil (bei­des bei runsaturday.com)

Einmalsocken

Heu­te mal ein nega­ti­ver Erfah­rungs­be­richt: Die Bam­boo-Socken von New­li­ne, die der Greif-Shop mir geschenkt hat, tau­gen gar nichts. Sie sind zwar ange­nehm zu tra­gen, aber schon mal im Schuh arg rut­schig. Und, das ist das Haupt­pro­blem, sie hal­ten nichts – aber auch gar nichts – aus: Das wei­ße Paar, das man unten auf den Bil­dern sieht, hat gera­de ein­mal sage und schrei­be knap­pe 90 Kilo­me­ter hin­ter sich. Das ist also noch nicht ein­mal eine Woche, die die Socken über­lebt haben (zum lan­gen Lauf hat­te ich wie oft die CEP-Strümp­fe an). Zum Ver­gleich: Ich habe Skin­fit-Socken – die kos­ten auch nur 9 Euro pro Paar – die schon 2000 Kilo­me­ter hin­ter sich haben. Und immer noch fit­ter aus­se­hen als die­se von New­li­ne, die ja immer­hin auch Lauf­so­cken sein sol­len. Gut, sie sind in der Woche zwei­mal rich­tig nass gewor­den – aber eben das sol­len und müs­sen Lauf­so­cken doch aus­hal­ten! Nun, das täg­li­che Lau­fen for­dert eben auch Opfer …

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Gelaufen: Das erste Halbjahr 2010

Und zwar ziem­lich durch­wach­sen, so als gan­zes. Irgend­wie bin ich nicht so ganz zufrie­den damit, wie es gera­de – oder genau­er gesagt: seit letz­tem Herbst – läuft. Denn so rich­tig kon­stant ist mein Leis­tungs­ni­veau nicht gera­de – eher das Gegen­teil.

Aber immer­hin zwei „Ultras“ waren dabei trotz­dem drin, die 50 Kilo­me­ter in Escholl­brü­cken und die paar-und-sech­zig des Nibe­lun­gen­steigs. Und dazu noch ein paar Läu­fe über vier­zig Kilo­me­ter. Aber eben immer wie­der unter­bro­chen von Wochen mit 60, 70 oder sogar nur 50 Wochen­ki­lo­me­tern. Also eben ein­fach viel zu unre­gel­mä­ßig für ein ver­nünf­ti­ges Trai­ning

Aber der Streak hält (noch), die Zwei-Jah­res-Mar­ke habe ich glück­lich erreicht, kurz gefei­ert und wohl­ge­mut über­schrit­ten. Es geht also wei­ter. Ich weiß nur nicht, wohin. Aber auch das wird sich fin­den. Haupt­sa­che, man kann hin lau­fen 😉

Ein bisschen Stolz

Zwei Jah­re täg­lich gelau­fen: 730 mal jeden Tag die Lauf­schu­he geschnürt, meis­tens auch den Forerun­ner ange­wor­fen und hin­aus ins Freie getrabt. Eini­ge Schu­he sind dabei auf der Stre­cke geblie­ben, Socken auch ein paar, selbst die ers­te Lauf­ho­se fängt an zu schwä­cheln (aber die ist schon älter als die­ser Streak). Aber noch reicht mei­ne Moti­va­ti­on, ein­fach wei­ter zu machen. Heu­te bin schhon ein biss­chen stolz, dass dich die zwei Jah­re – eine wich­ti­ge psy­cho­lo­gi­sche Moti­va­ti­ons­hil­fe – wirk­lich geschafft habe. Und auch ein biss­chen besorgt, ob ich die Moti­va­ti­on wei­ter tra­gen kann. Aber ande­rer­seits: Es ist ja kei­nes­wegs eine Quä­le­rei, das täg­li­che Lau­fen. Klar, manch­mal wür­de man lie­ber im gemüt­li­chen Ses­sel sit­zen blei­ben. Aber so bald ich drau­ßen bin und den ers­ten Kilo­me­ter in den Füßen habe, ver­spü­re ich eigent­lich auch immer wie­der die Lust, dem noch eini­ge fol­gen zu las­sen. Mit ganz weni­gen Aus­nah­men.

