Heute war’s nur was für die Harten: Am Anfang war es nur kalt, so ca. 3 °C. Schon auf der Theodor-Heuss-Brücke ahnte mir, was kommen würde: Die Wolkendecke hing tief und wurde tiefschwarz, das Licht immer spärlicher und gelber. Und dann ging es los: Schönster Schnee-Hagel fiel vom Himmel, in Massen und Massen. Das hüpfte gerade so von mir weg, eine reine Freude. Nach zehn Minuten war es aber nicht mehr so lustig. Der Wind drückte, der matschige Schnee-Wasser-Eis-Kram hing mir im Gesicht und in den Haaren. Aber nix da, immer weiter, nur weiter. Vielleicht wird’s ja noch besser … Viel geändert hat sich aber nicht. In Kostheim donnerte es so laut und lang, das ich vor Schreck fast in die Hecke gehüpft wäre. Ab der Mainbrücke waren Straßen und Wege weiß – ein schöner Matsch, dafür hatte ich nicht ganz die richtige Gummimischung an den Sohlen. Und ab der Eisenbahnbrücke Mainz-Süd wurde es regnerischer Schnee. Eigentlich wollte ich ja die Autobahnrunde laufen, aber dafür war’s mir zu ungemütlich auf Dauer – also bin dich auf die Dreibrückenrunde geschwenkt. Auf der Mainzer Seite, ab dem Winterhafen, wurde es dann wieder richtiger Schnee: Super weich, mit riesigen Flocken – das macht die Klamotten so richtig schön nass. Aber jetzt war ich ja schon im Endspurt. So ziemlich reichte es mir auch gerade – ohne Kappe war das wirkclih kein Spaß heute. Aber so ist das halt beim täglichen Laufen …
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So warm war’s wohl noch nie beim Arque-Lauf wie in diesem Jahr. Am Ziel in Mainz, bei herrlichem Sonnenschein, stand das Thermometer auf 20 °C. Und so spätsommerlich war auch der ganze Lauf … Arque steht für Arbeitsgemeinschaft für Querschnittgelähmte mit Spina bifida/Rhein-Main-Nahe e.V., die die Spenden aus diesem Lauf bekommt. Das Startgeld ist aber trotzdem nicht besonders üppig: 27 Euro habe ich bezahlt, inkl. T‑Shirt und Transfermöglichkeiten zum Start oder nach dem Ziel zurück.
Den Arque-Lauf mitzumachen bedeutet immer, früh aufzustehen: Der Transferbus vom Mainzer Fischtor zum Start in Kelkheim fährt um 7:15 Uhr. Also quälte ich mich um 6:30 Uhr aus dem Bett, machte mich fertig und nahm den kurzen Fußmarsch in Angriff. Am Fischtor stand schon ein kleines Häuflein laufgerecht gekleideter Menschen, natürlich mal wieder vorwiegend Männer herum – so arg viele waren es in diesem Jahr aber nicht, offenbar tatsächlich so wenige wie seit 1999 nicht mehr. Der erste Bus kam auch um 7:15 und brachte uns problemlos nach Kelkheim – eine Busfahrt mit Sonnenaufgang am Horizont, auf der ich noch schnell zwei Bananen verdrückt und ein bisschen Wasser getankt habe – fast zu viel offenbar, nach den ersten Kilometer musste ich nämlich noch mal in die Büsche.
Die Anmeldung und die vor-dem-Laufen-Toilette lief wie immer problemlos. Klar, bei den Toiletten (an diesem Sportplatz gibt es nur zwei) war immer eine Schlange, aber das gehört eben dazu. Und da das ganze ja ein Spendenlauf ist, kann man auch mal ein Auge zudrücken und auf zusätzliche Dixies verzichten. Es gibt ja auch noch den Wald direkt hinter dem Parkplatz. Völlig überraschend habe ich auch noch einen Studienkollegen getroffen, von dem ich gar nicht wusste, dass er auch läuft. So verging die letzte halbe Stunde bis zum Start im Flug.
Der Start geschieht schön der Reihe nach: Fahrradgruppen (zum zweiten Mal gibt es auch eine geführte Radtour, was gar nicht so wenige mitmachten) und um kurz nach 9 waren wir als die erste Laufgruppe an der Reihe – auch wenn wir Gruppe B mit 5:00 min/km waren: Die Gruppe A ist seit letztem Jahr mangels Masse gestrichen. Voll war es bei uns aber auch nicht: Die fünf Pacemaker begleiteten noch nicht einmal 30 Läufer (immerhin, eine Läuferin war auch dabei). Ein paar davon blieben beim ersten Verpflegungspunkt zurück, um mit der nächstlangsameren Gruppe weiterzulaufen. Also ging es jetzt erst mal los, ganz offiziell mit Startschuss – obwohl es ja gar keine Zeitmessung gibt, der Arque-Lauf ist ja kein Wettkampf, sondern ein Gruppenlauf. Und mit großer Begleitung: Ein Polizei-PKW und ein Polizeimotorad machten uns vorne den Weg frei, nach hinten sicherte ein Rettungswagen. Das ist schon ein gewisser Luxus beim Laufen 😉
Die Strecke startet durch Kelkheim, nach 1,8 Kilometer trafen wir die ganz wenigen Läufer der B‑Gruppe des zweiten Parallelstartes – wunderbar, wie das immer so toll klappt … Und dann kam auch schon bald der erste – und eigentlich auch einzige – deutliche Anstieg: Aus Kelkheim hinaus in die Wälder des Taunus, auf die Hohe Schneise – immer schön mit Polizei-Eskorte und zweimaliger Musik-Parade. Den Jagertee habe ich aber lieber stehen gelassen. So ein entspannter Lauf durch den sonnigen Novembermorgen ist doch einfach etwas wunderschönen. Im Wald war der Boden von den Regenfällen der letzten Tage zwar stellenweise sehr weich, aber immer noch sehr gut zu laufen. Das Tempo – meine letzten beiden Arque-Läufe bin ich in langsameren Gruppen gelaufen – war ziemlich ordentlich und schon bemerkbar – viel schneller hätte ich, das war mir bald klar, nicht so gut durchgehalten. In Hofheim wurden wir aber auch erst einmal etwas abgebremst, der Schnitt lag da schon deutlich unter den anvisierten 5:00 min/km.
