Täglich laufen

Übers Laufen und was sonst so draußen passiert.

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Zermürbungslauf erster Güte

Heu­te war’s nur was für die Har­ten: Am Anfang war es nur kalt, so ca. 3 °C. Schon auf der Theo­dor-Heuss-Brü­cke ahn­te mir, was kom­men wür­de: Die Wol­ken­de­cke hing tief und wur­de tief­schwarz, das Licht immer spär­li­cher und gel­ber. Und dann ging es los: Schöns­ter Schnee-Hagel fiel vom Him­mel, in Mas­sen und Mas­sen. Das hüpf­te gera­de so von mir weg, eine rei­ne Freu­de. Nach zehn Minu­ten war es aber nicht mehr so lus­tig. Der Wind drück­te, der mat­schi­ge Schnee-Was­ser-Eis-Kram hing mir im Gesicht und in den Haa­ren. Aber nix da, immer wei­ter, nur wei­ter. Viel­leicht wird’s ja noch bes­ser … Viel geän­dert hat sich aber nicht. In Kost­heim don­ner­te es so laut und lang, das ich vor Schreck fast in die Hecke gehüpft wäre. Ab der Main­brü­cke waren Stra­ßen und Wege weiß – ein schö­ner Matsch, dafür hat­te ich nicht ganz die rich­ti­ge Gum­mi­mi­schung an den Soh­len. Und ab der Eisen­bahn­brü­cke Mainz-Süd wur­de es reg­ne­ri­scher Schnee. Eigent­lich woll­te ich ja die Auto­bahn­run­de lau­fen, aber dafür war’s mir zu unge­müt­lich auf Dau­er – also bin dich auf die Drei­brü­cken­run­de geschwenkt. Auf der Main­zer Sei­te, ab dem Win­ter­ha­fen, wur­de es dann wie­der rich­ti­ger Schnee: Super weich, mit rie­si­gen Flo­cken – das macht die Kla­mot­ten so rich­tig schön nass. Aber jetzt war ich ja schon im End­spurt. So ziem­lich reich­te es mir auch gera­de – ohne Kap­pe war das wirk­clih kein Spaß heu­te. Aber so ist das halt beim täg­li­chen Lau­fen …

Ein schöner Sommerlauf – im November

So warm war’s wohl noch nie beim Arque-Lauf wie in die­sem Jahr. Am Ziel in Mainz, bei herr­li­chem Son­nen­schein, stand das Ther­mo­me­ter auf 20 °C. Und so spät­som­mer­lich war auch der gan­ze Lauf … Arque steht für Arbeits­ge­mein­schaft für Quer­schnitt­ge­lähm­te mit Spi­na bifi­da/Rhein-Main-Nahe e.V., die die Spen­den aus die­sem Lauf bekommt. Das Start­geld ist aber trotz­dem nicht beson­ders üppig: 27 Euro habe ich bezahlt, inkl. T‑Shirt und Trans­fer­mög­lich­kei­ten zum Start oder nach dem Ziel zurück.

Den Arque-Lauf mit­zu­ma­chen bedeu­tet immer, früh auf­zu­ste­hen: Der Trans­fer­bus vom Main­zer Fisch­tor zum Start in Kelk­heim fährt um 7:15 Uhr. Also quäl­te ich mich um 6:30 Uhr aus dem Bett, mach­te mich fer­tig und nahm den kur­zen Fuß­marsch in Angriff. Am Fisch­tor stand schon ein klei­nes Häuf­lein lauf­ge­recht geklei­de­ter Men­schen, natür­lich mal wie­der vor­wie­gend Män­ner her­um – so arg vie­le waren es in die­sem Jahr aber nicht, offen­bar tat­säch­lich so weni­ge wie seit 1999 nicht mehr. Der ers­te Bus kam auch um 7:15 und brach­te uns pro­blem­los nach Kelk­heim – eine Bus­fahrt mit Son­nen­auf­gang am Hori­zont, auf der ich noch schnell zwei Bana­nen ver­drückt und ein biss­chen Was­ser getankt habe – fast zu viel offen­bar, nach den ers­ten Kilo­me­ter muss­te ich näm­lich noch mal in die Büsche.

Die Anmel­dung und die vor-dem-Lau­fen-Toi­let­te lief wie immer pro­blem­los. Klar, bei den Toi­let­ten (an die­sem Sport­platz gibt es nur zwei) war immer eine Schlan­ge, aber das gehört eben dazu. Und da das gan­ze ja ein Spen­den­lauf ist, kann man auch mal ein Auge zudrü­cken und auf zusätz­li­che Dixies ver­zich­ten. Es gibt ja auch noch den Wald direkt hin­ter dem Park­platz. Völ­lig über­ra­schend habe ich auch noch einen Stu­di­en­kol­le­gen getrof­fen, von dem ich gar nicht wuss­te, dass er auch läuft. So ver­ging die letz­te hal­be Stun­de bis zum Start im Flug.

Der Start geschieht schön der Rei­he nach: Fahr­rad­grup­pen (zum zwei­ten Mal gibt es auch eine geführ­te Rad­tour, was gar nicht so weni­ge mit­mach­ten) und um kurz nach 9 waren wir als die ers­te Lauf­grup­pe an der Rei­he – auch wenn wir Grup­pe B mit 5:00 min/km waren: Die Grup­pe A ist seit letz­tem Jahr man­gels Mas­se gestri­chen. Voll war es bei uns aber auch nicht: Die fünf Pace­ma­ker beglei­te­ten noch nicht ein­mal 30 Läu­fer (immer­hin, eine Läu­fe­rin war auch dabei). Ein paar davon blie­ben beim ers­ten Ver­pfle­gungs­punkt zurück, um mit der nächst­lang­sa­me­ren Grup­pe wei­ter­zu­lau­fen. Also ging es jetzt erst mal los, ganz offi­zi­ell mit Start­schuss – obwohl es ja gar kei­ne Zeit­mes­sung gibt, der Arque-Lauf ist ja kein Wett­kampf, son­dern ein Grup­pen­lauf. Und mit gro­ßer Beglei­tung: Ein Poli­zei-PKW und ein Poli­zei­mo­to­rad mach­ten uns vor­ne den Weg frei, nach hin­ten sicher­te ein Ret­tungs­wa­gen. Das ist schon ein gewis­ser Luxus beim Lau­fen 😉