Gelau­fen bin ich in den ver­gan­ge­nen 730 Tagen 9300 Kilo­me­ter. Das macht immer­hin 12,75 Kilo­me­ter am Tag, durch­schnitt­lich. Gar nicht so schlecht 😉

Der Nibelungensteig – ein sagenhafter Lauf

Uns sind in alten Mären Wun­der viel gesagt
von Hel­den, reich an Ehren, von Kühn­heit unver­zagt,
von Freu­de und Fest­lich­kei­ten, von Wei­nen und von Kla­gen,
von küh­ner Recken Strei­ten mögt ihr nun Wun­der hören sagen

Nun, ganz so hel­den­haft geht es hier und heu­te nicht (mehr) zu. Und auch nicht gnz so sagen­haft. Und noch eine wei­ter Ein­schrän­kung: Ich bin bei wei­tem auch nicht der Ers­te, der die Exis­tenz des Wan­der­we­ges zum Anlass nimmt, das gan­ze oder Tei­le davon läu­fe­risch zu bewäl­ti­gen (z.B. Gerd, Mat­thi­as kürz­lich und vie­le ande­re). Die meis­ten, die auf dem Nibe­lun­gen­steig unter­wegs sind, sind aber trotz­dem Wan­de­rer. Von denen hat­te ich erstaun­lich vie­le zu über­ho­len bzw. zu begeg­nen.

Aber mal schön der Rei­he nach: Ange­fan­gen hat es vor lan­ger, lan­ger Zeit, als Sieg­fried von Hagen ersto­chen wur­de. Irgend­wo im Oden­wald, das ist ziem­lich sicher, denn das war eines der Jagd­ge­bie­te der Nibe­lun­gen („Da rit­ten sie von dan­nen in einen tie­fen Wald“). Und an einem Brun­nen. Da hört die Sicher­heit dann aber schon auf – wel­che Quel­le das gewe­sen sein soll, dar­um strei­ten sich eini­ge Orte. Das meis­te Geschick (?) dabei hat wohl Gras-Ellen­bach bewie­sen, des­sen Sieg­fried-Brun­nen als „der“ Tat­ort gilt. Und da führt auch der Nibe­lun­gen­steig hin. Aller­dings nicht von Worms aus (was nahe­lie­gend und fol­ge­rich­tig wäre), son­dern von Zwin­gen­berg an der Berg­stra­ße aus. Zumin­dest letz­tes Jahr stimm­te das auch noch. Inzwi­schen, seit die­sem Früh­jahr, ist das Ziel des Nibe­lun­gen­steigs nciht mehr das Ende Sieg­frieds, son­dern Freu­den­berg am Main. das heißt, er ist von unge­fähr 40 auf über 130 Kilo­me­ter Weg ver­län­gert wor­den. Und der erwei­ter­te Nibe­lun­gen­steig führt dann auch schon in die Nähe von Erbach, näm­lich an den Gemar­kungs­rand von Hais­ter­bach.

Wie dem auch sei, jeden­falls spuk­te schon seit letz­tem Jahr die Idee in mei­nem Läu­fer­kopf umher, die­sen Wan­der­weg lau­fend ken­nen­zu­ler­nen. Die Logis­tik ist aber etwas umständ­lich: Nach Zwin­gen­berg kommt man zwar gut mit dem Zug. Aber in Gras-Ellen­bach ist man dann zwar nicht ganz am Ende der Welt, aber zumin­dest am Wochen­en­de fak­tisch fast außer­halb des Ein­zugs­ge­bie­tes des ÖPNV – das wäre extrem kom­pli­ziert, lang­wie­rig und unprak­tisch gewor­den. Zumal ich nach einem lan­gen Lauf auch nur ungern noch ewig im Zug oder Bus sit­ze – ganz zu schwei­gen davon, wie das die Mit­rei­sen­den beläs­ti­gen wür­de … Aber das ist ja mitt­ler­wei­le Ver­gan­gen­heit. Nur ist die zu lau­fen­de Stre­cke jetzt eben auch „etwas“ län­ger gewor­den: Die Pla­nung sah ca. 64 sehr, sehr hüge­li­ge Kilo­me­ter von Zwin­gen­berg nach Erbach vor. Kei­ne ganz leich­te Sache also, das war von vorn­her­ein klar.