Und dann kam auch schon bald die erste Verpflegung, bei Kilometer 12,5, am Ortsausgang von Marxheim. Als wir ankamen, waren die Radfahrer der Gruppe Piccolissimo (die auch nur von Kelkheim nach Mainz radelten) ncoh beim Pausieren – die haben wir aber schnell weggescheucht. Nach dem ersten Auftanken hier (passenderweise an einer Tankstelle) geht es danach ein Stück auf der Bundesstraße weiter – herrlich, so mitten auf der Straße laufen zu dürfen, durch Flörsheim-Weilbach und Bad Weilbach kamen wir dann auch schon in die Weinberge, wo der Wind doch recht deutlich wehte und man einen herrlichem Blick über die nicht so herrliche, sehr gut zugebaute Landschaft genießen kann. Mehr als die Hälfte war schon geschafft, der Forerunner zeigte bereits über 20 Kilometer an.
Und zack, da war tatsächlich auch schon die zweite Verpflegungsstelle, wie immer mitten in der Pampa bei Kilometer 20,5. Das Verpflegen ging mit so einer kleinen, auch sehr homogen laufenden Gruppe immer sehr züig, so dass wir uns recht bald weiter auf den Weg machten konnten. Und zwar jetzt auch schon deutlich in Richtung Main, den wir kurz vor Hochheim erreichten. Noch lief es ziemlich geschmeidig und problemlos – erstaunlicherweise, möchte ich fast sagen … Das blieb auch so bis zum allerletzten Stück. Nach der letzten Verpflegung in Hochheim, bei Kilometer 25,8, fiel das Anlaufen schon deutlich schwerer. Und jetzt machte sich das – im Vergleich zu meinen sonstigen langen Läufen – etwas höhere Tempo auch bemerkbar. So langsam wurde ich nach hinten durchgereicht (ging ja schnell bei der kleinen Gruppe), konnte aber immerhin noch mithalten. Aber schwer wurden die letzten 4,5 Kilometer schon. Da ist ja dann auch noch die Theodor-Heuss-Brücke drin – eigentlich ein Klacks, dieser Anstieg, nach über 30 Kilometern macht er sich aber schon bemerkbar. Immerhin blieb unsere Gruppe gut zusammen, die Pacemaker achteten darauf, dass der Schlusssprint so verhalten ausfiel, das auch wir am Ende noch mithalten konnten. Und dann waren wir auch schon wieder auf dem Domplatz – mit kräftigen Rufen, die die Mainzer eher verstörten: „Erbarme, zu spät, die Hesss kumme!“. Ausnahmsweise war das Verpflegen hinter dem Ziel danach richtig angenehm: Bei der Wärme, bei dem strahlenden Sonnenschein konnte man sich gemütlich hinsetzen, seine 5‑Minuten-Terrine löffeln und das alkoholfreie Weizen tatsächlich mal genießen. Gewundert habe ich mal wieder, was so manche zum Laufen anziehen. Gut, es muss ja nicht jeder so leicht bekleidet laufen wie ich. Aber bei diesen Temperaturen mit langer & kurzer Hose, langem & kurzem Shirt, dicker Mütze und Handschuhen zu laufen – das wäre definitiv nichts für mich. Und was machen so Leute denn im Winter, wenn es 20 ° unter Null statt über Null hat?
Und das war’s dann auch schon wieder, mit dem Arque-Lauf. Aber nächstes Jahr kommt ja wieder ein November. Dieses Mal war es eine sehr schöne Gruppe, bei der ich mitlief, sehr gschlossen – die vorne machten nicht zuviel Druck, hinten kamen fast alle gut mit.Nur ab der Mitte hatte sich noch jemand einfach so dazugesellt, der dann das ganze Feld mit seinen läuferischen Großtaten unterhielt – das kann ich ja nie so gut leiden, wenn jemand nicht nur mit seinen Nebenleuten spricht, sondern alles so laut verkündet, das es ja jeder mitbekommt. Aber das gehört halt auch dazu ;-). Auch meine Schuhe, die Mizuno Wave Precision haben mich brav bis ins Ziel getragen. Zwar waren sie etwas ungewohnt auf der langen Strecke, denn sie fordern den Fuß etwas mehr als die Wave Inspire oder gar der Wave Nexus, aber das blieb so weit im Rahmen, das es nicht weiter störte.