Die Stre­cke star­tet durch Kelk­heim, nach 1,8 Kilo­me­ter tra­fen wir die ganz weni­gen Läu­fer der B‑Gruppe des zwei­ten Par­al­lel­star­tes – wun­der­bar, wie das immer so toll klappt … Und dann kam auch schon bald der ers­te – und eigent­lich auch ein­zi­ge – deut­li­che Anstieg: Aus Kelk­heim hin­aus in die Wäl­der des Tau­nus, auf die Hohe Schnei­se – immer schön mit Poli­zei-Eskor­te und zwei­ma­li­ger Musik-Para­de. Den Jager­tee habe ich aber lie­ber ste­hen gelas­sen. So ein ent­spann­ter Lauf durch den son­ni­gen Novem­ber­mor­gen ist doch ein­fach etwas wun­der­schö­nen. Im Wald war der Boden von den Regen­fäl­len der letz­ten Tage zwar stel­len­wei­se sehr weich, aber immer noch sehr gut zu lau­fen. Das Tem­po – mei­ne letz­ten bei­den Arque-Läu­fe bin ich in lang­sa­me­ren Grup­pen gelau­fen – war ziem­lich ordent­lich und schon bemerk­bar – viel schnel­ler hät­te ich, das war mir bald klar, nicht so gut durch­ge­hal­ten. In Hof­heim wur­den wir aber auch erst ein­mal etwas abge­bremst, der Schnitt lag da schon deut­lich unter den anvi­sier­ten 5:00 min/km.

Und dann kam auch schon bald die ers­te Ver­pfle­gung, bei Kilo­me­ter 12,5, am Orts­aus­gang von Marx­heim. Als wir anka­men, waren die Rad­fah­rer der Grup­pe Pic­co­lis­si­mo (die auch nur von Kelk­heim nach Mainz radel­ten) ncoh beim Pau­sie­ren – die haben wir aber schnell weg­ge­scheucht. Nach dem ers­ten Auf­tan­ken hier (pas­sen­der­wei­se an einer Tank­stel­le) geht es danach ein Stück auf der Bun­des­stra­ße wei­ter – herr­lich, so mit­ten auf der Stra­ße lau­fen zu dür­fen, durch Flörs­heim-Weil­bach und Bad Weil­bach kamen wir dann auch schon in die Wein­ber­ge, wo der Wind doch recht deut­lich weh­te und man einen herr­li­chem Blick über die nicht so herr­li­che, sehr gut zuge­bau­te Land­schaft genie­ßen kann. Mehr als die Hälf­te war schon geschafft, der Forerun­ner zeig­te bereits über 20 Kilo­me­ter an.

Und zack, da war tat­säch­lich auch schon die zwei­te Ver­pfle­gungs­stel­le, wie immer mit­ten in der Pam­pa bei Kilo­me­ter 20,5. Das Ver­pfle­gen ging mit so einer klei­nen, auch sehr homo­gen lau­fen­den Grup­pe immer sehr züig, so dass wir uns recht bald wei­ter auf den Weg mach­ten konn­ten. Und zwar jetzt auch schon deut­lich in Rich­tung Main, den wir kurz vor Hoch­heim erreich­ten. Noch lief es ziem­lich geschmei­dig und pro­blem­los – erstaun­li­cher­wei­se, möch­te ich fast sagen … Das blieb auch so bis zum aller­letz­ten Stück. Nach der letz­ten Ver­pfle­gung in Hoch­heim, bei Kilo­me­ter 25,8, fiel das Anlau­fen schon deut­lich schwe­rer. Und jetzt mach­te sich das – im Ver­gleich zu mei­nen sons­ti­gen lan­gen Läu­fen – etwas höhe­re Tem­po auch bemerk­bar. So lang­sam wur­de ich nach hin­ten durch­ge­reicht (ging ja schnell bei der klei­nen Grup­pe), konn­te aber immer­hin noch mit­hal­ten. Aber schwer wur­den die letz­ten 4,5 Kilo­me­ter schon. Da ist ja dann auch noch die Theo­dor-Heuss-Brü­cke drin – eigent­lich ein Klacks, die­ser Anstieg, nach über 30 Kilo­me­tern macht er sich aber schon bemerk­bar. Immer­hin blieb unse­re Grup­pe gut zusam­men, die Pace­ma­ker ach­te­ten dar­auf, dass der Schluss­sprint so ver­hal­ten aus­fiel, das auch wir am Ende noch mit­hal­ten konn­ten. Und dann waren wir auch schon wie­der auf dem Dom­platz – mit kräf­ti­gen Rufen, die die Main­zer eher ver­stör­ten: „Erbar­me, zu spät, die Hesss kum­me!“. Aus­nahms­wei­se war das Ver­pfle­gen hin­ter dem Ziel danach rich­tig ange­nehm: Bei der Wär­me, bei dem strah­len­den Son­nen­schein konn­te man sich gemüt­lich hin­set­zen, sei­ne 5‑Mi­nu­ten-Ter­ri­ne löf­feln und das alko­hol­freie Wei­zen tat­säch­lich mal genie­ßen. Gewun­dert habe ich mal wie­der, was so man­che zum Lau­fen anzie­hen. Gut, es muss ja nicht jeder so leicht beklei­det lau­fen wie ich. Aber bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren mit lan­ger & kur­zer Hose, lan­gem & kur­zem Shirt, dicker Müt­ze und Hand­schu­hen zu lau­fen – das wäre defi­ni­tiv nichts für mich. Und was machen so Leu­te denn im Win­ter, wenn es 20 ° unter Null statt über Null hat?

Und das war’s dann auch schon wie­der, mit dem Arque-Lauf. Aber nächs­tes Jahr kommt ja wie­der ein Novem­ber. Die­ses Mal war es eine sehr schö­ne Grup­pe, bei der ich mit­lief, sehr gschlos­sen – die vor­ne mach­ten nicht zuviel Druck, hin­ten kamen fast alle gut mit.Nur ab der Mit­te hat­te sich noch jemand ein­fach so dazu­ge­sellt, der dann das gan­ze Feld mit sei­nen läu­fe­ri­schen Groß­ta­ten unter­hielt – das kann ich ja nie so gut lei­den, wenn jemand nicht nur mit sei­nen Neben­leu­ten spricht, son­dern alles so laut ver­kün­det, das es ja jeder mit­be­kommt. Aber das gehört halt auch dazu ;-). Auch mei­ne Schu­he, die Mizu­no Wave Pre­cis­i­on haben mich brav bis ins Ziel getra­gen. Zwar waren sie etwas unge­wohnt auf der lan­gen Stre­cke, denn sie for­dern den Fuß etwas mehr als die Wave Inspi­re oder gar der Wave Nexus, aber das blieb so weit im Rah­men, das es nicht wei­ter stör­te.

Mein Forerun­ner sagt, dass die Stre­cke 34,5(7) Kilo­me­ter lang war (und damit ein biss­chen län­ger als die offi­zi­el­len 33,74. Gebraucht haben wir (ohne die Pau­sen, also rei­ne Lauf­zeit) 2:52:05. Das ergibt ein Tem­po von 4:59 – bes­ser geht es ja kaum ;-). Hier, bei Run­Sa­tur­day, lässt sich die Stre­cke, das Höhen­pro­fil etc. anschau­en: Klick. Einen ers­ten Lauf­be­richt gibt es schon hier beim Lauf­ti­cker.