Ges­tern war es dann end­lich so weit: Nach dem Rhein­steig am Wochen­en­de zuvor soll­te nun der Nibe­lun­gen­steig dran glau­ben. Wirk­lich aus­rei­chend fit fühl­te ich mich aber nicht so sehr. Doch ver­schie­ben woll­te ich auch nicht – irgend­wann muss man es ja ein­mal wagen. Noch am Sams­tag mor­gen, beim Auf­wa­chen, beschli­chen mich aber die Zwei­fel. Das führ­te dann dazu, dass ich eine Stun­de spä­ter star­te­te als eigent­lich vorgse­hen: Um 8:49 ver­ließ ich Mainz, der Zug brach­te mich zunächst nach Darm­stadt, wo ich umstieg in Rich­tung Zwin­gen­berg. Immer­hin, das Wet­ter mach­te es mir leicht: Nicht über­mä­ßig warm, aber größ­ten­teils son­nig – wun­der­bar zum Lau­fen. Dabei hat­te ich mei­ne Hüft­ta­sche mit 2,5 LIter Was­ser, eini­gen Müs­li­rie­geln, zwei nagel­neu­en Gels von Ultra-Sports, Han­dy, Geld­beu­tel und die klap­pern­den Schlüs­sel.

Am Zwin­gen­ber­ger Bahn­hof (bzw. Hal­te­stel­le …) sah ich auch gleich das not­wen­di­ge Schild: Das gro­ße rote N auf wei­ßem Grund, hier noch ergänzt mit dem auf­mun­tern­den Wor­ten: „Hier geht’s los“. Und los ging es wirk­lich gleich: Nach weni­gen hun­dert Metern durch den Ort näm­lich gleich hin­auf – durch die Wein­berg in Rich­tung Meli­bo­kus. Das war gleich das Rich­tig zum Warm­wer­den – schön stei­le Wege 😉 Nicht so sehr aller­dings für mei­ne Waden – die beschwer­ten sich bald und mach­ten erst ein­mal Schluss. Aber das ken­ne ich ja – wenn die Ker­le nicht ordent­lich auf­ge­wärmt wer­den, fan­gen sie an zu mosern. Das gibt sich aber erfah­rungs­ge­mäß mit stei­gen­der Lauf­dau­er. Jeden­falls ging es zunächst berg­auf. Und zwar immer wei­ter. Die ers­ten Wan­de­rer wur­den über­holt (und erschreckt), die zwei­ten und drit­ten und vier­ten auch bald. Inzwi­schen hat­ten sich mei­ne Füße den Waden soli­da­risch erklärt und beschlos­sen ein­zu­schla­fen. Das wie­der­um war mir neu ;-). Aber inzwi­schen rück­te der „Gip­fel“ in greif­ba­re Nähe: Also durch­hal­ten, gleich sind wir oben. Die ein­ge­schla­fe­nen Füße konn­te ich durch das Lockern der Schnür­sen­kel schnell auf­we­cken, die Waden brauch­ten noch ein wenig meh Zeit. Aber jetzt ging es, nach kur­zer Ver­schnauf­pau­se, ers­te ein­mal wie­der hin­ab. Und zwar ziem­lich geschwind. So geschwind, dass ich mri auf ein­mal nicht mehr sicher war, auf dem rich­ti­gen Weg zu sein. Das war aber glück­li­cher­wei­se so (ist eigent­lich auch schwer, sich auf dem Nibe­lun­gen­steig zu ver­lau­fen. Aber berg­ab ren­nend erfor­dert der unebe­ne Grund mit sei­nen man­nig­fal­ti­gen Stol­per­fal­len eben viel Auf­merk­sam­keit, da ver­liert man die Mar­kie­rung schnell mal aus dem Blick.) Viel zu schnell war ich wie­der unten. Denn dann ging es eben wie­der hoch – in RIch­tung Fels­berg. Der Anstieg dort hin­auf war aber ver­gleichs­wei­se gut zu lau­fen – ohne Wan­der­pau­se und ohne grö­ßer Pro­ble­me lang­te ich auch dort oben an. Da gab es aller­dings kei­ne ver­nünf­tig Beloh­nung. Denn der Weg hin­un­ter führt durch das Fel­sen­meer bzw. an des­sen Rand. Das heißt: Steil und stu­fig und eng. Ich ver­such­te mich als Gazel­le, was aller­dings nur mit­tel­mä­ßig gelang – die Ober­schen­kel mel­de­ten schon Anzei­chen von Müdig­keit. Tem­po bekommt man so natür­lich kei­nes auf die Uhr …