Mein Forerunner sagt, dass die Strecke 34,5(7) Kilometer lang war (und damit ein bisschen länger als die offiziellen 33,74. Gebraucht haben wir (ohne die Pausen, also reine Laufzeit) 2:52:05. Das ergibt ein Tempo von 4:59 – besser geht es ja kaum ;-). Hier, bei RunSaturday, lässt sich die Strecke, das Höhenprofil etc. anschauen: Klick. Einen ersten Laufbericht gibt es schon hier beim Laufticker.
Einen vielversprechenden Titel trägt das Buch von Kirsten Poulin, Stan Swartz und Christina Flaxel: From Novice to Master. Wenn das auf den 175 Seiten gelingt, wäre das ja schon viel … Natürlich ist es nicht ganz so einfach, Laufen muss man eben immer auch trainieren, unabhängig vom Untergrund und der Umgebung. Das verschweigt das Autorentrio (immerhin zwei Frauen!) auch nie. Denn dieses amerikanische „Lehrbuch“ ist sehr gewissenhaft und gründlich. Der Rundumschlag ums Trailrunning umfasst hier:
- Introduction to Trail Running
- Planning a Run
- Training, Conditioning, and Preparation
- Recovery
- Environmental Factors, Navigation, and Safety
- Injury Prevention and Treatment
- Brining it tot the Next Level: Ultrarunning
Diesser Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, denke ich, auch sehr gut die Ausrichtung dieses Buches. Hier geht es nicht um tolle Läufe, um Lauferlebnisse oder Wettkampferfahrungen. Sondern, wenn man so will, um die Basics, die das alles erst überhaupt möglich machen.
Leider war das Buch wohl etwas zu früh für den momentanen Trail-Boom. Und leider, leider ist es auch nur mit schwarzweiß-Photos (aber durchaus guten) versehen – schade. Recht ausführlich ist es in jedem Fall. Vor allem, was die Ausrüstung, auch für extremere Läufe, angeht. Eingehend berücksichtigt wird etwa der Sonnenschutz, der Einfluss von viel Wind, aber auch das Laufe im Schnee. Und wie in jedem Laufbuch auch ein kurzer Trainingsleitfaden. Nicht fehlen darf beim Trail natürlich die Lauftechnik, wobei die Autoren sich hier etwas zurückhalten und eher allgemeine Ratschläge geben. Das Bergauf- und Bergab-Laufen wird aber ausführlich gewürdigt. Und auch das Fallen: „A fall is an inevitable part of trail running.“ (72) – sehr schön.
Erstaunlich viel steht hier dann auch zum Dehnen und zur Ernährung vor, während und nach dem Lauf.
Und etwas schlägt die amerikanische Perspektive schon durch. Nicht nur bei der Flora und Fauna, sondern z. B. auch beim Umgang des Läufers mit Wegen und der Angst vor Erosion – in „meinen“ Laufrevieren ist das eher weniger ein Problem. Und wenn dann, ein durch die Bewirtschaftung und nicht durch die Läufer veursachtes. Überhaupt bemühen sich die drei Autorinnen sehr um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Wiederholt wird darauf hingewiesen, nichts mitzunehmen (außer Photos) und nichts zu hinterlassen (außer Fußspuren):
Always leave a natural environment as you found it, and minimize your impact. Take only photographs and enjoyable memories of your run. Leave only footpringts. Never litter. Pack it in, pack it out, which means that any materials you bring in should leave with you. (104)
Der schönste Tipp aber:
If you copme across mud puddles, snow patches, or wet spots, carefully run through them, not around them. Also, jump or step over any fallen trees. Running around them can cause trails to widen, increasing soil and vegetation damage. (104)
Insgesamt: sehr durchdacht und überlegt, mit dem klaren Ziel des kontrollierten, risiko-minimierten und Erlebnis-maximierten Trail-Laufs.
Kirsten Poulin, Stan Swartz, Christina Flaxel: Trail Running. From Novice to Master. Foreword by Mark Burnett. Seattle: The Mountaineers Books 2002. 175 Seiten. ISBN 0–89886-840–8.
Ach, wie herrlich kann doch das Laufen sein! Diese Woche hat mal fast alles gepasst und geklappt: Von Montag bis Donnerstag noch strahlender Sonnenschein bei milden herbstlichen Temperaturen, Freitag war es dann allerdings sehr trüb, eine richtige Untergangsstimmung durch die tiefliegenden Wolken. Und der Rhein hatte eine ganz seltsame und seltene Farbe, in Mischung aus Blau und hellem Grün (sonst ist er ja meist eher grau bzw. braun) – doch immerhin kam kaum Wasser von oben. Samstag allerdings durchaus, das war sehr feucht, neblig und immer wieder regnerisch. Und zum ersten Mal auch kalt.
Und vor allem habe ich mal wieder einen ordentlichen Trainingsfortschritt gespürt: Alle Trainings waren besser als die Vorgabe von Vicsystem. Schon die Intervalle am Montag (5x1600m) liefen, trotz eher steifer Beine am Morgen, ausgezeichnet.