Poulin/Swartz/Flaxel: Trail Running. From Novice to Master

Einen viel­ver­spre­chen­den Titel trägt das Buch von Kirs­ten Poulin, Stan Swartz und Chris­ti­na Flaxel: From Novice to Mas­ter. Wenn das auf den 175 Sei­ten gelingt, wäre das ja schon viel … Natür­lich ist es nicht ganz so ein­fach, Lau­fen muss man eben immer auch trai­nie­ren, unab­hän­gig vom Unter­grund und der Umge­bung. Das ver­schweigt das Autoren­trio (immer­hin zwei Frau­en!) auch nie. Denn die­ses ame­ri­ka­ni­sche „Lehr­buch“ ist sehr gewis­sen­haft und gründ­lich. Der Rund­um­schlag ums Trail­run­ning umfasst hier:

  • Intro­duc­tion to Trail Run­ning
  • Plan­ning a Run
  • Trai­ning, Con­di­tio­ning, and Pre­pa­ra­ti­on
  • Reco­very
  • Envi­ron­men­tal Fac­tors, Navi­ga­ti­on, and Safe­ty
  • Inju­ry Pre­ven­ti­on and Tre­at­ment
  • Bri­ning it tot the Next Level: Ultrarun­ning

Dies­ser Blick ins Inhalts­ver­zeich­nis zeigt, den­ke ich, auch sehr gut die Aus­rich­tung die­ses Buches. Hier geht es nicht um tol­le Läu­fe, um Lauf­erleb­nis­se oder Wett­kampf­erfah­run­gen. Son­dern, wenn man so will, um die Basics, die das alles erst über­haupt mög­lich machen.

Lei­der war das Buch wohl etwas zu früh für den momen­ta­nen Trail-Boom. Und lei­der, lei­der ist es auch nur mit schwarz­weiß-Pho­tos (aber durch­aus guten) ver­se­hen – scha­de. Recht aus­führ­lich ist es in jedem Fall. Vor allem, was die Aus­rüs­tung, auch für extre­me­re Läu­fe, angeht. Ein­ge­hend berück­sich­tigt wird etwa der Son­nen­schutz, der Ein­fluss von viel Wind, aber auch das Lau­fe im Schnee. Und wie in jedem Lauf­buch auch ein kur­zer Trai­nings­leit­fa­den. Nicht feh­len darf beim Trail natür­lich die Lauf­tech­nik, wobei die Autoren sich hier etwas zurück­hal­ten und eher all­ge­mei­ne Rat­schlä­ge geben. Das Berg­auf- und Berg­ab-Lau­fen wird aber aus­führ­lich gewür­digt. Und auch das Fal­len: „A fall is an ine­vi­ta­ble part of trail run­ning.“ (72) – sehr schön.
Erstaun­lich viel steht hier dann auch zum Deh­nen und zur Ernäh­rung vor, wäh­rend und nach dem Lauf.

Und etwas schlägt die ame­ri­ka­ni­sche Per­spek­ti­ve schon durch. Nicht nur bei der Flo­ra und Fau­na, son­dern z. B. auch beim Umgang des Läu­fers mit Wegen und der Angst vor Ero­si­on – in „mei­nen“ Lauf­re­vie­ren ist das eher weni­ger ein Pro­blem. Und wenn dann, ein durch die Bewirt­schaf­tung und nicht durch die Läu­fer veur­sach­tes. Über­haupt bemü­hen sich die drei Autorin­nen sehr um einen ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit der Natur. Wie­der­holt wird dar­auf hin­ge­wie­sen, nichts mit­zu­neh­men (außer Pho­tos) und nichts zu hin­ter­las­sen (außer Fuß­spu­ren):

Always lea­ve a natu­ral envi­ron­ment as you found it, and mini­mi­ze your impact. Take only pho­to­graphs and enjoya­ble memo­ries of your run. Lea­ve only footpring­ts. Never lit­ter. Pack it in, pack it out, which means that any mate­ri­als you bring in should lea­ve with you. (104)

Der schöns­te Tipp aber:

If you cop­me across mud pudd­les, snow patches, or wet spots, careful­ly run through them, not around them. Also, jump or step over any fal­len trees. Run­ning around them can cau­se trails to widen, incre­asing soil and vege­ta­ti­on dama­ge. (104)

Ins­ge­samt: sehr durch­dacht und über­legt, mit dem kla­ren Ziel des kon­trol­lier­ten, risi­ko-mini­mier­ten und Erleb­nis-maxi­mier­ten Trail-Laufs.

Kirs­ten Poulin, Stan Swartz, Chris­ti­na Flaxel: Trail Run­ning. From Novice to Mas­ter. Fore­word by Mark Bur­nett. Seat­tle: The Moun­tai­neers Books 2002. 175 Sei­ten. ISBN 0–89886-840–8.

Laufwoche #41

Ach, wie herr­lich kann doch das Lau­fen sein! Die­se Woche hat mal fast alles gepasst und geklappt: Von Mon­tag bis Don­ners­tag noch strah­len­der Son­nen­schein bei mil­den herbst­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren, Frei­tag war es dann aller­dings sehr trüb, eine rich­ti­ge Unter­gangs­stim­mung durch die tief­lie­gen­den Wol­ken. Und der Rhein hat­te eine ganz selt­sa­me und sel­te­ne Far­be, in Mischung aus Blau und hel­lem Grün (sonst ist er ja meist eher grau bzw. braun) – doch immer­hin kam kaum Was­ser von oben. Sams­tag aller­dings durch­aus, das war sehr feucht, neb­lig und immer wie­der reg­ne­risch. Und zum ers­ten Mal auch kalt.