Unten ange­langt, kam zur Erho­lung erst ein­mal der Weg durch Rei­chen­bach – wun­der­bar glat­te Teer­stra­ßen und gepflas­ter­te Bür­ger­stei­ge. Am Orts­aus­gang räch­te der Nibe­lun­gen­steig sich dann mit einem supers­tei­len Anstieg – selbst der Trak­tor hin­ter mir kam nur sehr lang­sam näher. Oben ist dann ein klei­ner Klet­ter­fel­sen. Aber wer das als oben ansah, hat­te sich zu früh gefreut – der Weg auf den Kreh­berg (immer­hin stol­ze 576 Meter hoch und damit die höchs­te Erhe­bung in die­sen Gegen­den) zog sich noch etwas hin. Aber immer­hin war das nun nicht mehr so steil, son­dern ganz gut lauf­bar. Hin­ter dem Kreh­berg ging es, natür­lich, erst ein­mal wie­der berg­ab. Und zwar ziem­lich geschwind. Und dann halt wie­der berg­auf. Und so wei­ter, und so fort. Ver­dammt, der Oden­wald ist in die­ser Ecke noch hüge­li­ger als im Müm­ling­tal. Aber – auch des­halb – eine wun­der­schö­ne Gegend. Zumin­dest auf dem Nibe­lun­gen­steig kommt man sich sehr abge­legn fort – um die meis­ten Orte macht man einen mehr oder weni­ger gro­ßen Bogen, kann dafür ganz viel Wald und Wie­sen­land­schaf­ten erle­ben. Ein­fach herr­lich. Irgend­wann kommt aber dann doch der nächs­te Ort. Zum Bei­spiel Lin­den­fels. Da hat­te ich dann noch nicht ein­mal 30 Kilo­me­ter auf der Uhr, dafür aber über­haupt kei­ne Lust mehr. Aber es hilft ja alles nichts: da muss der Läu­fer eben durch. Und nach eini­gen Kilo­me­tern wur­de es auch wei­der bes­ser. Zumin­dest die Moti­va­ti­on. Die Kraft blieb näm­lich ver­schwun­den – und soll­te auch nicht mehr wie­der­keh­ren. Die vie­len stei­len Wege mach­ten sich mitt­ler­wei­le doch ziem­lich bemerk­bar – es sind ja nicht nur die Berg­auf­stü­cke, die ermü­den – das geschwin­de Berg­ab­lau­fen auf den teil­wei­se def­tig stei­len, ncoh dazu sehr „natur­be­las­se­nen“ Pfa­den for­dert eben­falls nicht nur hohe Kon­zen­tra­ti­on, son­dern saugt auch erheb­li­che Kraft­re­ser­ven aus den Ober­schen­keln. Aber das gehört eben dazu, wenn man sol­che ver­rück­ten Sachen anstel­len will …