Und der Lauf am Mittwoch, wettkampfspezifisches Tempo, war richtig genial: 13,1 km @ 4:22 (statt 12,8 km @ 4:39). Am besten – trotz des mäßigen Wetters, das die Hürde zum Loslaufen ziemlich hoch legte – war aber der lange Lauf am Samstag: Knapp 32 Kilometer im 5:16er Tempo. Der Plan sah 5:21 vor – allerdings auf ebener Strecke. Und was ich von Erbach aus gelaufen bin, war eher selten eben: Über den Buchwaldskopf und Zirkelberg meine Standardstrecke nach Bullau, dort aber kurz vor dem Ort nach Gebhardtshütte abgebogen und auf dem Wanderweg am Krähberg vorbei zum Reußenkreuz. Da hatte ich gut 18 Kilometer hinter mir – und das Tempo stand, obwohl es viel bergauf ging, schon bei 5:26. Das war natürlich schon etwas schnell, eigentlich versuche ich ja bei den langen Läufen ein Crescendo, dass unter diesen Umständen nicht so ganz gut funktioniert. Über den Fahrradweg bin ich dann – auf der anderen Seite des Krähbergs – nach Bullau, übers Bullauer Bild hinunter zum Zirkelberg und mit einer Schleife um den Ruheforst wieder über den Buchwaldskopf zurück – und dann stand das Tempo bei 5:16. Einfach genial. Obwohl es in Bullau sehr unangenehm war – ausgerechnet da, wo ich mal ein Stück übers freie Feld muss (der Rest ist fast vollständig im Wald) fing es richtig unangenehm dicht an zu regnen. Zusammen mit dem Wind war des unangenehm kalt … So richtig freundlich war das Wetter unterwegs nie, begegnet bin ich genau zwei Leuten – einem mit Hund und einem anderen Läufer. Die Höhenmeter sehen beeindruckend aus:
Das lief zwar wunderbar. Aber heute merke ich die Oberschenkel doch ganz schön – Muskelkater hatte ich schon lange nicht mehr … Immerhin hat es aber auch wieder für 16 Kilometer @ 5:26 gereicht – nicht ausgesprochene Erholung, da waren auch schon wieder knapp 300 Höhenmeter drin. Aber mal sehen, wie morgen die 2000er-Intervalle gehen – momentan kann ich’s mir nicht so recht vorstellen …
Tom McNab hat mit „Trans-Amerika“ wahrscheinlich das beste Laufbuch geschrieben. Wobei die Einstufung als „Laufbuch“ etwas schwierig ist, denn McNab hat einfach einen guten historischen Roman geschrieben. Dessen Sujet ist aber (zufällig?) ein Lauf. Und nicht eben irgendein Lauf, sondern der erste Transkontinentallauf der Geschichte, von Charles Flanagan 1931 quer durch die USA. Das Laufen der über 5000 Kilometer langen Strecke an sich ist aber nicht das Zentrum dieses Buches, sondern der soziale Rahmen, der Mikrokosmos des Läufer-Trosses, die sozialen Interaktionen innerhalb dieser eher zufällig zusammengewürfelten Gruppe und ihre Interaktionen mit dem Umfeld, dem Rest der Welt – einzeln und als Gruppe.
Der Trans-Amerika-Lauf, den McNab hier beschreibt (er stützt sich lose auf ein real stattgefundenes Rennen, den Bunion Derby von 1928), ist eine professionelle Veranstaltung, die dem Profit des Unternehmers Charles C. Flanagan dienen soll – über den Umweg der Unterhatlung für die Zuschauer. Das Laufen ist also nicht ein Selbstverwirklichungstrip wie heute so oft. Die Probleme der Organistation und der Läufer sind aber ähnliche wie bei heutigen Unternehmungen diesen Kalibers, wobei die rein läuferische Bewältigung dieser Strecke und die damit verbundenen Probleme zwar vorkommen, aber insgesamt eine nachrangige Stellung einnehmen.
Der Lauf startet mit einem riesigen Starterfeld von über 2000 Läufern, das schnell ausdünnt, dann aber ziemlich stabil bleibt und am Ende in New York noch fast 1000 Läufer umfasst, von denen einig zwischendurch noch an obskuren Leichtathletik-Tunieren teilnehmen, Boxwettkämpfe bestehen oder gegen ein Rennpferd antreten. Immer mit den entsprechenden Wetten. Denn es geht vor allem ums Geldverdienen: Laufen als Geschäft – aber eben als Unterhaltungsgeschäft, für die Zuschauer und als Anlass für Wetten. Die Ausrichtugn war also eine andere als heute, die Perspektive verschob sich. Das alles siedelt McNab in einem genialen Setting an – zur Zeit der Wirtschaftskrise gibt es genug arme Schweine, die das als Strohhalm begreifen und die Gruppe der Läufer entsprechend bunt zusammengewürfelt erscheinen lassen. McNab fokussiert dabei erzählerich auf eine kleine Gruppe an der Spitze: „Doc“ Cole, „Iron Man“ Morgan, Hugh McPhail, Lord Thurleigt – und die einzig Frau, die von Los Angeles bis New York durchhält, Kate Sheridan … Dazu mixt er ein wenig Romanze (zwischen Kate und Morgan, Flanagans Sekretärin Dixie und Hugh). Geschickt setzt er wechselnde Foki zwischen Läufer und Veranstalter, Außen- und Innensicht durch Einbeziehung der begleitenden Reporter und ihrer Veröffentlichungen ein, um gestalterische und inhaltliche Abwechslung zu erzeugen. Das sportliche (oder wirtschaftliche) Ereignis wird noch dazu auch politisch verknüpft – mit Edgar J. Hoover und seinem FBI, dem amerikanischen Präsidenten und den Gewerkschaften und so einigen wirtschaftlichen Intrigen udn Hinterhalten, die Flanagan meistern muss – und mit Hilfe der grandiosen Läufer und ihrer heldenhaften Kameradschaftlichkeit auch bewältigt.