Und vor allem habe ich mal wie­der einen ordent­li­chen Trai­nings­fort­schritt gespürt: Alle Trai­nings waren bes­ser als die Vor­ga­be von Vic­sys­tem. Schon die Inter­val­le am Mon­tag (5x1600m) lie­fen, trotz eher stei­fer Bei­ne am Mor­gen, aus­ge­zeich­net.
Und der Lauf am Mitt­woch, wett­kampf­spe­zi­fi­sches Tem­po, war rich­tig geni­al: 13,1 km @ 4:22 (statt 12,8 km @ 4:39). Am bes­ten – trotz des mäßi­gen Wet­ters, das die Hür­de zum Los­lau­fen ziem­lich hoch leg­te – war aber der lan­ge Lauf am Sams­tag: Knapp 32 Kilo­me­ter im 5:16er Tem­po. Der Plan sah 5:21 vor – aller­dings auf ebe­ner Stre­cke. Und was ich von Erbach aus gelau­fen bin, war eher sel­ten eben: Über den Buch­wald­s­kopf und Zir­kel­berg mei­ne Stan­dard­stre­cke nach Bull­au, dort aber kurz vor dem Ort nach Geb­hardtshüt­te abge­bo­gen und auf dem Wan­der­weg am Kräh­berg vor­bei zum Reu­ßen­kreuz. Da hat­te ich gut 18 Kilo­me­ter hin­ter mir – und das Tem­po stand, obwohl es viel berg­auf ging, schon bei 5:26. Das war natür­lich schon etwas schnell, eigent­lich ver­su­che ich ja bei den lan­gen Läu­fen ein Cre­scen­do, dass unter die­sen Umstän­den nicht so ganz gut funk­tio­niert. Über den Fahr­rad­weg bin ich dann – auf der ande­ren Sei­te des Kräh­bergs – nach Bull­au, übers Bullau­er Bild hin­un­ter zum Zir­kel­berg und mit einer Schlei­fe um den Ruhe­forst wie­der über den Buch­wald­s­kopf zurück – und dann stand das Tem­po bei 5:16. Ein­fach geni­al. Obwohl es in Bull­au sehr unan­ge­nehm war – aus­ge­rech­net da, wo ich mal ein Stück übers freie Feld muss (der Rest ist fast voll­stän­dig im Wald) fing es rich­tig unan­ge­nehm dicht an zu reg­nen. Zusam­men mit dem Wind war des unan­ge­nehm kalt … So rich­tig freund­lich war das Wet­ter unter­wegs nie, begeg­net bin ich genau zwei Leu­ten – einem mit Hund und einem ande­ren Läu­fer. Die Höhen­me­ter sehen beein­dru­ckend aus:

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Das lief zwar wun­der­bar. Aber heu­te mer­ke ich die Ober­schen­kel doch ganz schön – Mus­kel­ka­ter hat­te ich schon lan­ge nicht mehr … Immer­hin hat es aber auch wie­der für 16 Kilo­me­ter @ 5:26 gereicht – nicht aus­ge­spro­che­ne Erho­lung, da waren auch schon wie­der knapp 300 Höhen­me­ter drin. Aber mal sehen, wie mor­gen die 2000er-Inter­val­le gehen – momen­tan kann ich’s mir nicht so recht vor­stel­len …

Zu Fuß quer durch Amerika

Tom McN­ab hat mit „Trans-Ame­ri­ka“ wahr­schein­lich das bes­te Lauf­buch geschrie­ben. Wobei die Ein­stu­fung als „Lauf­buch“ etwas schwie­rig ist, denn McN­ab hat ein­fach einen guten his­to­ri­schen Roman geschrie­ben. Des­sen Sujet ist aber (zufäl­lig?) ein Lauf. Und nicht eben irgend­ein Lauf, son­dern der ers­te Trans­kon­ti­nen­tall­auf der Geschich­te, von Charles Fla­na­gan 1931 quer durch die USA. Das Lau­fen der über 5000 Kilo­me­ter lan­gen Stre­cke an sich ist aber nicht das Zen­trum die­ses Buches, son­dern der sozia­le Rah­men, der Mikro­kos­mos des Läu­fer-Tros­ses, die sozia­len Inter­ak­tio­nen inner­halb die­ser eher zufäl­lig zusam­men­ge­wür­fel­ten Grup­pe und ihre Inter­ak­tio­nen mit dem Umfeld, dem Rest der Welt – ein­zeln und als Grup­pe.

Der Trans-Ame­ri­ka-Lauf, den McN­ab hier beschreibt (er stützt sich lose auf ein real statt­ge­fun­de­nes Ren­nen, den Buni­on Der­by von 1928), ist eine pro­fes­sio­nel­le Ver­an­stal­tung, die dem Pro­fit des Unter­neh­mers Charles C. Fla­na­gan die­nen soll – über den Umweg der Unter­h­at­lung für die Zuschau­er. Das Lau­fen ist also nicht ein Selbst­ver­wirk­li­chungs­trip wie heu­te so oft. Die Pro­ble­me der Orga­ni­sta­ti­on und der Läu­fer sind aber ähn­li­che wie bei heu­ti­gen Unter­neh­mun­gen die­sen Kali­bers, wobei die rein läu­fe­ri­sche Bewäl­ti­gung die­ser Stre­cke und die damit ver­bun­de­nen Pro­ble­me zwar vor­kom­men, aber ins­ge­samt eine nach­ran­gi­ge Stel­lung ein­neh­men.

Der Lauf star­tet mit einem rie­si­gen Star­ter­feld von über 2000 Läu­fern, das schnell aus­dünnt, dann aber ziem­lich sta­bil bleibt und am Ende in New York noch fast 1000 Läu­fer umfasst, von denen einig zwi­schen­durch noch an obsku­ren Leicht­ath­le­tik-Tunie­ren teil­neh­men, Box­wett­kämp­fe bestehen oder gegen ein Renn­pferd antre­ten. Immer mit den ent­spre­chen­den Wet­ten. Denn es geht vor allem ums Geld­ver­die­nen: Lau­fen als Geschäft – aber eben als Unter­hal­tungs­ge­schäft, für die Zuschau­er und als Anlass für Wet­ten. Die Aus­rich­tugn war also eine ande­re als heu­te, die Per­spek­ti­ve ver­schob sich. Das alles sie­delt McN­ab in einem genia­len Set­ting an – zur Zeit der Wirt­schafts­kri­se gibt es genug arme Schwei­ne, die das als Stroh­halm begrei­fen und die Grup­pe der Läu­fer ent­spre­chend bunt zusam­men­ge­wür­felt erschei­nen las­sen. McN­ab fokus­siert dabei erzäh­le­rich auf eine klei­ne Grup­pe an der Spit­ze: „Doc“ Cole, „Iron Man“ Mor­gan, Hugh McPhail, Lord Thur­leigt – und die ein­zig Frau, die von Los Ange­les bis New York durch­hält, Kate Sher­i­dan … Dazu mixt er ein wenig Roman­ze (zwi­schen Kate und Mor­gan, Fla­na­gans Sekre­tä­rin Dixie und Hugh). Geschickt setzt er wech­seln­de Foki zwi­schen Läu­fer und Ver­an­stal­ter, Außen- und Innen­sicht durch Ein­be­zie­hung der beglei­ten­den Repor­ter und ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen ein, um gestal­te­ri­sche und inhalt­li­che Abwechs­lung zu erzeu­gen. Das sport­li­che (oder wirt­schaft­li­che) Ereig­nis wird noch dazu auch poli­tisch ver­knüpft – mit Edgar J. Hoo­ver und sei­nem FBI, dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten und den Gewerk­schaf­ten und so eini­gen wirt­schaft­li­chen Intri­gen udn Hin­ter­hal­ten, die Fla­na­gan meis­tern muss – und mit Hil­fe der gran­dio­sen Läu­fer und ihrer hel­den­haf­ten Kame­rad­schaft­lich­keit auch bewäl­tigt.