An das nächs­te Stück habe ich gera­de nicht mehr so viel Erin­ne­rung … Irgend­wann kommt dann das Gump­e­ner Kreuz. Und dahin­ter wie­der ein saf­ti­ger Anstieg, der (mal wie­der) eine Wan­der­pau­se erfor­der­te. So lang­sam wur­den die Unter­bre­chun­gen – zum Wan­dern, aber auch zum Fau­len­zen auf einer der zahl­rei­chen Bän­ke (und dem Genie­ßen der Aus­sicht an die­sem doch so schö­nen Tag) – zahl­rei­cher. Und län­ger. Hin­ter die­sem Anstieg streift der Steig das Oster­tal und führt dann hin­über nach Weschnitz. Also schon fast nach Gras-Ellen­bach. Tja, wenn das mal so ein­fach wäre. Denn den direk­ten Weg nimmt der Nibe­lun­gen­steig bestimmt nicht, wenn es sich irgend­wie ein­rich­ten lässt. Und, das merk­te ich, obwohl mei­ne Ori­en­tie­rung bei dem ewi­gen Hin und Her bald etwas getrübt war, es lässt sich sehr oft ein­rich­ten. Jeden­falls, hin­ter Weschnitz kommt erst ein Bogen durch den Wald, bevor es am Fried­hof vor­bei­geht (lecker, kal­tes kla­res Was­ser!) und – natür­lich – wie­der den Berg hoch. Dies­mal zur Wal­bur­gis­ka­pel­le – wie­der so ein Anstieg, der eigent­lich nicht so wahn­sin­nig schlimm ist – in vie­len Keh­ren führt es den Hang hin­auf – mit mei­nen müden Bei­nen aber nicht mehr ver­nünf­tig zu lau­fen war. Hin­ter der Kapel­le führt der Weg dann aber doch so lang­sam in Rich­tung Gras-Ellen­bach. Vor­bei an des­sem „Außen­pos­ten“, dem Café Bau­er, gibt es noch eine klei­ne Ehren­run­de – wo ich mich tat­säch­lich ein­mal ver­lief, weil ich nicht rich­tig auf die Mar­kie­rung geschaut habe – bevor man den klei­nen, aber sehr betrieb­sa­men Ort (Sams­tag Nach­mit­tag: lau­ter Blech­büch­sen­fah­rer, die sich hier die Mägen voll­schlu­gen) erreicht. Immer­hin, jetzt ist es gleich geschafft – der Sieg­frieds­brun­nen rückt in die Nähe. Davor steht aber noch ein­mal ein total irrer Weg. Zumin­dest kam mir der inzwi­schen so vor: Wie mit dem Line­al gezo­gen führt er vom Orts­rand ein­fach gera­de­aus zum Was­ser – aber schön kräf­tig nach oben. Ok, also wie­der ein­mal Wan­der­pau­se 😉

Die Sieg­fried­quel­le war dann sehr ent­täu­schend – weil fast kein Was­ser floss. Irgend­wie hat­te ich ein Bild im Kopf, auf dem es recht kräf­tig spru­del­te. Schließ­lich heißt es im Nibe­lun­gen­lied:

Kühl war der Brun­nen, lau­ter und gut.
Da leg­te sich Gun­ther nie­der an die Flut;
mit dem Mund as Was­ser des Baches trank er nun.
Sie dach­ten, daß auch Sig­frid nach im das­sel­be wür­de tun.

Sei­ne Zucht ent­galt er. Den Bogen und das Schwert
trug bei­sei­te Hagen von dem Degen wert.
Dann lief zurück er wie­der, wo den Ger er fand.
Er sah nach dem Kreu­ze an des Königs Gewand.

Da der küh­ne Sig­frid aus der Quel­le trank,
war er den Ger durch das Kreuz­lein, daß aus der Wun­de sprang
das BLut vons einem Her­zen bis an Hagens Hemd.
Sol­che schwe­re Untat ist jdem andern Degen fremd.