Diese Mischung aus Intrigen und Liebschaften, Sport, auch etwas Doping (in der deutschen Mannschaft, mit Kokain und ähnlichem), die Verbindung von Heldentum und prosaischem Überlebens-„Kampf“, das alles ergibt ein sehr, sehr buntes Tableau menschlicher Fähigkeiten und Handlungen, die McNab geschickt miteinander verknüpft und in die große Rahmenerzählung, den langsam fortschreitenden Lauf quer durch Amerika, einbettet. Das klingt schon hier viel, und es ist auch viel. McNab hat das aber gut im Griff, seine Gestaltung ist sehr abwechslungreich, seine Phantasie ermöglicht ihm lebendige Schilderungen der Szenerie und der Geschehnisse, sein Stil ist halbwegs elegant und flüssig zu lesen (auch wenn einige Härten drin stehenbleibn, die teilweise aber auch nach Übersetzungsproblemen aussehen). Und beim Lesen vergisst man dann gerne, dass das komplett fiktiv ist. Der Roman gibt sich aber auch sehr geschickt (auch mit der „Nachbemerkung“, die die weiteren Karrieren der Hauptfiguren auflistet) den Anschein historischer Realität. Immerhin gab es 1928 ja auch so etwas ähnliches, das „Bunion Derby“, von Charles C. Pyle auf der selben Route ausgerichtet – allerdings mit der realistischeren Zahl von 275 Startern und lediglich 55 Finishern.1
Tom McNab: Trans-Amerika. Berlin: Aufbau Taschenbuch 2010 (Aufbau 2008). 551 Seiten. ISBN 978–3‑7466–2584‑3.
„Running throug the wall“ ist eine Sammlung der Lauf-„Geschichten“ einiger Ultraläufer Amerikas, ihrer besonders prägenden Erlebnisse auf der Langstrecke und teilweise auch ihrer Laufbiographie: „I found out that if you spend enough time running in the woods with an ultrarunner, you will hear a great ultrarunning sory. It’s inevitable.“ (12) begründet der Herausgeber sein Unternehmen. Meistens sind das kurze Texte, wenige Seiten lang und bis auf einige Ausnahmen auch ganz nett und flüssig zu lesen. Die Namen der hier Beteiligten sagen mir (naturgemäß, möchte ich sagen – ich kenne ja noch nicht mal viele deutsche Ultraläufer-Namen) wenig bis gar nichts.
„Running through the wall“ ist dabei von seiner Idee und Konzeption ein typisches Ultra-Buch, könnte man sagen: Geschichten von Läufern zum Anfixen neuer Läufer. Immer getreu der alten Devise: Am meisten lernt man für Ultras von anderen Ultras, von Erfahrungsberichten, von Laufgeschichten, von ersten Malen und besonderen Erlebenissen auf der Strecke, von leichten und schweren Läufen, von absehbaren und erwarteten Problemen. Für mich etwa immer wieder erstaunlich ist, wie viele bei ihren „Wettkämpfen“ schon früh, d.h. nicht erst nach 80 oder 100 Kilometern, Probleme mit Blasen bekommen … Und wie viele Hindernisse, persönliche/psychologische oder körperliche, von den Läufern überwunden werden, für wie viele Laufen und die Ultras mehr als ein Sport, mehr als eine Freizeitbeschäftigung ist, sondern – und das ist vielleicht (aber nur vielleicht) bei amerikanischen Läufern stärker ausgeprägt als bei deutschen – für wie viele mit dem Laufen Heilserwartungen und Heilserlebnisse ganz eng verbunden sind. Das hat mich etwas überrascht.
Natürlich gibt es auch hier einfach verrückte Spinner, etwa die beiden Bezwinger des Barkley-Laufes – ein Lauf, der darauf angelegt ist, nicht laufbar zu sein, zumindest nicht in der vollen Länge – das übersteigt dann doch meinen Horizont: Warum sollte ich einen Lauf beginnen (noch dazu mit mehreren Runden), der explizit und überhaupt nicht gelaufen werden will? Die starke Extremisierung des Laufens hier hängt natürlich auch damit ab, dass das alles (?) Amerikaner sind, die nicht „nur“ 100 Kilometer, sondern gleich 100 Meilen laufen „müssen“ (eine Strecke, die ja in Deutschland auch gerade in Mode kommt – für die ganz Harten …) – das ist schon noch einmal eine andere Hausnummer. Und 50er (egal ob Kilometer oder Meilen) spielen hier nur eine erstaunlich geringe Rolle, sie kommen sozusagen nur als Einstiegsdroge oder Trainingslauf vor. Immer wieder wird genau das auch betont: Die „Härte“ – des Laufes und seiner Bezwinger. Es geht, so scheint es in der Zusammenschau, nicht immer und nicht so sehr um das Laufen oder gar den Genuss dessen, sondern um das Überwinden von Härten, das Über-sich-selbst-Hinausgehen, die besondere, außergewöhnliche Härte (!) der Trails, der Strecke, des Kurses mit einer manchmal durchaus masochistisch erscheinenden Lust an der besonderen Qual der besonders langen Strecke in besonders unwegsamen Gelände … Da wird dann auch auffällig (zumindest für mich) oft der Gebrauch von Medikamenten während des Laufes/Wettkampfes in Kauf genommen.