Die­se Mischung aus Intri­gen und Lieb­schaf­ten, Sport, auch etwas Doping (in der deut­schen Mann­schaft, mit Koka­in und ähn­li­chem), die Ver­bin­dung von Hel­den­tum und pro­sa­ischem Überlebens-„Kampf“, das alles ergibt ein sehr, sehr bun­tes Tableau mensch­li­cher Fähig­kei­ten und Hand­lun­gen, die McN­ab geschickt mit­ein­an­der ver­knüpft und in die gro­ße Rah­men­er­zäh­lung, den lang­sam fort­schrei­ten­den Lauf quer durch Ame­ri­ka, ein­bet­tet. Das klingt schon hier viel, und es ist auch viel. McN­ab hat das aber gut im Griff, sei­ne Gestal­tung ist sehr abwechs­lung­reich, sei­ne Phan­ta­sie ermög­licht ihm leben­di­ge Schil­de­run­gen der Sze­ne­rie und der Gescheh­nis­se, sein Stil ist halb­wegs ele­gant und flüs­sig zu lesen (auch wenn eini­ge Här­ten drin ste­hen­bleibn, die teil­wei­se aber auch nach Über­set­zungs­pro­ble­men aus­se­hen). Und beim Lesen ver­gisst man dann ger­ne, dass das kom­plett fik­tiv ist. Der Roman gibt sich aber auch sehr geschickt (auch mit der „Nach­be­mer­kung“, die die wei­te­ren Kar­rie­ren der Haupt­fi­gu­ren auf­lis­tet) den Anschein his­to­ri­scher Rea­li­tät. Immer­hin gab es 1928 ja auch so etwas ähn­li­ches, das „Buni­on Der­by“, von Charles C. Pyle auf der sel­ben Rou­te aus­ge­rich­tet – aller­dings mit der rea­lis­ti­sche­ren Zahl von 275 Star­tern und ledig­lich 55 Finis­hern.1

Tom McN­ab: Trans-Ame­ri­ka. Ber­lin: Auf­bau Taschen­buch 2010 (Auf­bau 2008). 551 Sei­ten. ISBN 978–3‑7466–2584‑3.

  1. Einen knap­pen Auf­riss der Geschich­te die­ses Lau­fes gibt es bei runningtimes.com: klick.

Durch die Wand – laufend

„Run­ning throug the wall“ ist eine Samm­lung der Lauf-„Geschichten“ eini­ger Ultra­l­äu­fer Ame­ri­kas, ihrer beson­ders prä­gen­den Erleb­nis­se auf der Lang­stre­cke und teil­wei­se auch ihrer Lauf­bio­gra­phie: „I found out that if you spend enough time run­ning in the woods with an ultrarun­ner, you will hear a gre­at ultrarun­ning sory. It’s ine­vi­ta­ble.“ (12) begrün­det der Her­aus­ge­ber sein Unter­neh­men. Meis­tens sind das kur­ze Tex­te, weni­ge Sei­ten lang und bis auf eini­ge Aus­nah­men auch ganz nett und flüs­sig zu lesen. Die Namen der hier Betei­lig­ten sagen mir (natur­ge­mäß, möch­te ich sagen – ich ken­ne ja noch nicht mal vie­le deut­sche Ultra­l­äu­fer-Namen) wenig bis gar nichts.

„Run­ning through the wall“ ist dabei von sei­ner Idee und Kon­zep­ti­on ein typi­sches Ultra-Buch, könn­te man sagen: Geschich­ten von Läu­fern zum Anfi­xen neu­er Läu­fer. Immer getreu der alten Devi­se: Am meis­ten lernt man für Ultras von ande­ren Ultras, von Erfah­rungs­be­rich­ten, von Lauf­ge­schich­ten, von ers­ten Malen und beson­de­ren Erle­benis­sen auf der Stre­cke, von leich­ten und schwe­ren Läu­fen, von abseh­ba­ren und erwar­te­ten Pro­ble­men. Für mich etwa immer wie­der erstaun­lich ist, wie vie­le bei ihren „Wett­kämp­fen“ schon früh, d.h. nicht erst nach 80 oder 100 Kilo­me­tern, Pro­ble­me mit Bla­sen bekom­men … Und wie vie­le Hin­der­nis­se, persönliche/psychologische oder kör­per­li­che, von den Läu­fern über­wun­den wer­den, für wie vie­le Lau­fen und die Ultras mehr als ein Sport, mehr als eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung ist, son­dern – und das ist viel­leicht (aber nur viel­leicht) bei ame­ri­ka­ni­schen Läu­fern stär­ker aus­ge­prägt als bei deut­schen – für wie vie­le mit dem Lau­fen Heils­er­war­tun­gen und Heils­er­leb­nis­se ganz eng ver­bun­den sind. Das hat mich etwas über­rascht.

Natür­lich gibt es auch hier ein­fach ver­rück­te Spin­ner, etwa die bei­den Bezwin­ger des Bar­kley-Lau­fes – ein Lauf, der dar­auf ange­legt ist, nicht lauf­bar zu sein, zumin­dest nicht in der vol­len Län­ge – das über­steigt dann doch mei­nen Hori­zont: War­um soll­te ich einen Lauf begin­nen (noch dazu mit meh­re­ren Run­den), der expli­zit und über­haupt nicht gelau­fen wer­den will? Die star­ke Extre­mi­sie­rung des Lau­fens hier hängt natür­lich auch damit ab, dass das alles (?) Ame­ri­ka­ner sind, die nicht „nur“ 100 Kilo­me­ter, son­dern gleich 100 Mei­len lau­fen „müs­sen“ (eine Stre­cke, die ja in Deutsch­land auch gera­de in Mode kommt – für die ganz Har­ten …) – das ist schon noch ein­mal eine ande­re Haus­num­mer. Und 50er (egal ob Kilo­me­ter oder Mei­len) spie­len hier nur eine erstaun­lich gerin­ge Rol­le, sie kom­men sozu­sa­gen nur als Ein­stiegs­dro­ge oder Trai­nings­lauf vor. Immer wie­der wird genau das auch betont: Die „Här­te“ – des Lau­fes und sei­ner Bezwin­ger. Es geht, so scheint es in der Zusam­men­schau, nicht immer und nicht so sehr um das Lau­fen oder gar den Genuss des­sen, son­dern um das Über­win­den von Här­ten, das Über-sich-selbst-Hin­aus­ge­hen, die beson­de­re, außer­ge­wöhn­li­che Här­te (!) der Trails, der Stre­cke, des Kur­ses mit einer manch­mal durch­aus maso­chis­tisch erschei­nen­den Lust an der beson­de­ren Qual der beson­ders lan­gen Stre­cke in beson­ders unweg­sa­men Gelän­de … Da wird dann auch auf­fäl­lig (zumin­dest für mich) oft der Gebrauch von Medi­ka­men­ten wäh­rend des Laufes/Wettkampfes in Kauf genom­men.