Damit hat­te ich näm­lich gerech­net – mei­ne Trink­bla­se war fast leer und soll­te hier auf­ge­füllt wer­den. Tja, das war jetzt nicht so opti­mal. Im Ort unten hät­te ich das an einem Brun­nen auch machen kön­nen. Aber noch­ein­mal da hin­un­ter? Jetzt nicht mehr … Also muss­te eine Erho­lungs­pau­se an dem kon­tra­fak­tisch idyl­li­schen Ort rei­chen, bevor es wei­ter ging. Immer­hin lau­er­te mir kein Untreu­er mir Mord­ab­sich­ten auf. Ich zumin­dest hät­te nicht die Kraft wie Sig­frid gehabt, den noch zu ver­fol­gen … Jetzt kam sozu­sa­gen die Kür – der wei­te­re Weg ins Müm­ling­tal. Der hat­te noch eini­ge Über­ra­schun­gen bereit. Und vor allem eine Weg­füh­rung, die mir immer öfter sehr umständ­lich erschien – aber viel­leicht war das auch nur mei­ne Erschöp­fung. Zunächst kam aber noch eines der schöns­ten Stü­cke, der Weg am Rand des Natur­schutz­ge­bie­tes „Rotes Was­ser“ ober­halb von Olfen. Da traf ich tat­säch­lich noch jemand auf dem Weg – der war gera­de mit Mar­kie­rungs­ar­bei­ten beschäf­tigt. Dabei trug dort schon gefühlt jeder zwei­te Baum eine rotes N – und es gab eigent­lich nur die­sen, offen­bar frisch ange­leg­ten Pfad hier, kei­ne Abzwei­gung weit und breit. Die gab es erst knapp vor Olfen. Und da fand ich den rich­ti­gen Weg über­haupt nicht – jen­seits der Kreu­zung war auf kei­nem der Wege ein N zu fin­den. Also habe ich impro­vi­siert und bin erst ein­mal hin­un­ter nach Olfen. Von dort ging ich dann über die Stra­ße in Rich­tung Güt­ters­bach – irgend­wo da muss­te, wenn ich mich rich­tig erin­ner­te, der Nibe­lun­gen­steig kreu­zen. Und zur Not wäre ich immer­hin in bekann­tes Gebiet vor­ge­drun­gen ;-). Aber tat­säch­lich, kurz hin­ter der Olfe­ner Höhe tauch­te das magi­sche N wie­der auf. Und führ­te mich nun, ten­den­zi­ell auf brei­ten Wald­wirt­schafts­we­gen, mit eini­gem Hin und Her zum Mar­bach-Stau­see. Und dort­hin mach­te der Nibe­lun­gen­steig wirk­lich die ver­rück­tes­ten Wege – immer wenn ich dach­te zu wis­sen, wo es wei­ter­ging, führ­te er mich noch einen Extraschlen­ker. Inzwi­schen war ich aber nicht mehr so fit, mich auf mei­nen Ori­en­tie­rungs­sinn zu ver­las­sen, und folg­te des­halb brav den Mar­kie­run­gen. Am See war­te­te immer­hin fri­sches Was­ser auf mich – das war auch nötig, ich lief jetzt schon eini­ge Kilo­me­ter auf dem Tro­cke­nen. Ober­halb des Sees kann man sehr schön am Mei­sen­bach Was­ser tan­ken – gleich­zei­tig auch mal wie­der Gele­gen­heit für eine Rast. Hier pro­bier­te ich dann auch mal eines der Wun­der­gels von Ultra-Sports – das ekligs­te Zeug, das ich je im Mund hat­te. Zumin­dest geschmack­lich. Mit viel Was­ser (wie es sich gehört) konn­te ich es aber run­ter­spü­len – auf die Wir­kung habe ich aber ver­ge­bens gewar­tet, das war wohl doch ein wenig spät … Inzwi­schen waren die sanf­tes­ten Anstie­ge Grund für eine Geh­pau­se. Und die durf­te sich auch mal auf ebe­ne Tei­le des Weges aus­brei­ten …

Immer­hin, inzwi­schen war ich mir sicher, dass ich es (irgend­wie) nach Hau­se schaf­fen wür­de – zur Not eben gehend. Ganz so schlimm wur­de es nicht, aber eini­ge Geh­pau­sen streu­te ich doch noch ein. Vom Mar­b­ach­see ging es noch auf dem Nibe­lun­gen­steig bis kurz vor Hais­ter­bach – dort knickt der Nibe­lun­gen­steig ab, führt zurück nach Ebers­berg und von dort aus wei­ter über Bull­au-Geb­hardtshüt­te nach Schöl­len­bach und dann in Rich­tung Main. Da woll­te ich heu­te aber nicht hin. Des­halb bin ich ein­fach durch Hais­ter­bach nach Gün­ter­fürst, von dort hin­ab nach Lau­er­bach (bru­tal, jetzt noch ein­mal so einen rich­ti­gen Steil­hang hin­ab) und an der Bun­des­stra­ße nach Erbach – und nach Hau­se. Lang genug war ich jetzt ja unter­wegs – so lan­ge, wie noch nie. Selbst der Renn­steig war schnel­ler erle­digt (und mit mehr Kilo­me­tern, aber weni­ger Höhen­me­ter)