Wie bei jedem echten Ultraläuferbuch spielen natürlich auch die Mitläufer, die Ultraszene eine gewisse Rolle. Und wie eigentlich immer ist es auch hier die Freundlichkeit der „Ultragemeinde“, die immer wieder betont wird: Wettkampf, auch Konkurrenz ja, aber mit Lächeln und gegenseitiger Unterstützung (zumindest ein bisschen, so lange es nicht um den Sieg geht …).
Letztendlich war mir das als Buch aber ein wenig zu viel: Die Reihung von 39 Texten zeigt, wie sehr sich viele Läuferbiographien ähneln können – und das Erleben der 100-Meiler auch (einem guten Start folgen Schmerz und Müdigkeit, die Gedanken ans Aufgeben, die vom Willen zum Durchhalten überwunden werden und schließlich das Finish als Antiklimax …) – wie gleich das Erlebnis (Ultra-)Laufen für die allermeisten Beteiligten sich darstellt. Gefehlt haben mir im Buch vor allem ein paar mehr Informationen über die Läufe selbst – die kenne ich ja alle nicht persönlich (von einigen hatte ich immerhin schon mal gehört), so dass ein paar Basisinformationen mir da durchaus weiter geholfen hätten. Und den Amerikanern sicherlich auch, schließlich soll das ja ein Buch sein, dass sich nicht ausschließlich an Ultraläufer richtet.
Und jetzt zum Schluss noch ein paar fast willkürliche Zitate, die ich oben nicht untergebracht habe:
„ ‚What do you do with your mind when you’re running a hundred mile?‘ Without hesitation, I replied, ‚Ignore it.‘ “ (20)
„So many times you want to give up, but you cannot. That’s what ultrarunning is all about. That’s what life is all about.“ (131)
„Ultras are more of a competition between me, myself, the course, and the distance. Ultrarunning pits my mind against my body.“ (167)
„I think ultrarunners must have a very poor memory or no one would ever do antoher race. You tend to forget the pain and misery and only remember the thrill of accomplishment.“ (195) – das stimmt freilich: „Schmerz vergeht, Stolz bleibt“ heißt es in Deutschland.
Neal Jamison (Hrsg.): Running Through the Wall: Personal Encounters with the Ultramarathon. Halcottsville, NY: Breakaway Books 2003. 288 Seiten. ISBN 978–1‑89136937–7 (inzwischen schon in der 10. Auflage).
Die ersten 120 Seiten dieses Büchleins sind, ehrlich gesagt, ziemlicher Müll. Nicht nur orthographisch und grammatisch eine Katastrophe, sondern auch inhaltlich völlig unausgegorenes, undurchdachtes Gelaber.
Schlimm aufgestoßen sind mir vor allem die kruden Vorstellungen des Autors zum Zusammenhang von Laufen und Gesellschaft – immerhin legt er Wert darauf, als promovierter Politikwissenschaftler anerkannt zu werden. Und dann schreibt er ständig von den bösen „Laufgurus“, die die arme Bevölkerung verführen. Und von einem „man“, dass alle Menschen zum Laufen animieren will (und, das ist besonders köstlich, dann extreme Projekte wie Pammingers Griechenland-Läufe nicht monetär bezuschussen will – sehr seltsames Gesellschaftsverständnis, das da durchscheint …). Mit der Tatsache, dass Laufen zum „Massensport“ geworden ist, scheint er aber sowieso ein Problem zu haben. Nicht nur hier betont er ja auch gerne, wie individuell er (im Gegensatz zu den anderen Herdentieren) sei. Nun ja … Oder sein seltsames Geschwurbel zum Verhältnis von Laufen und Religion – einerseits legt er wiederholt Wert auf seinen Status als gläubigen Atheisten, andererseits schreibt er immer wieder von der Ehrfurch vorm Schöpfer und solchem formelhaften Gesülze.
Und was schreibt er zum Laufen? Der erste Teil ist, wie gesagt, reichlich krude. Evolutionär sei Laufen zum Beispiel als Fluchtreflex bestimmt – Biologen (Heinrich z.B.) sehen den Menschen in seiner Frühgeschichte eher als jagenden denn fliehenden Läufer.
Daneben nervte mich vor allem: Die ständige Betonung und Hervorhebung, wie besonders sein Projekt doch sei. Das mag ja sein (und ist es auch), mich stört so etwas aber einfach trotzdem immer sehr. Im zweiten Teil wird es nicht wirklich besser. Die Laufberichte sind erstaunlich undetailiert und gleichförmig, aber auch ausreichend prätentiös. Kurz gesagt: Das Laufen kommt mir einfach zu kurz. Anekdoten über die bösen, verschlagnen griechischen Portiers, die sein Team über die Ohren hauen wollen, sind für mich auch nicht wirklich spannend. Also, alles in allem, ein für mich ausgesprochen unlustiges Buch.