Wie bei jedem ech­ten Ultra­l­äu­fer­buch spie­len natür­lich auch die Mit­läu­fer, die Ultra­sze­ne eine gewis­se Rol­le. Und wie eigent­lich immer ist es auch hier die Freund­lich­keit der „Ultra­ge­mein­de“, die immer wie­der betont wird: Wett­kampf, auch Kon­kur­renz ja, aber mit Lächeln und gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung (zumin­dest ein biss­chen, so lan­ge es nicht um den Sieg geht …).

Letzt­end­lich war mir das als Buch aber ein wenig zu viel: Die Rei­hung von 39 Tex­ten zeigt, wie sehr sich vie­le Läu­fer­bio­gra­phien ähneln kön­nen – und das Erle­ben der 100-Mei­ler auch (einem guten Start fol­gen Schmerz und Müdig­keit, die Gedan­ken ans Auf­ge­ben, die vom Wil­len zum Durch­hal­ten über­wun­den wer­den und schließ­lich das Finish als Anti­kli­max …) – wie gleich das Erleb­nis (Ultra-)Laufen für die aller­meis­ten Betei­lig­ten sich dar­stellt. Gefehlt haben mir im Buch vor allem ein paar mehr Infor­ma­tio­nen über die Läu­fe selbst – die ken­ne ich ja alle nicht per­sön­lich (von eini­gen hat­te ich immer­hin schon mal gehört), so dass ein paar Basis­in­for­ma­tio­nen mir da durch­aus wei­ter gehol­fen hät­ten. Und den Ame­ri­ka­nern sicher­lich auch, schließ­lich soll das ja ein Buch sein, dass sich nicht aus­schließ­lich an Ultra­l­äu­fer rich­tet.

Und jetzt zum Schluss noch ein paar fast will­kür­li­che Zita­te, die ich oben nicht unter­ge­bracht habe:

„ ‚What do you do with your mind when you’­re run­ning a hundred mile?‘ Wit­hout hesi­ta­ti­on, I repli­ed, ‚Igno­re it.‘ “ (20)
„So many times you want to give up, but you can­not. That’s what ultrarun­ning is all about. That’s what life is all about.“ (131)
„Ultras are more of a com­pe­ti­ti­on bet­ween me, mys­elf, the cour­se, and the distance. Ultrarun­ning pits my mind against my body.“ (167)
„I think ultrarun­ners must have a very poor memo­ry or no one would ever do anto­her race. You tend to for­get the pain and mise­ry and only remem­ber the thrill of accom­plish­ment.“ (195) – das stimmt frei­lich: „Schmerz ver­geht, Stolz bleibt“ heißt es in Deutsch­land.

Neal Jamison (Hrsg.): Run­ning Through the Wall: Per­so­nal Encoun­ters with the Ultra­ma­ra­thon. Hal­cotts­ville, NY: Breaka­way Books 2003. 288 Sei­ten. ISBN 978–1‑89136937–7 (inzwi­schen schon in der 10. Auf­la­ge).

Projekt Minotaurus und andere Verrücktheiten

Die ers­ten 120 Sei­ten die­ses Büch­leins sind, ehr­lich gesagt, ziem­li­cher Müll. Nicht nur ortho­gra­phisch und gram­ma­tisch eine Kata­stro­phe, son­dern auch inhalt­lich völ­lig unaus­ge­go­re­nes, undurch­dach­tes Gela­ber.
Schlimm auf­ge­sto­ßen sind mir vor allem die kru­den Vor­stel­lun­gen des Autors zum Zusam­men­hang von Lau­fen und Gesell­schaft – immer­hin legt er Wert dar­auf, als pro­mo­vier­ter Poli­tik­wis­sen­schaft­ler aner­kannt zu wer­den. Und dann schreibt er stän­dig von den bösen „Lauf­gu­rus“, die die arme Bevöl­ke­rung ver­füh­ren. Und von einem „man“, dass alle Men­schen zum Lau­fen ani­mie­ren will (und, das ist beson­ders köst­lich, dann extre­me Pro­jek­te wie Pammin­gers Grie­chen­land-Läu­fe nicht mone­tär bezu­schus­sen will – sehr selt­sa­mes Gesell­schafts­ver­ständ­nis, das da durch­scheint …). Mit der Tat­sa­che, dass Lau­fen zum „Mas­sen­sport“ gewor­den ist, scheint er aber sowie­so ein Pro­blem zu haben. Nicht nur hier betont er ja auch ger­ne, wie indi­vi­du­ell er (im Gegen­satz zu den ande­ren Her­den­tie­ren) sei. Nun ja … Oder sein selt­sa­mes Geschwur­bel zum Ver­hält­nis von Lau­fen und Reli­gi­on – einer­seits legt er wie­der­holt Wert auf sei­nen Sta­tus als gläu­bi­gen Athe­is­ten, ande­rer­seits schreibt er immer wie­der von der Ehr­furch vorm Schöp­fer und sol­chem for­mel­haf­ten Gesül­ze.
Und was schreibt er zum Lau­fen? Der ers­te Teil ist, wie gesagt, reich­lich kru­de. Evo­lu­tio­när sei Lau­fen zum Bei­spiel als Flucht­re­flex bestimmt – Bio­lo­gen (Hein­rich z.B.) sehen den Men­schen in sei­ner Früh­ge­schich­te eher als jagen­den denn flie­hen­den Läu­fer.
Dane­ben nerv­te mich vor allem: Die stän­di­ge Beto­nung und Her­vor­he­bung, wie beson­ders sein Pro­jekt doch sei. Das mag ja sein (und ist es auch), mich stört so etwas aber ein­fach trotz­dem immer sehr. Im zwei­ten Teil wird es nicht wirk­lich bes­ser. Die Lauf­be­rich­te sind erstaun­lich unde­tail­iert und gleich­för­mig, aber auch aus­rei­chend prä­ten­ti­ös. Kurz gesagt: Das Lau­fen kommt mir ein­fach zu kurz. Anek­do­ten über die bösen, ver­schlag­nen grie­chi­schen Por­tiers, die sein Team über die Ohren hau­en wol­len, sind für mich auch nicht wirk­lich span­nend. Also, alles in allem, ein für mich aus­ge­spro­chen unlus­ti­ges Buch.

Harald Pammin­ger, Alfred Ober­mayr: Oxi nein oder Wie ich zum ‚Kre­ta-Läu­fer‘ wur­de. Das etwas ande­re Lauf­buch. Wien: Books on Demand 2002. 327 Sei­ten. ISBN 3–8311-432–1.