Die Daten: Gelau­fen bin ich ca. 56 km in 5h 55 min, die Stre­cke hat eine Län­ge von min­des­tens 66 Kilo­me­ter (die Dif­fe­renz bin ich logi­scher­wei­se gewan­dert). Höhen­me­ter hat’s da eini­ge: 2200 hoch und 2100 run­ter. Ins­ge­samt, mit allen Pau­sen und so, war ich dann ziem­lich genau neun Stun­den auf den Bei­nen. Die Über­sicht gibt’s hier bei run­sa­tur­day. Aller­dings mit Unge­nau­ig­kei­ten, weil ich die Wan­der­pau­sen aus­ge­stoppt habe. Aber dort gibt es auch ein Höhen­dia­gramm.

Nun, was folgt aus die­sem Wahn­sinn? Zunächst ein­mal das fes­te Vor­ha­ben, das das nicht der letz­te Besuch auf dem Nibe­lun­gen­steig war. Die gesam­te Län­ge muss nicht unbe­dingt sein, mit etwas bes­se­rer Form wäre das aber auch mach­bar. Vor allem aber der Ent­schluss, der sich schon vor­her andeu­te­te: Für die 100 Kilo­me­ter in Ulm reicht mir das im Moment nicht. Die wür­de ich zwar wohl auch irgend­wie schaf­fen, aber mit zuviel Schmer­zen und zuviel Geh­an­teil wahr­schein­lich. Und des­halb wer­de ich mein 100-Kilo­me­ter-Debüt erst ein­mal ver­schie­ben. Es zeigt sich doch, dass die feh­len­den lan­gen Läu­fe des Früh­jahrs nicht zu erset­zen sind (auch so eine Läu­fer­bin­sen­weis­heit, die man aber erst glaubt, wenn man sie selbst erlebt hat). Und das nächs­te Mal weiß ich Bescheid, wo ich Was­ser fas­sen kann. Und wo nicht. Aber trotz­dem, obwohl es teil­wei­se quä­lend und durch­weg sehr anstren­gend war (abends dach­te ich, mir fehlt ein Zen­ti­me­ter Mus­kel in den Waden …): Das ist ein tol­ler Weg, der Nibe­lun­gen­steig. Vor allem der „ursprüng­li­che“ Teil, von Zwin­gen­berg bis zur Sieg­frieds­quel­le. Danach wer­den die Wege ten­den­zi­ell doch – wie ich es aus dem Oden­wald­kreis auch ken­ne – breit und eher lang­wei­lig. Dazu passt auch, dass da nie­mand mehr unter­wegs war (wirk­lich nie­mand: Anfangs begeg­ne­ten mir immer wie­der Wan­de­rer, fast immer in klei­nen Grup­pen. Hin­ter Gras-Ellen­bach nie­mand (!) mehr.).
Ach ja, Fotos habe ich kei­ne gemacht – wie so oft ver­gaß ich den Appa­rat in Mainz. Dabei hat­te ich es mir so fest vor­ge­nom­men …

Als sie von dan­nen woll­ten zu der Lin­de breit,
also da sprach Hagen: „Mir ist gesagt all­zeit,
daß nie­mand fol­gen kön­ne der Kriem­hil­de Mann,
wenn er lau­fen wol­le; hei, könn­ten wir das schau­en an!“

Da sprach von Nie­der­lan­den der schnel­le Sig­fried:
„Ihr könn­tes ja ver­su­chen, willt Ihr lau­fen mit
um die Wet­te nach dem Brun­nen. Ist die­ses geschehn,
so sei der Sie­ger, den man dort sieht als ers­ten stehn.“

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