Harald Pamminger, Alfred Obermayr: Oxi nein oder Wie ich zum ‚Kreta-Läufer‘ wurde. Das etwas andere Laufbuch. Wien: Books on Demand 2002. 327 Seiten. ISBN 3–8311-432–1.
Der Untertitel sagt alles: „Medizinische Tips zur biologischen Leistungsverbesserung“. Im Kern geht es hier also um alles, was beim Laufen beteiligt ist: Knochen, Bänder, Muskeln, von den Zehen bis zur Wirbelsäule. Das alles wird – medizinisch – vorgstellt und erläutert in Teil II: „Anatomie und Biomechanik des Laufens“. Teil III behandelt dann „Fehler“ in diesem System unter der Überschrift „Leistungslimitierende biologische Gegebenheiten“ – solche Dinge wie Fußfehlstellungen, verküzrte Muskeln etc. werden hier abgehandelt. Teil IV ist dann noch interessanter für den aktiven Läufer: „Häufigste Überlastungsprobleme mit Checkliste zur Selbsterkenntnis“. Teil V schließlich behandelt im letzten Drittel die eigentliche Leistungsoptimierung – das reicht von den Laufschuhen über die Thermoregulation (sehr ausführlich) bis hin zur „Trainingssteuerung nach biologischm Parameter“, die dann erstaunlich knapp ausfällt. Überhaupt ist dieses Buch nicht nur stark auf so etwas wie „Selbstbehandlung“ oder „Selbsterfahrung“ des Körpers ausgelegt, sondern vor allem sehr knapp und übersichtlich – eher zum Nachschlagen als zum Lesen. Und eher für den medizinisch-technischen Teil des Laufens zu gebrauchen als für eine wirkliche Trainingssteuerung – das bleibt sehr obeflächlich und allgemein. Für Besitzer der „Lore of Running“ kein unbedingt notwendiges Buch …
Božo Petracić, Franz Joachim Röttgermann, Kurt-Christian Traenckner: Optimiertes Laufen. Medizinische Tips zur biologischen Leistungsverbesserung. 3. Auflage. Aachen: Meyer und Meyer 2000. 139 Seiten. ISBN 3–89124-390–1.
Ich war am Samstag mal wieder laufen (natürlich): 2:34:52 war ich unterwegs – geregnet hat es davon ziemlich genau die ersten 2,5 Stunden. Nicht immer sehr stark, mit sehr wechselnden Intensitäten. Aber aufgehört hat es erst, als ich kurz vor Schluss wieder (zum letzen Mal für diesen Lauf) aus dem Wald auftauche. Deswegen war der Dauerregen aber auch gar nicht so schlimm: Im Wald verteilt sich das irgendwie viel mehr, es prasselt nicht so sehr direkt auf meinen geschundenen Körper. Dafür hnterlässt er einen entsprechenden Laufuntergrund. Und der hinterlässt Spuren – schon schnell merkte ich, dass es dieses Mal richtig dreckig werden würde. Und in der Tat, so verschlammt war ich selten. Die Fotos vermitteln das nur ungenügend: Die Strümpfe waren nicht mehr weiß, sondern auf der Vorderseite mit rötlich-braunem Matschwasser mehrfach durchtränkt. Auf manchen Abschnitte spritzte mir das Wasser (bevorzugt aus den Löchern der Pferdehufe) bis an die Brust. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass ich erstens sowieso ziemlich flott (zumindest für meinen momentanen Trainingsstand) unterwegs war und zweitens, nachdem die Lage klar war, ohne Rücksicht durch alle Schlammlöcher, Pfützen und Matschfelder durchgebrettert bin. So schnell, dass der Forerunner auf den teilweise auch mir neuen Wegen nicht immer mitkam – bei dichtem Regen und dichtem Wald an den Hängen des Odenwalds häufen sich die Aussetzer. Deswegen hatte der Garmin nur 30 Kilometer, Sporttracks nach erneuter Berechnung aber immerhin 30,76 Kilometer aufgezeichnet. Natürlich traue ich Sporttracks mehr 😉 – das so ermittelte Tempo stimmt aber auch eher mit meinem Gefühl überein.
„Nichts ist so edel, tief und irrational wie unser Laufen – und nichts so wild und urtümlich.“ (24)
So schreibt es Bernd Heinrich, (Ultra-)Marathoni und Biologe. Er hat eines der besten Bücher über seine beiden Leidenschaften geschrieben: Die Naturwelt und das Laufen. So heißt es auch: „Laufen. Geschichte einer Leidenschaft“. Und der Untertitel trifft es sehr genau: Denn um Leidenschaften geht es hier. Nicht nur um das Laufen als Sport, als Fortbewegungsform oder als Wettkampf, sondern auch um Biologie und ihre Läufer, die Käfer zum Beispiel, oder auch andere Ausdauer-Tiere wie die Zugvögel. Denn Heinrich ist nicht nur Marathon- und Ultraläufer erster Klasse (Anfang der 80er lief er US-Rekorde über 100 Kilometer (in 6:38:21) und im 24-Stunden-Lauf z.B., hat auch einige gute Marathon-Zeiten deutlich unter 2:30 erlaufen), sondern auch Biologe – offenbar genauso mit Leib und Seele, wie er das Laufen verfolgt …
Der biologisch gebildete und geschulte Hintergrund diese Läufers macht sich also bemerkbar. Und zwar auf sehr angenehme Weise. Schon die erste Schilderung eines Morgenlaufes ist phantastisch (wahrhaftig!) – nicht nur, was er alles sieht – das ist offenbar Montage vieler, jahrelanger Läufe – sondern auch die Genauigkeit nicht nur des Erkennes & Beobachtens, sondern auch des Kennens und Benennens – da merkt man den Naturwissenschaftler sehr deutlich … Aber das ist trotzdem (oder gerade deswegen) so anschaulich beschrieben, dass man den Läufer und seine Umgebung wirklich vor sich sieht. Und am liebsten sofort aufbrechen möchte, genau so zu laufen – aber draußen regnet es gerade, also lieber noch etwas weiter lesen.