Optimiertes Laufen

Der Unter­ti­tel sagt alles: „Medi­zi­ni­sche Tips zur bio­lo­gi­schen Leis­tungs­ver­bes­se­rung“. Im Kern geht es hier also um alles, was beim Lau­fen betei­ligt ist: Kno­chen, Bän­der, Mus­keln, von den Zehen bis zur Wir­bel­säu­le. Das alles wird – medi­zi­nisch – vorg­stellt und erläu­tert in Teil II: „Ana­to­mie und Bio­me­cha­nik des Lau­fens“. Teil III behan­delt dann „Feh­ler“ in die­sem Sys­tem unter der Über­schrift „Leis­tungs­li­mi­tie­ren­de bio­lo­gi­sche Gege­ben­hei­ten“ – sol­che Din­ge wie Fuß­fehl­stel­lun­gen, ver­küzr­te Mus­keln etc. wer­den hier abge­han­delt. Teil IV ist dann noch inter­es­san­ter für den akti­ven Läu­fer: „Häu­figs­te Über­las­tungs­pro­ble­me mit Check­lis­te zur Selbst­er­kennt­nis“. Teil V schließ­lich behan­delt im letz­ten Drit­tel die eigent­li­che Leis­tungs­op­ti­mie­rung – das reicht von den Lauf­schu­hen über die Ther­mo­re­gu­la­ti­on (sehr aus­führ­lich) bis hin zur „Trai­nings­steue­rung nach bio­lo­gischm Para­me­ter“, die dann erstaun­lich knapp aus­fällt. Über­haupt ist die­ses Buch nicht nur stark auf so etwas wie „Selbst­be­hand­lung“ oder „Selbst­er­fah­rung“ des Kör­pers aus­ge­legt, son­dern vor allem sehr knapp und über­sicht­lich – eher zum Nach­schla­gen als zum Lesen. Und eher für den medi­zi­nisch-tech­ni­schen Teil des Lau­fens zu gebrau­chen als für eine wirk­li­che Trai­nings­steue­rung – das bleibt sehr obe­fläch­lich und all­ge­mein. Für Besit­zer der „Lore of Run­ning“ kein unbe­dingt not­wen­di­ges Buch …

Božo Petra­cić, Franz Joa­chim Rött­ger­mann, Kurt-Chris­ti­an Traenck­ner: Opti­mier­tes Lau­fen. Medi­zi­ni­sche Tips zur bio­lo­gi­schen Leis­tungs­ver­bes­se­rung. 3. Auf­la­ge. Aachen: Mey­er und Mey­er 2000. 139 Sei­ten. ISBN 3–89124-390–1.

Schlammschlacht im Herbstwald

Ich war am Sams­tag mal wie­der lau­fen (natür­lich): 2:34:52 war ich unter­wegs – gereg­net hat es davon ziem­lich genau die ers­ten 2,5 Stun­den. Nicht immer sehr stark, mit sehr wech­seln­den Inten­si­tä­ten. Aber auf­ge­hört hat es erst, als ich kurz vor Schluss wie­der (zum let­zen Mal für die­sen Lauf) aus dem Wald auf­tau­che. Des­we­gen war der Dau­er­re­gen aber auch gar nicht so schlimm: Im Wald ver­teilt sich das irgend­wie viel mehr, es pras­selt nicht so sehr direkt auf mei­nen geschun­de­nen Kör­per. Dafür hnter­lässt er einen ent­spre­chen­den Lauf­un­ter­grund. Und der hin­ter­lässt Spu­ren – schon schnell merk­te ich, dass es die­ses Mal rich­tig dre­ckig wer­den wür­de. Und in der Tat, so ver­schlammt war ich sel­ten. Die Fotos ver­mit­teln das nur unge­nü­gend: Die Strümp­fe waren nicht mehr weiß, son­dern auf der Vor­der­sei­te mit röt­lich-brau­nem Matsch­was­ser mehr­fach durch­tränkt. Auf man­chen Abschnit­te spritz­te mir das Was­ser (bevor­zugt aus den Löchern der Pfer­de­hu­fe) bis an die Brust. Das kann aber auch damit zusam­men­hän­gen, dass ich ers­tens sowie­so ziem­lich flott (zumin­dest für mei­nen momen­ta­nen Trai­nings­stand) unter­wegs war und zwei­tens, nach­dem die Lage klar war, ohne Rück­sicht durch alle Schlamm­lö­cher, Pfüt­zen und Matsch­fel­der durch­ge­bret­tert bin. So schnell, dass der Forerun­ner auf den teil­wei­se auch mir neu­en Wegen nicht immer mit­kam – bei dich­tem Regen und dich­tem Wald an den Hän­gen des Oden­walds häu­fen sich die Aus­set­zer. Des­we­gen hat­te der Gar­min nur 30 Kilo­me­ter, Sport­tracks nach erneu­ter Berech­nung aber immer­hin 30,76 Kilo­me­ter auf­ge­zeich­net. Natür­lich traue ich Sport­tracks mehr 😉 – das so ermit­tel­te Tem­po stimmt aber auch eher mit mei­nem Gefühl über­ein.

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Leidenschaft Laufen

„Nichts ist so edel, tief und irra­tio­nal wie unser Lau­fen – und nichts so wild und urtüm­lich.“ (24)

So schreibt es Bernd Hein­rich, (Ultra-)Marathoni und Bio­lo­ge. Er hat eines der bes­ten Bücher über sei­ne bei­den Lei­den­schaf­ten geschrie­ben: Die Natur­welt und das Lau­fen. So heißt es auch: „Lau­fen. Geschich­te einer Lei­den­schaft“. Und der Unter­ti­tel trifft es sehr genau: Denn um Lei­den­schaf­ten geht es hier. Nicht nur um das Lau­fen als Sport, als Fort­be­we­gungs­form oder als Wett­kampf, son­dern auch um Bio­lo­gie und ihre Läu­fer, die Käfer zum Bei­spiel, oder auch ande­re Aus­dau­er-Tie­re wie die Zug­vö­gel. Denn Hein­rich ist nicht nur Mara­thon- und Ultra­l­äu­fer ers­ter Klas­se (Anfang der 80er lief er US-Rekor­de über 100 Kilo­me­ter (in 6:38:21) und im 24-Stun­den-Lauf z.B., hat auch eini­ge gute Mara­thon-Zei­ten deut­lich unter 2:30 erlau­fen), son­dern auch Bio­lo­ge – offen­bar genau­so mit Leib und See­le, wie er das Lau­fen ver­folgt …

Der bio­lo­gisch gebil­de­te und geschul­te Hin­ter­grund die­se Läu­fers macht sich also bemerk­bar. Und zwar auf sehr ange­neh­me Wei­se. Schon die ers­te Schil­de­rung eines Mor­gen­lau­fes ist phan­tas­tisch (wahr­haf­tig!) – nicht nur, was er alles sieht – das ist offen­bar Mon­ta­ge vie­ler, jah­re­lan­ger Läu­fe – son­dern auch die Genau­ig­keit nicht nur des Erken­nes & Beob­ach­tens, son­dern auch des Ken­nens und Benen­nens – da merkt man den Natur­wis­sen­schaft­ler sehr deut­lich … Aber das ist trotz­dem (oder gera­de des­we­gen) so anschau­lich beschrie­ben, dass man den Läu­fer und sei­ne Umge­bung wirk­lich vor sich sieht. Und am liebs­ten sofort auf­bre­chen möch­te, genau so zu lau­fen – aber drau­ßen reg­net es gera­de, also lie­ber noch etwas wei­ter lesen.

Ich füh­le mich gut und spü­re, wie mir fri­sche Kräf­te erwach­sen durch die Erwar­tung der Din­ge, die hin­ter der nächs­ten Bie­gung mei­ner har­ren, durch die Erin­ne­rung an frü­he­re Läu­fe und gele­gent­lich auch durch die Vor­freu­de auf ein Wett­ren­nen in der Zukunft. (18)

Hein­rich ver­quickt hier sehr schön sei­ne per­sön­li­che Lauf­bio­gra­phie bis zu ihrem Höhe­punkt, den US-Meis­ter­schaf­ten im 100-Kilo­me­ter-Lauf in Chi­ca­go 1981 mit biologischen/physiologischen Beob­ach­tun­gen und Erkennt­nis­sen zum Aus­dau­er­sport. Davon, von dem Wett­kampf und sei­nen Vor­be­rei­tun­gen, aus­ge­hend blickt er zurück bis in sei­ne frü­he Kind­heit in Deutsch­land und Ame­ri­ka, sei­ne frü­he Begeis­te­rung für das Lau­fen drau­ßen in der Natur und sogleich auch die Beob­ach­tung die­ser Natur, sei­ne ver­schie­de­nen Ansät­ze, Lau­fen als Sport zu betrei­ben. Und dazwi­schen und mit­ten­drin ganz viel (für mich) Span­nen­des und Inter­es­san­tes aus der Tier­welt – über Zug­vö­gel, Insek­ten, Homi­ni­den, Gabel­bö­cke und Zie­gen oder Gepar­den glei­cher­ma­ßen. Immer unter dem Aspekt: Wie schaf­fen es die­se Arten, ihre beson­de­ren Fähig­kei­ten hin­sicht­lich der Fort­be­we­gung so zu erbrin­gen, wel­che Vor­aus­set­zun­gen bil­de­ten sie im Lau­fe der Evo­lu­ti­on für gro­ße Aus­dau­er- oder kur­ze Hoch­ge­schwin­dig­keits­leis­tun­gen aus. Und Hein­rich, der bei Insek­ten auch auf die­sem Gebiet als Bio­lo­ge geforscht hat, ver­sucht dann, die­ses Wis­sen auf den mensch­li­chen Läu­fer zu über­tra­gen, zum Bei­spiel sei­ne Ener­gie­ver­sor­gung vor und wäh­rend des Ultra­l­au­fes nach die­sen Erkennt­nis­sen zu gestal­ten (er benutz­te dann bei sei­nem 100er aus­schließ­lich Prei­sel­beer­saft …). Und als Neben­pro­dukt fällt ein schö­ner Ver­gleich der bei­den Mus­kel­fa­ser­ty­pen ab:

Ein anae­ro­ber FT-Mus­kel [Fast Twicht­ing] braucht kei­ne Vor­ker­hun­gen für eine rasche Ver­sor­gung mit Sau­er­stoff oder Brenn­stoff, für den Abtrans­port von Abfall­stof­fen und für Tem­pe­ra­tur­re­gu­lie­rung. Er ist wie ein Renn­au­to, das dafür gebaut ist, sehr schnell über die Stre­cke zu jagen, und daher ganz anders aus­sieht als ein Wohn­mo­bil, das man für eine Wüs­ten­durch­que­rung her­ge­rich­tet hat. (89)

Hein­rich selbst hat das Lau­fen wohl, so schil­dert er es, sein gan­zes Leben mit Lust betrie­ben – als Kind in Deutsch­land genau­so wie im Inter­nat in Ame­ri­ka, wo er dann auch zum Cross-Läu­fer wird. Auch am Col­lege lan­det er bei den Läu­fern, trotz ver­schie­de­ner Ver­let­zun­gen. Und spä­ter wird er dann fast neben­bei zum Mara­tho­ni mit einer Zeit von 2:25.

Ab dem 15. Kapi­tel geht es dann auf die Ziel­ge­ra­de: Der 100er von Chi­ca­go rückt jetzt end­gül­tig in den Fokus: Das Trai­ning, die Vor­be­rei­tung, die Ernäh­rung und der eigent­li­che Lauf als Schluss­sprint wer­den ver­gleichs­wei­se knapp dar­ge­stellt. Sehr sym­pa­thisch aber auch die dezi­dier­te Anti-Hel­den-Hal­tung Hein­richs, der sei­ne Leis­tung nicht groß­ar­tig her­aus­stellt, son­dern auch die Zie­le ande­rer Läu­fer immer wie­der betont. Ganz wesent­lich ist aber auch: Lau­fen ist immer ein Freu­de, eine Lei­den­schaft, ein Genuss – auch wenn es mal weh­tut, die Beloh­nung durch und im Erle­ben der Erfah­run­gen des Lau­fens und des Läu­fers wie­gen den Schmerz mit Leich­tig­keit wie­der auf.

Ins­ge­samt also: Ganz klar eines der schöns­ten Bücher über das Lau­fen, das ich ken­ne. Wahr­schein­lich, weil das eigent­li­che Lau­fen an sich (des Men­schen) gar nicht so sehr im Vor­der­grund steht. Son­dern eher die Begeis­te­rung für die lau­fen­de Fort­be­we­gung. Oder, noch all­ge­mei­ner, die Begeis­te­rung über aus­dau­ern­de Ent­fer­nungs­über­brü­ckun­gen, egal wie oder durch wen – so lan­ge es mit eige­ner Kör­per­kraft und ohne tech­ni­sche Hilfs­mit­tel geschieht. Noch dazu ein klu­ges, sym­pa­thi­sches, über­haupt nicht ange­be­ri­sches Buch. Abso­lu­te Lese­emp­feh­lung!

Bernd Hein­rich: Lau­fen. Geschich­te einer Lei­den­schaft. Mün­chen: List Taschen­buch 2005. 349 Sei­ten. ISBN 978–3‑548–60564‑7.

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