Ich fühle mich gut und spüre, wie mir frische Kräfte erwachsen durch die Erwartung der Dinge, die hinter der nächsten Biegung meiner harren, durch die Erinnerung an frühere Läufe und gelegentlich auch durch die Vorfreude auf ein Wettrennen in der Zukunft. (18)
Heinrich verquickt hier sehr schön seine persönliche Laufbiographie bis zu ihrem Höhepunkt, den US-Meisterschaften im 100-Kilometer-Lauf in Chicago 1981 mit biologischen/physiologischen Beobachtungen und Erkenntnissen zum Ausdauersport. Davon, von dem Wettkampf und seinen Vorbereitungen, ausgehend blickt er zurück bis in seine frühe Kindheit in Deutschland und Amerika, seine frühe Begeisterung für das Laufen draußen in der Natur und sogleich auch die Beobachtung dieser Natur, seine verschiedenen Ansätze, Laufen als Sport zu betreiben. Und dazwischen und mittendrin ganz viel (für mich) Spannendes und Interessantes aus der Tierwelt – über Zugvögel, Insekten, Hominiden, Gabelböcke und Ziegen oder Geparden gleichermaßen. Immer unter dem Aspekt: Wie schaffen es diese Arten, ihre besonderen Fähigkeiten hinsichtlich der Fortbewegung so zu erbringen, welche Voraussetzungen bildeten sie im Laufe der Evolution für große Ausdauer- oder kurze Hochgeschwindigkeitsleistungen aus. Und Heinrich, der bei Insekten auch auf diesem Gebiet als Biologe geforscht hat, versucht dann, dieses Wissen auf den menschlichen Läufer zu übertragen, zum Beispiel seine Energieversorgung vor und während des Ultralaufes nach diesen Erkenntnissen zu gestalten (er benutzte dann bei seinem 100er ausschließlich Preiselbeersaft …). Und als Nebenprodukt fällt ein schöner Vergleich der beiden Muskelfasertypen ab:
Ein anaerober FT-Muskel [Fast Twichting] braucht keine Vorkerhungen für eine rasche Versorgung mit Sauerstoff oder Brennstoff, für den Abtransport von Abfallstoffen und für Temperaturregulierung. Er ist wie ein Rennauto, das dafür gebaut ist, sehr schnell über die Strecke zu jagen, und daher ganz anders aussieht als ein Wohnmobil, das man für eine Wüstendurchquerung hergerichtet hat. (89)
Heinrich selbst hat das Laufen wohl, so schildert er es, sein ganzes Leben mit Lust betrieben – als Kind in Deutschland genauso wie im Internat in Amerika, wo er dann auch zum Cross-Läufer wird. Auch am College landet er bei den Läufern, trotz verschiedener Verletzungen. Und später wird er dann fast nebenbei zum Marathoni mit einer Zeit von 2:25.
Ab dem 15. Kapitel geht es dann auf die Zielgerade: Der 100er von Chicago rückt jetzt endgültig in den Fokus: Das Training, die Vorbereitung, die Ernährung und der eigentliche Lauf als Schlusssprint werden vergleichsweise knapp dargestellt. Sehr sympathisch aber auch die dezidierte Anti-Helden-Haltung Heinrichs, der seine Leistung nicht großartig herausstellt, sondern auch die Ziele anderer Läufer immer wieder betont. Ganz wesentlich ist aber auch: Laufen ist immer ein Freude, eine Leidenschaft, ein Genuss – auch wenn es mal wehtut, die Belohnung durch und im Erleben der Erfahrungen des Laufens und des Läufers wiegen den Schmerz mit Leichtigkeit wieder auf.
Insgesamt also: Ganz klar eines der schönsten Bücher über das Laufen, das ich kenne. Wahrscheinlich, weil das eigentliche Laufen an sich (des Menschen) gar nicht so sehr im Vordergrund steht. Sondern eher die Begeisterung für die laufende Fortbewegung. Oder, noch allgemeiner, die Begeisterung über ausdauernde Entfernungsüberbrückungen, egal wie oder durch wen – so lange es mit eigener Körperkraft und ohne technische Hilfsmittel geschieht. Noch dazu ein kluges, sympathisches, überhaupt nicht angeberisches Buch. Absolute Leseempfehlung!
Bernd Heinrich: Laufen. Geschichte einer Leidenschaft. München: List Taschenbuch 2005. 349 Seiten. ISBN 978–3‑548–60564‑7.